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Warum der doppelte Paul für Mike & The Mechanics so überaus wichtig war

Mikes Mechaniker schraubten mit Erfolg an perlendem Pop

So etwas nennt man Ironie des Schicksals: Zwei Jahrzehnte lang hatte Michael Rutherford versucht, mit seinen Geschäftspartnern Phil Collins und Tony Banks die gemeinsame Leidenschaft Genesis an der Spitze der US-amerikanischen Billboard-Charts zu platzieren. Gelungen ist es ihm schließlich Anfang 1989 mit ein paar Top-Schraubern der Popmusik und dem Song „The Living Years“. Seine Band Mike & The Mechanics hatte er vier Jahre zuvor gegründet – und sie war so steil aufgestiegen wie eine Rakete in die Silvesternacht.

Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Raketen zünden himmelwärts nur, wenn sie auf festem Fundament stehen. Das wusste Rutherford, und auch wenn er zu jener Zeit schon nicht mehr aufs Kleingeld achten musste und dank Genesis sowohl Plattenmillionär als auch Millionär geworden war, sollte seine Freizeitbeschäftigung mit den singenden Feinmechanikern Paul Carrack und Paul Young und den „Schraubern“ Peter Van Hooke (Drums) und Adrian Lee (Keyboards) doch kein Flop werden. Dass gleich das erste Album, das nichts weiter als den Bandnamen trug, millionenfach verkauft werden würde, mag Rutherford insgeheim gehofft haben, aber sicher sein konnte er nicht. Doch die beiden Singles „Silent Running (On Dangerous Ground)“ und „All I Need Is A Miracle“ schafften es in vielen Ländern in die Top Ten. Das war damals viel wert, richtig viel wert, weil die Single-Charts noch den Weg für die Alben ebneten und tatsächlich noch eine Bedeutung hatten.

Ach, was war ich naiv zu glauben, als Kunde der Mechaniker en vogue zu sein. Unverstanden, auf verlorenem Posten zwischen Raucherecke und Turnhalle, stand ich auf dem Schulhof und summte nach versauter Mathematikklausur „Nobody’s Perfect“ in meinen tristen Gymnasiumalltag. Für einen 17-Jährigen war das schlecht. Wer cool sein wollte, hörte das orgelpfeifige „Light My Fire“ von den Doors, hob Springsteens unausstehliches „Born In The USA“-Gebrülle in den Partyhimmel und legte „Come On Eileen“ von den Dexy’s Midnight Runners so lange auf den Plattenteller, bis die Rille Feuer fing. Grässlich. Ich war definitiv uncool und war froh darüber. Ich freute mich tierisch über das unanstrengend rockige „Poor Boy Down“ genauso so wie über die Tempiwechsel in „Nobody Knows“. Und ich fand Gefallen an der Stimme von Paul Young, den die meisten mit seinem langweiligen Namensvetter verwechselten, der mal „Come Back And Stay“ gesungen hat und überall dort seine Heimat spürte, wo er seinen Hut hinlegte. Der war’s aber definitiv nicht, nein, dieser Young war von anderem Kaliber, gesegnet mit einem beneidenswerten Timbre, klar und rein, wie weißes Porzellan aus Fürstenberg, nur nicht so zerbrechlich, sondern stark und fordernd, was im Live-Mitschnitt der späteren Single „Word Of Mouth“ aus dem gleichnamigen dritten Album richtig toll zum Ausdruck kommt. „From the west side to the east side, from the north side to the sooouuuth!!!“ – Das haute mich komplett aus den Schuhen, und wenn ich der Band einen Vorwurf machen will, dann den, in diesem himmlischen Song eine höllisch beknackte Ausblende mitten in Youngs engelsgleichen Wundergesang hineingegeichelt zu haben. Welcher Verwirrte hatte das zu verantworten?

Der andere Paul namens Carrack – früher Sänger von Ace („How Long“), Squeeze und Songschreiber unter anderem für die Eagles – bot kein Gegenstück, sondern die ideale Ergänzung zu Young. Mike & The Mechanics, das war vor allem ein Fest der Stimmen, nicht unbedingt eines der überbordenden Instrumentierung. Im besten Sinne einfach gestrickte, doch edle Popsongs, die so weit leuchten, dass die ersten von ihnen noch ein Vierteljahrhundert später wie frisch aus der Büchse klingen. Dass Mike Rutherford, der nach außen so nett wirkende, schmalschultrige Bandleader, innerhalb des Gruppengefüges eine mächtige Stellung einnahm, wurde erst später deutlich, als Paul Carrack sich in einem Interview verschnupft gab. Welcher Paul welchen Titel singen durfte, entschied demnach ganz allein König Mike. „Ich hätte gerne ,Beggar On A Beach Of Gold’ gesungen, durfte aber nicht“, so Carrack. Der Grund, weshalb Carrack nach dem 2004er Album „Rewired“ seinen Job als Mechaniker quittierte, war aber ein anderer. Ihm wurde verwehrt, auf sein „Best Of“-Album Mechanics-Songs draufzupacken, an denen er mitgeschraubt hatte. „Man gab mir nicht das Okay dafür. Weil dieses Album meine gesamte Karriere erzählen sollte, hat mich das sehr enttäuscht. Ich kann mir eine weitere Zusammenarbeit mit Mike daher nicht vorstellen.“ Aus war’s. Carrack wollte nicht mehr, und Young war zu diesem Zeitpunkt schon tot…

Andrew Roachford (l., erster Hit „Cuddly Toy“ in den achtziger Jahren) und Tim Howar (r.) sind die neuen Sänger für Mechanic Mike.

Ja, tot. Der 15. Juli 2000 wehte einen Schatten über diese Gruppe. Paul Young hatte in seinem Haus in Manchester einen Herzinfarkt erlitten. Das plötzliche Ableben des Mannes, der schon in den sechziger Jahren in der deutschen Clubszene unterwegs gewesen war und darauf folgend mit der Gruppe Sad Café einige Hits landete („Everyday Hurts“), riss eine tiefe Wunde in die Band. Noch 1998 sang Young auf dem „M6“-Album den Song „My Little Island“, in dem es um einen Ort geht, „far away from my friends“, weit entfernt von meinen Freunden. An 15. Juli 2000 war Paul Young so weit entfernt wie noch nie, oder war er viel zu nah? Eine Antwort darauf gibt es nicht, aber sein Tod hatte die Gruppe auseinander gerissen. Young und Carrack waren die tragenden Säulen des Mechanics-Sounds. Ohne einen von ihnen war die Gruppe nur noch die Hälfte wert; das mittelmäßige „Rewired“-Album bewies dies überdeutlich. Ohne beide jedoch war der Geist der Band ausgehaucht, ein Blatt im Wind, ein Spielball des Nichts.

Der Nachhall, den die beiden Sänger mit den Mechanics hinterließen, ist groß. Ein immerwährendes Echo der Popmusik, das an gute Zeiten erinnert. Zum Beispiel an Zeiten wie die des 11. Juni 1995. Ein Pfennig funkelte auf jeder Konzertkarte der „Beggar On A Beach Of Gold“-Tournee. Der Abend im Capitol in Hannover war etwas fortgeschritten, da stimmte Rutherford das „I Can’t Dance“-Intro an. Kleiner Ausflug ins Genesis-Lager. Nur stand jetzt nicht Phil Collins auf der Bühne, sondern Paul Young im Spot. Es war die faszinierendste Version dieses Songs, die ich jemals gehört hatte. Ergreifend anders, kraftvoller, nicht mit dem Collins’schen Näseln versetzt, sondern rein und klar wie der Silbermond in jeder Spätfrühlingsnacht. Danach durfte Carrack ran, dann wieder Young; es war ein ständiges Geben und Nehmen, ein Wechselbad aus laut und leise, smart und stark. Das hat diese Gruppe so erfolgreich gemacht.

Über zehn Millionen Alben hat Mike Rutherford mit seiner erstklassigen Zweitband verkauft. Der Erfolg begründet sich im Wesentlichen in Rutherfords Gespür für eingängige Melodien auf Radioformat. Zehnminütige Monstersongs à la Genesis gab es nicht ein einziges Mal. Mit den Mechanics hat der Südengländer, der 1950 in Guildford in der Grafschaft Surrey zur Welt gekommen war, stets eine geradere Linie verfolgt. Ist nicht schlimm, ist nicht mal ehrenrührig, ganz im Gegenteil: Rutherford hatte bei Genesis immer Kompromisse machen müssen, erst im Beisein des Fabelwesens Peter Gabriel und dann im Schulterschluss mit dem Dauermelancholiker Phil Collins. Bei seinen Mechanics aber setzte er stets seine eigenen Vorstellungen um, nicht gänzlich allein, aber doch sehr bestimmend. So verwundert es nicht, dass nur zwei der insgesamt 75 Mechanics-Songs nicht aus Rutherfords Feder stammen: „I Believe“ wurde von Yvonne Wright und Stevie Wonder geschrieben, „You’ve Really Got A Hold On Me“ ist ein Remake des Klassikers von Smokey Robinson. Beide Songs erschienen auf dem 1995er Album „Beggar On A Beach Of Gold“.

Wer so befreit musizieren kann, hat Spielraum für Gags. So ergab es sich, dass auf dem 88er Album „The Living Years“ Phil Collins die Gitarrenriffs auf „Black & Blue“ beisteuerte (dass Collins Gitarre spielte, war schon wunderlich genug!) und Tony Banks den Song auch noch exklusiv produzierte. Die alte Bande wollte Rutherford auch gar nicht kappen, aber die Mechanics, das war seine Gruppe, da war er Chef im Ring, ein Bildungsurlaub in bestem Sinne.

Und er ist Chef-Schrauber geblieben, denn nach sieben Jahren Pause runderneuerte Rutherford die Besetzung mit dem starken Sänger Andrew Roachford („Cuddly Toy“, „Lay Your Love On Me“) und dem jungen Tim Howar. Was er nicht erneuerte, ist der Sound, der leicht und flockig wie Erdbeerbaiser geblieben ist. Das unterstreicht Rutherfords Einfluss auf den Sound. Ohne Mike keine Mechanics.

AKTUELL

…ist Mike Rutherford mit seinen Mechanikern sogar auf Deutschland-Tournee und heute in Warburg zu Gast. Auch eine neue Platte gibt’s: Sie heißt „The Road“. Die Sänger der aktuellen Besetzung sind Andrew Roachford und Tim Howar. Auch vom ehemaligen Mitglied, Sänger Paul Young, der vor elf Jahren an einem Herzinfarkt starb, gibt es eine neue Platte! Sie heißt „Chronicles“ und beinhaltet Songs, die bislang unveröffentlicht waren. Paul Carrack, der andere Ex-Sänger, hat mit „A Different Hat“ im vergangenen Jahr ein für ihn ungewöhnliches Jazzalbum veröffentlicht und wird im Herbst mit der SWR Big Band Konzerte in Deutschland geben.




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