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Ein fast vergessenes, über Jahrhunderte hinweg bedeutsames Modell der Altenversorgung

Mit der Leibzucht alt geworden

Fast 80 Jahre wird, statistisch gesehen, der Durchschnittsbundesdeutsche heutzutage alt. Nicht jeder kann oder will die letzten Lebensjahre in seiner angestammten Umgebung verbringen. Als derzeit gängigste Lösung gelten Altersheime, im amtlichen Sprachgebrauch „Pflegeheime“ und von den Betreibern gern und oft „Seniorenresidenzen“ genannt.

Bild eines heimischen Leibzüchters aus den 1920er Jahren. Repro: gp

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Keine Bedeutung mehr hat die Leibzucht, über Jahrhunderte hinweg Inbegriff und zentraler Baustein des Älterwerdens auf dem Lande. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren „Lieftuchten“ noch auf vielen heimischen Höfen zu finden. Die Palette reichte von der düster-kleinen Fachwerk-Hütte bis zum feudal-herrschaftlichen Sandsteinbau. Die meisten sind inzwischen verschwunden. Einige von denen, die überlebt haben, wurden liebevoll saniert. Was viele nicht wissen: Der Ursprung der Leibzuchten hat nichts mit Nächstenliebe und elterlicher Fürsorge, sondern mit unternehmerischem Kalkül der Landesherren zu tun.

Die ersten ländlichen Altersherbergen soll es hierzulande bereits im frühen Mittelalter gegeben haben, also zu einer Zeit, in der das Gros der Felder und Wälder noch herrschaftlicher Grundbesitz war, und die Bauernstellen von leibeigenen Pächtern bewirtschaftet werden mussten. Schon bald war klar, dass sich deren Arbeitseifer (und damit auch der Zinsertrag der Höfe) am besten und nachhaltigsten durch Genehmigung eines unbefristeten Bewirtschaftungs- und Bleiberechts (Erbpacht und Leibzucht) steigern und hochhalten ließ. „Nur der Bauer, welcher die gewisse Hoffnung hat, daß sein Gut, welches er mit sauerm Schweiß und großer Mühe verwaltet, dermahleinst nicht in fremde Hände gerathen werde, wird sich sicherlich als ein rechtschaffener Vater bemühen, dasselbe in so gutem Stande als möglich, den Seinigen zu hinterlassen“, so die schon damals gewonnene Erkenntnis. „Da hingegen derjenige, dem diese Hoffnung fehlt, das Gut aussaugen wird, um sich für keinen Fremden zu quälen“.

Zur Regelung der Einzelheiten wurden – bis in die Neuzeit hinein – zahllose landesherrliche Vorschriften erlassen. Den entscheidenden Impuls für das heimische „Leibzuchten-Wesen“ gab der bekannte Graf und spätere Fürst Ernst zu Holstein-Schaumburg. In seiner 1615 abgefassten „Land- und Polizey-Ordnung“ war der Bau von Leibzuchten auf „Meyer-Höfen“ und „Kot-Höfen“ verbindlich vorgeschrieben. Als Meierhöfe (Meier = Bauer) waren damals Hofstätten von mehr als 20 Morgen einklassifiziert. Kötter (Kleinbauer) hatten meist etwas weniger unterm Pflug. Zu Größe und Ausstattung der Meierhof-Leibzuchten wurden Mindeststandards hinsichtlich Leinsaat-, „Wiesenwachs“- und „Deelzucht“-Mengen festgelegt. Über die Kot-Höfe konnte und sollte im Einzelfall entschieden werden. „So viel aber die Kot-Höfe belanget, wird die Leibzucht verordnet, nachdem dabey wenig oder viel ist.“

Die Vorgaben Ernsts mussten von dessen Nachfolgern immer wieder erneuert und an die sich rapide verändernden Verhältnisse angepasst werden. Die lange Zeit wichtigste Rechtsgrundlage für die Mitte des 17. Jahrhunderts an Hessen gefallene Grafschaft Schaumburg war die 1776 vom damaligen Landgrafen Wilhelm IX. erlassene Verordnung „betr. die Vertheilung der Hufen- und geschlossenen Bauerngüter“. Besondere Bedeutung im benachbarten Schaumburg-Lippe erreichte das wenige Jahre zuvor in Kraft getretene „Rescript wegen Aeußerung der Kolonien vom 15. Julius 1772“.

Da das Leibzucht-System nur auf wirtschaftlich gesunden Höfen funktionierte, ließen die Obrigkeiten nichts unversucht, die Betriebe als gewinnbringende Wirtschaftseinheit beisammen zu halten. Es müsse unbedingt verhindert werden, „daß die Höfe Uns und den Interessenten zu mercklichem Nachtheil verderbe und gar herunter gebracht“ würden, hatte schon Ernst in seiner Polizey-Ordnung verfügt.

Die Leibzüchter hatten derweil mit anderen, meist alltäglich-menschlichen Widrigkeiten zu kämpfen. So gab es jedes Mal Krach, wenn der Altbauer gegen eherne, ungeschriebene Gesetz „Der Leibzüchter darf nicht züchten“ verstieß und als Altenteiler Nachwuchs zeugte. Grund: Die bis dato geltenden Nutzniesrechte mussten neu ausgehandelt werden.

Häufigster Streitanlass war laut Aktenlage das Zusammenleben von Jung und Alt und das Zuständigkeitsgerangel zwischen den Generationen. „Mann und Frau fangen an, sich übel zu begegnen, der gemeinschaftliche Genuß der Freude ist todt“, ist in einem der zahllosen Beschwerdeprotokolle zu lesen. In vielen Fällen ging es um den „Selbstbehauptungswillen“ der Jungbäuerinnen. „Ihre Ränke und Bosheiten verleiten den sonst ganz billigen Mann zu Lieblosigkeiten und Ungerechtigkeiten; der göttliche Segen wendet sich von seiner schuldvollen Hütte weg, die mit den Zähren der Mutter bethränt und von ihren Seufzern erfüllt ist“.

Fazit: „So bleibt es gewiß ein seltener Fall, daß in einem Hofe, wo eine Leibzucht wirklich vorhanden ist, nicht auch zugleich eine kleine Hölle, eine Ehe-Teufelin, oder eine Mutter-Peinigerinn, als eine Quelle des Unsegens vorhanden sey“.



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