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Familienhilfe auf Russisch, Türkisch und Thailändisch – wie Migranten ihre Angehörigen unterstützen

Mit guten Netzwerken gegen dunkle Kanäle

Hessisch Oldendorf / Fischbeck/Fuhlen (doro). „Remittances“ – so lautet der englische Begriff für den Teil des Einkommens, den Migranten ihren Familien in der Heimat zukommen lassen. Für die Dritte Welt, aber auch für Schwellenländer sind diese Rücküberweisungen segensreich, denn mit dem Geld wird Armut gelindert, werden Existenzen gegründet. In den letzten Jahrzehnten sind die Summen weltweiter Rücküberweisungen stetig angestiegen – sie übersteigen die offizielle Entwicklungshilfe mindestens um das Doppelte.

Tik Puantin

Doch wer sind diese Entwicklungshelfer, die meist hart arbeiten, oft wenig verdienen und trotzdem einen erheblichen Teil ihres Verdienstes abgeben, um ihren Familien in der Ferne ein besseres Leben zu ermöglichen?

Eine von ihnen ist Ksenia Rechetova. Sie schickt nicht nur einen Teil, sondern alles, was sie verdient, in die Heimat nach Weißrussland. Für die 200 bis 300 Euro, die bei der Mutter in Minsk ankommen, steht die Hausfrau, Kunstmalerin und Mutter von zwei Kindern am frühen Morgen auf, damit die Postreklame, die sie im Auftrag der Dewezet in Hessisch Oldendorf verteilt, noch vor 6 Uhr in den Postkästen liegt. Ohne das Geld der Tochter könnte sich die Rentnerin kaum etwas leisten, das Geld reicht gerade für das Essen. Vieles ist für die Menschen unerschwinglich geworden, erzählt Ksenia Rechetova, während es in Russland vorwärts gehe, herrschten in ihrer Heimat Inflation und Korruption – „junge Menschen haben in Weißrussland kaum eine Perspektive, alles stagniert“. Dennoch fährt Ksenia Rechetova jeden Sommer nach Minsk und sehnt sich danach, irgendwann zurückzukehren.

Vor 12 Jahren ist sie mit ihrem Mann, einem Kontingentflüchtling, nach Deutschland gekommen, aber die sprachlichen Barrieren sind für die junge Frau, die in Minsk angefangen hatte, Biologie zu studieren, immer noch hoch. Ihrem Mann, der als Busfahrer arbeitet, fällt die Integration leichter. Es ist wohl eine Mischung aus Heimweh und dem Gefühl, in Deutschland nicht willkommen zu sein, die es ihr schwermacht, sich Neuem zu öffnen. Aber Ksenia Rechetova versucht es tapfer und sitzt inzwischen bei Ludmila Rudi-Stozkaja im Deutschkurs. Auch die Ukrainerin, die in Odessa als Lehrerin für Russisch und Deutsch arbeitete und nun in Hessisch Oldendorf unterrichtet, unterstützt Menschen in ihrem Heimatdorf. Drei- bis viermal im Jahr sendet sie Pakete, im Sommer und Herbst fährt sie selbst nach Mirnoe (einst Freudental) und verteilt Kleidung, Spielsachen und Haushaltsgeräte. Zusätzlich unterstützt sie ihre Schwester, die die pflegebedürftige Mutter betreut. Ein Heim komme für die alte Dame nicht infrage: „Wer bei uns Angehörige ins Heim schickt, kann sich der Verachtung der anderen sicher sein.“ Selbstbewusst hat Ludmila Rudi-Stozkaja inzwischen ein funktionierendes Netzwerk aufgebaut: Menschen in Hessisch Oldendorf, die ihr Sachen bringen und Menschen in Mirnoe, die alles gerecht verteilen. Dass die Sachen wirklich bei den Bedürftigen ankommen und nicht in irgendwelchen dunklen Kanälen verschwinden, ist ein Vorteil ihres Direkt-Systems. Das Motiv der vierfachen Mutter ist dabei einfach: „Ich fühle mich verpflichtet, weil ich es gut habe und es den Menschen dort nicht so gut geht.“

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Mesut Özdemir
  • Mesut Özdemir

Gut gehen soll es auch der Familie von Tik Puantin aus Fischbeck. Sie ist in Uttaridit, einer Stadt im Norden Thailands, geboren. Nach der Heirat mit einem Fischbecker fängt sie 1985 an, bei Weser-Champignon zu arbeiten. „Ich konnte kein Wort Deutsch, ,Champignon’ war das erste Wort, das ich gelernt habe.“ Am Anfang ist es schwer für die zierliche Thailänderin, die bei Dohme im Akkord arbeitet und die freundliche Mentalität ihrer Landsleute vermisst. Jeden Monat zweigt sie 150 Euro von ihrem Lohn ab und schickt sie ihrer Familie in Thailand. Es ist bestimmt für die Mutter, die keine Rente bekommt und für ihren Sohn Ton, der bei den Großeltern aufwächst und sieben Jahre alt ist, als die Mutter nach Deutschland geht. „Er kannte es nicht anders, er hat immer bei den Großeltern im Dorf gelebt“, sagt Tik. Dass die Kinder bei den Großeltern aufwachsen, ist in Thailand nichts Ungewöhnliches, gerade in ländlichen Gegenden müssen die Eltern das Dorf oft verlassen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Mit dem Geld aus Deutschland kann sich Tiks Mutter sonst für sie unerschwingliche Medikamente leisten. Und es reicht für Schulgeld und Bücher für Ton. Heute ist Ton 37 Jahre und von Beruf Busfahrer.

„Natürlich war meine Familie traurig, als ich nach Deutschland gegangen bin, aber meine Mutter meinte, es sei besser so“, sagt Tik. Gerne würde sie ihre Familie nach Deutschland einladen, doch das kann sie sich nicht leisten: 200 Euro kostet ein Visum pro Monat, Flüge und andere Kosten nicht mitgerechnet. Familiensponsoring hat auch Mesut Özdemir aus Hessisch Oldendorf schon mehrfach betrieben: „Mein Schwager hatte sich einen kleinen Bus gekauft, um die Leute aus seinem kleinen Heimatort nach Tarsus zu bringen, doch dann hatte er Schwierigkeiten, die Raten zu zahlen. „Ich habe ihn selbstverständlich unterstützt“, sagt Özdemir. Heute gehe es dem Schwager „richtig gut“: „Das Geschäft läuft, und er hat sein Unternehmen sogar vergrößert“, erklärt der 47-Jährige. Selbstverständlich war auch, dass er einem Verwandten 5000 Mark für den Umbau seines Hauses geschickt hat, als die Heirat des Sohnes bevorstand. Ebenso die 100 Mark, die er der Oma, die keine Rente hat, früher für Pflege, Medikamente und den Arztbesuch regelmäßig geschickt hat. „Ich war damals ledig und hatte viel gespart“, sagt Mesut Özdemir, der inzwischen seit 30 Jahren bei Dura-Besmer arbeitet. 2005 hat er seinen Industrie-Textilmeister gemacht, darauf ist Özedmir, der immer gerne Chemiker werden wollte, stolz. Doch für ihn hieß es, in dem Land, in das er mit 15 Jahren mit seinem Vater kam, nach einem Berufsgrundschuljahr und schlechten Sprachkenntnissen erst mal Geld verdienen. Heute ist er Vorsitzender der Moschee-Gemeinde, zweiter Vorsitzender des deutsch-türkischen Freundschaftsvereins und zweiter Vorsitzender bei Rot-Weiß. Im Jahr 2006 betrugen die Transfers, die Migranten von Deutschland aus initiierten, über 12,3 Milliarden US-Dollar.

Im internationalen Ranking belegt die Bundesrepublik damit Platz vier der größten Remittance-Märkte. Experten schätzen, dass diese die Finanzflüsse über offizielle Kanäle noch weit übertreffen. Mit fortschreitender Globalisierung ist damit zu rechnen, dass in Zukunft Migrationsströme und die damit einhergehenden finanziellen Rückflüsse in die Herkunftsländer noch weiter ansteigen werden.

Ludmila Rudi-Stozkaja hat ein funktionierendes Netzwerk aufgebaut, um den Menschen in der Ukraine zu helfen, Ksenia Rechetova schickt alles, was sie verdient, ihrer Mutter in Weißrussland.

Fotos: doro

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