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Premierenfahrt des Raddampfers Eduard vor 170 Jahren

Mit 100 PS die Weser runter

Wenn das kommt, können wir uns auf die Sandbänke stellen und angeln“, wurde jüngst Rolf Foellner, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Oberweser, in einem Zeitungsbericht zitiert. „Aber Schiffe fahren nicht mehr“. Die Sorge des Chefsprechers der Touristik- und Kiesgrubenbetreiberbranche rund um Holzminden gilt dem Plan der Bundesregierung, die staatliche Wasser- und Schifffahrtsverwaltung auf den Prüfstand zu stellen. Arbeit und Organisation sollen neu bewertet und, falls erforderlich, an die veränderten volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst werden. Korrekturbedarf haben die Experten des Verkehrs- und Finanzministeriums offenbar bereits an der Weser ausgemacht. Der Flusslauf südlich von Minden habe als Frachtverkehrsweg keine Bedeutung mehr, heißt es in einem Positionspapier. Die bisherigen Ausgaben für Betrieb und Unterhaltung könnten und müssten deutlich zurückgefahren und einige Gewässerabschnitte ganz „sich selbst überlassen“ werden.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Wie sich die Verwirklichung der Pläne auf das Leben in, auf und entlang der Oberweser auswirken würde, ist schwer zu sagen. Sicher ist, dass die Stilllegung der bislang mit der Vertiefung der Fahrrinne beschäftigten Bagger vor allem die Schifffahrt verändern würde. Einen ungefähren Eindruck davon, wie es dann auf dem Fluss zugehen könnte, kann man in Beschreibungen und Aufzeichnungen aus der Zeit Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts nachlesen. Damals gingen in der Region erste Versuche mit maschinenbetriebenem Bootsverkehr über die Bühne. Der Fluss war noch weitgehend naturbelassen. Wegen der geringen, stellenweise nur 50 Zentimeter betragenden Wassertiefe kamen nur leichte und relativ kleine Dampfschiffskonstruktionen für die Beförderung von Personen infrage. Frachttransport war unter diesen Bedingungen (noch) nicht möglich.

Nach etlichen Fehlversuchen kam es im Sommer 1843 zur Einrichtung eines planmäßigen Passagierverkehrs. Das erste Linienschiff war der 100-PS-Raddampfer „Eduard“. Er legte auf seiner Fahrt von Hannoversch Münden nach Bremen vor 170 Jahren auch in Rinteln an. Der 4. September 1873 darf deshalb als Start und Geburtsstunde der Dampfschifffahrt in der Grafschaft Schaumburg gelten. Die Ankunft der „Eduard“ war ein großes Ereignis. Die hiesige Einwohnerschaft bereitete dem stampfenden und qualmenden Gefährt einen begeisterten Empfang. Ähnlich war es zuvor in Karlshafen, Höxter und Holzminden zugegangen. Während der beiden planmäßigen Übernachtungsstopps in Hameln und Minden ließen es sich die Honoratioren beider Städte nicht nehmen, den Kapitän und die an Bord mitreisenden Passagiere bei abendlichen Festbanketts ein ums andere Mal hochleben zu lassen.

Aus den Trinksprüchen und Festreden waren nicht allein Stolz und Freude am technischen Fortschritt herauszuhören. Politisch interessierten und aufgeschlossenen Zeitgenossen galt das sich aus eigener Kraft vorwärts bewegende Boot – vor dem Hintergrund der damaligen national-liberalen Reform- und Einheitsbestrebungen – auch und vor allem als Symbol für die Hoffnung auf mehr politischen Entfaltungsspielraum.

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  • Der Premierendampfer „Eduard“ beim Start – Lithografie eines ungenannten Zeichners aus dem Jahre 1843.

Rein äußerlich wirkte das Schiff, gemessen an heutigen Verhältnissen, eher bescheiden. Der aus Holz gefertigte Rumpf war circa 30 Meter lang und etwa 2,80 Meter breit. Die beiden seitlichen Radkästen mitgerechnet kam man auf knapp 5 Meter. Den maximal 40 Passagieren standen zwei Kajüten (erster und zweiter Klasse) zur Verfügung. Daneben gab es einen Raum fürs Gepäck. In zeitgenössischen Beschreibungen ist von einem „zierlichen Schiffchen, das auch im Äußeren Eleganz zeigt“, die Rede.

Weniger gut war es um die Entstehungsgeschichte und die Fahreigenschaften des neuen Flussdampfers bestellt. Jedenfalls war von Anfang an jede Menge Aufregung im Spiel. Das fing bereits bei der Namensfindung an. Eigentlich hatte das auf Initiative einflussreicher Fabrikanten aus Hannoversch Münden in der Maschinenfabrik Henschel in Kassel zusammengebaute Boot auf den Namen des hessischen Thronfolgers Friedrich Wilhelm getauft werden sollen. Doch daraus wurde nichts. Man hatte vergessen, sich vorher nach dem Wohlwollen des Prinzregenten zu erkundigen. Der zeigte sich beleidigt und reagierte mit Gunstentzug. Der Betrieb des neuen Schiffs auf hessischem Gewässer wurde verboten, der 20 000 Taler teure Neubau nach einem der Geldgeber, dem Zuckerfabrikanten Eduard Listenfeld, benannt.

Weitaus schwerwiegender als das Image-Geplänkel schlug das wenig Vertrauen erweckende Fahrverhalten der Neukonstruktion zu Buche. Der geringe Tiefgang (leer knapp 40 und voll beladen rund 45 Zentimeter) sowie die unausgewogene Lastenschwerpunktverteilung ließen das Schiff schnell ins Wanken geraten. Die Passagiere wurden deshalb von Kapitän Christian Friedrich Siebel ermahnt, bei aufkommendem Wind nicht auf Deck hin- und herzulaufen. Besondere Vorsicht war im Bereich von Untiefen und Brücken angesagt. Das galt vor allem für die Stromschnellen bei Hannoversch Münden, Hameln, Vlotho („Vlothoer Gosse“) und Porta. Einen ganz schlechten Ruf hatten auch die „Latferder Klippen“ (heute Gemeinde Emmerthal), die „Liebenauer Steine“ (eine Ansammlung von tonnenschweren Findlingen südlich von Nienburg) und die besonders eng nebeneinander stehenden Pfeiler der Weserbrücke in Hoya. Angesichts so vieler Gefahrenstellen war es kein Trost, dass die seit alters her gefürchtetste Passage, das sogenannte „Hamelner Loch“, schon lange vor Beginn der Dampfschiffära durch den Bau einer Schleuse entschärft worden war.

Die Premierenfahrt der Eduard ging anfangs relativ glatt über die Bühne. Alle zwischen Hannoversch Münden und Porta lauernden Hemmnisse konnten – wenn auch zuweilen mit etwas Glück – ohne Blessuren gemeistert werden. Umso härter schlug das Schicksal auf der dritten Tagesetappe zu. Das Wetter war ungemütlich bis stürmisch geworden. Nur mit viel Glück kam die Eduard an den eiszeitlichen Liebenauer Granitblöcken vorbei. In Hoya aber war Schluss. Der Raddampfer wurde während der Durchfahrt mit voller Wucht gegen die Pfeiler der Weserbrücke geworfen. Die Reise musste zwecks Reparatur der stark beschädigten Radkästen 48 Stunden lang unterbrochen werden. Das Gute daran: Beide Gefahrenstellen wurden kurz darauf beseitigt. In Hoya legte man eine breitere Durchfahrt an. Und die Liebenauer Steine wurden von Obernkirchener Bergleuten in tausend Stücke gesprengt.

So oder so ähnlich darf man sich den Anblick der ersten Passagierdampfer auf der Weser vorstellen. Die 1845 entstandene Abbildung zeigt die Glasfabrik Gernheim bei Petershagen. Das von einem unbekannten Meister darauf abgebildete Schiff könnte die Eduard sein.



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