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25 Jahre Fußgängerzone: Welche Hürden es bei der Entstehung zu überwinden galt

Minister "hässlichste Seiten gezeigt"

Stadthagen (ssr). Die Stadthäger Fußgängerzone besteht seit 25 Jahren. Aus diesem Anlass läuft zur Zeit eine Veranstaltungswoche des Stadtmarketing Stadthagen (SMS). Höhepunkt ist am morgigen Freitag die Aktion "Stadthagen zeigt dir die Sterne". Die Hauptbeteiligten haben unserer Zeitung von der hürdenreichen Entstehungder Fußgängerzone erzählt.

Am Anfang war das Chaos - das auf dem Stadthäger Markt nämlich, der vor rund 30 Jahren noch gar kein richtiger Marktplatz war, sondern eher der Knotenpunkt einer Bundes- mit zwei Landestraßen sowie jeder Menge innerstädtischem Durchgangs- und Parksuchverkehr. Die Bürgersteige waren extrem schmal. Passanten flüchteten gerne unter Häuserarkaden, wie sie heute noch bei "Zigarren-Meier" oder im Eingangsbereich des Schuhhauses Kreft erlebbar sind. "Mit in den siebziger Jahren rasant zunehmendem Verkehr wurde die Lage immer unhaltbarer, die Altstadt drohte daran zu ersticken", erinnert sich der damalige Bauexperte der CDU-Ratsfraktion, Helmut Göbel. "Die Spitzen von Verwaltung und Politik waren sich einig: Es musste was passieren", fügt der frühere SPD-Ratsherr Jürgen Hiddessen hinzu. Die Einrichtung einer Fußgängerzone erforderte einige Voraussetzungen, wie der damalige Stadtdirektor Dieter Kuckuck in Erinnerung bringt. Der Fernverkehr musste um die Altstadt herum geleitet werden - etwa durch die Umgehungs-"Autobahn". In der Altstadt mussten genügend Parkplätze entstehen. Hier kam teils auch der Zufall zu Hilfe: Durch den Konkurs der städtischen Brauerei entstand eine Freifläche, auf welcher der Hundemarkt (und auch das neue Rathaus) angelegt werden konnten. Nicht zuletzt war eine umfassende Sanierung vieler historischer Fassaden erforderlich. "Es musste eine Bauleitplanung her, denn bis dato hatte jeder im Wildwuchs an- und umgebaut, wie er Lust hatte; die riesigen, bunten Reklamen an den Wänden erzeugten teilweise einen Hauch von Manhattan", berichtet Ex-Ratsherr Göbel, im Hauptberuf Architekt. Nun war für ein derart ambitioniertes Projekt immens viel Geld erforderlich. Dazu musste Stadthagen in das frisch aufgelegte Städtbau-Förderungsprogramm von Bund und Land hinein. Beim Besuch des dafür zuständigen und zunächst gegenüber den Stadthäger Wünschen sehr reserviert eingestellten Landesministers Ernst Schnipkoweit (CDU) seien diesem auf einem sorgsam vorbereiteten Rundgang "die ausgesucht hässlichsten Seiten der Stadt gezeigt worden", erzählt Kuckuck (SPD) schalkhaft. Mit Erfolg: Schnipkoweit wurde tätig. Die Bilanz: In den Bau der Fußgängerzone inklusive Gebäudesanierungen sind 45 Millionen Euro geflossen, wie Bauamtsleiter Manfred Fellmann weiß. In der Kaufmannschaft gab es zunächst heftigen Widerstand. "Die Einzelhändler waren zerstritten", erinnert sich Kaufmann Günther Kreft: "Ich und einige andere wie etwa Peter Schilling waren dafür, die meisten aber hatten Vorbehalte." Ängste um den Umsatz waren ausschlaggebend, die Befürchtung, dass Kunden wegbleiben würden, wenn sie nicht mit dem Auto bis vor die Ladentür fahren könnten. Verwaltung und Politik organisierten daher Exkursionen in Städte, in denen es Fußgängerzonen gab. Dies brachte den Durchbruch, denn die Stadthäger Kaufleute bekamen von ihren Kollegen andernorts zu hören, dass der Umsatz durchFußgängerzonen eher steigt. Nach Schilderung von Göbel war es Kaufmann Jürgen Tietz, der nach Erkundung von Bad Hersfeld bei Rückkehr nach Stadthagen "aus dem Bus stieg und feierlich ausrief: Nun lasst uns die Sperren für die Fußgängerzone aufbauen!" Doch auch in der Bevölkerung und im Rat gab es viel Skepsis. Viele hätten sich damals in norddeutscher Umgebung eine Fußgängerzone als innerstädtischen Lebensraum gar nicht vorstellen können. "Wir sind doch nicht in Italien", habe es geheißen, erinnert sich Fellmann. Auch die Sorge, die Stadt könne das finanziell nicht durchhalten "und eine Bauruine produzieren", ist laut Kuckuck geäußert worden. Oder eine andere Sorge: "Wo soll denn beim Schützenfest der Rundmarsch langgehen?" VielÜberzeugungsarbeit sei zu leisten gewesen, sagen Hiddessen und Göbel. Einer an Zahl überschaubaren, überparteilichen Gruppe von Spitzen aus Verwaltung und Ratspolitik unter Führung von Kuckuck und vom damaligen Bürgermeister Ernst Meier sei es gelungen, durch Sachargumente die Skepsis nach und nach zu überwinden. Die Umsetzung des 1977 von einem renommierten Berliner Stadtplanungsbüro vorgelegten Konzepts habe dann recht reibungslos geklappt - vor 25 Jahren war das Herzstück der Fußgängerzone, der historische Marktplatz, fertiggestellt.




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