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Im baden-württembergischen Donaubergland haben sich viele Fasnet-Bräuche bis heute gehalten

Mit der Morgensuppe beginnt die Narrenzeit

Wer in Möhringen, Fridingen und Mühlheim im Donaubergland Fasnet feiern will, muss früh aufstehen. In den Morgenstunden des „Schmotzige Dunschtig“, wie der Donnerstag vor der kalendarischen Fasnacht hier heißt, entzünden die Möhringer Hemdglonker im weißen Nachthemd und mit Zipfelmütze ihre Laternen, wecken lärmend das Dorf und laden zur Morgensuppe.

Von Susann Förster-Habrich

Wer in Möhringen, Fridingen und Mühlheim im Donaubergland Fasnet feiern will, muss früh aufstehen. In den Morgenstunden des „Schmotzige Dunschtig“, wie der Donnerstag vor der kalendarischen Fasnacht hier heißt, entzünden die Möhringer Hemdglonker im weißen Nachthemd und mit Zipfelmütze ihre Laternen, wecken lärmend das Dorf und laden zur Morgensuppe. Und schon ist man mittendrin in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht, wie sie im südlichen Baden-Württemberg, zwischen Oberrhein und Allgäu, gefeiert wird, mit ihren unzähligen Narrentypen, Masken, Häsern, vielfältigen Bräuchen sowie kuriosen Auswüchsen.

Seit dem 13. Jahrhundert lässt sich die Fasnacht in Mitteleuropa nachweisen. Wie der Karneval hat die schwäbisch-alemannische Fasnet ihren Ursprung in Festen zum Aufbrauchen der verderblichen Vorräte wie Fleisch, Schmalz und Eier, die in den Wochen der Fastenzeit nicht konsumiert werden durften. Ein durch und durch christlicher Kontext.

Der Narrensamen

wird gesät

Aus den Gelagen entwickelte sich zunehmend ein gesellschaftliches Ereignis mit Spiel, Musik und Vermummung. Bräuche und Traditionen entstanden, von denen es in den „Fasnachtshochburgen“ im Landkreis Tuttlingen noch einige gibt. Wie der Pflugumzug der „Füchs“ in Fridingen. An einem langen Seil führen sie den Pflug durch den alten Ortskern. Symbolisch soll so die Erde aufgerissen werden, um den Narrensamen zu säen. Die Wurzeln des Pflügens reichen weit zurück: Seit dem 14. Jahrhundert waren Tänze, Schaubräuche wie Block- oder Pflugumzüge und Fasnachtsspiele üblich. So auch heute. Die Faszination der Fasnet, das sind Rollenspiel, Vermummung und das Ausbrechen aus dem Alltag. Kein Wunder, dass vom Rügerecht der Narren gern Gebrauch gemacht wird. „Schnurren“, „Strählen“, „Hecheln“ heißt es, wenn der Narr dem Unvermummten die Meinung sagen darf. In Mühlheim ziehen die „Alten Schachteln“ los, um in den Wirtschaften den Männern den Kopf zu waschen. „Aufsagen“ nennt man das hier. In Möhringen gibt es sogar ein hochoffizielles Narrengericht. Das Schemengericht, von dem schon in einer Chronik aus dem Jahr 1549 berichtet wird, besteht aus drei Schemenrichtern, einem Ankläger und einem Fürsprecher, der dem Angeklagten vor Gericht zugewiesen wird. Punkt zwei Uhr mittags am „Schmotzige Dunschtig“ verhandeln die Richter hinter Furcht erregenden Schemen im Rathaus die dümmsten Missgeschicke des Jahres. Da bleibt es nicht aus, dass zur Strafe auch Narreteien ausgeführt werden müssen.

Umringt von den „Sagt-er“-Männern trägt der Vorsänger – in Frack und Zylinder – seine Rügen vor.

Die örtliche und überregionale Prominenz im Visier haben die „Sagt-er“-Männer in Mühlheim, wenn sie am „Fasnetsmentig“ ihr Rügespiel aufführen. In Frack und Zylinder bringt ein Vorsänger in Versen all das zu Gehör, was ihm wichtig und glossierenswert erscheint. Ein 200 Mann starker Chor in schwarzen Hosen, weißen Hemden, Zipfelmützen und bemehlten Gesichtern fügt nach jedem Vers ein energisches „Sagt er“ hinzu.

Weckbrauch mit

Sensendengeln

Auch wenn diese Tradition keineswegs schwäbisch-alemannischen Ursprungs ist, sondern 1892 aus dem preußischen Berlin importiert wurde, auf den ganz speziellen Männerchor mag in Mühlheim kein Fasnetsfreund mehr verzichten. Dass man das Spektakel früh am Morgen verpassen könnte, ist unwahrscheinlich. Denn ein alter Weckbrauch wird in Mühlheim nach wie vor gepflegt, das Sensendengeln. In der Früh trifft man in der historischen Oberstadt die Dengler: Männer, rustikal angezogen, sitzen auf Holzböcken und dengeln, also schärfen, auf Stahl ihre Sensen. Durch dieses monotone Dengeln werden heute noch die Mitbewohner auf den Beginn des Haupttages hingewiesen.

Und so kommen im Donautal an den tollen Tagen die Peinlichkeiten, Untugenden und Missgeschicke ans Licht, bis am „Fasnetzeischdig“ der Narrenbaum gefällt, die Fasnet begraben oder im Misthaufen versenkt wird. Indes halten die Schmenenrichter, „Sagt-er“-Männer und Alte-Schachteln in zivil nach neuen Opfern Ausschau. Denn wie heißt es am Rosenmontag in Mühlheim: „Es tue jeder, sagt er, was er kann, sagt er, im nächsten Jahr, sagt er, sind andere dran. Sagt er“.




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