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Menschen bekehren oder Glauben leben?

Gerade zog von Rinteln aus eine junge katholische Missionarin nach Indien, um dort für die „Steyler Mission“ in sozialen Projekten zu arbeiten. Immer wieder wurde Priya Linke von Freunden und Bekannten gefragt, was Missionsarbeit eigentlich sei und ob sie jetzt etwa die Hindus vom christlichen Glauben überzeugen wolle.

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Oh – das ist insgesamt eine schwierige Thematik“ meint der Katholik Hans-Georg Spangenberger, Pastoralreferent im Dekanat Hameln-Holzminden. „Der Begriff der ,Mission‘ ist historisch sehr belastet. Inzwischen hat er aber längst eine Revolution durchgemacht.“

Hans-Georg Spangenberger engagiert sich in der Hamelner Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und ist sehr daran interessiert, die moderne Interpretation von dem, was „Mission“ bedeutet, klarzustellen. „Viele Leute verbinden mit der christlichen Mission Zwangsbekehrungen, Massentaufen, Entwurzelung von Menschen, Zerstörung von Kulturen“, sagt er. „Und sie haben auch nicht Unrecht, wenn man dabei in die Vergangenheit blickt.“

Zwei Gründe habe es für das Missionieren gegeben. Zum einen handelte es sich dabei um ein politisches Phänomen. Zum anderen vertraten die abendländischen Kirchen noch bis ins letzte Jahrhundert hinein die Auffassung, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gäbe und Ungläubige „verloren“ seien.

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Hans-G. Spangenberger: „Man missioniert nicht, um Seelen zu retten“

Was die Missions-Politik betrifft, so galt: Religion war Ausdruck der Anerkennung von Herrschaft. „Nehmen wir zum Beispiel Graf Bernhard von Engern und Ohsen und seine Frau Christina, um das Jahr 800 das Herrscherehepaar im Gau Hameln. Sie ließen sich taufen, um damit die Herrschaft Karls des Großen anzuerkennen“, erklärt er. „Mit ihnen ließen sich auch ihre Untertanen, die Sachsen in unserer Gegend, alle taufen. Nicht, weil sie sich persönlich zu Jesus Christus bekehrt hätten, sondern weil sie die Religion ihres Königs annehmen wollten – oder mussten.“

Alles andere sei damals fast überall undenkbar gewesen, was dann nach der Reformation und der Spaltung der Kirche zu Vertreibungen Andersgläubiger geführt habe, zu den fürchterlichen Religionskriegen zwischen den Menschen und Gebieten unterschiedlicher Bekenntnisse. Mit den Missionierungen auf anderen Kontinenten, vornehmlich dort, wo koloniale Eroberungen gemacht worden waren, sah es genau so aus. Die neuen Untertanen sollten Christen werden, um dadurch wirklich Untertanen ihrer nun europäischen Herrscher zu sein. Das bedeutete eine Europäisierung der Kultur, eine Entwurzelung der Völker, deren Folgen noch heute spürbar sei.

Als diese Erfahrungen im 20. Jahrhundert von den Kirchen verstärkt reflektiert wurden, habe sich auch die theologische Auffassung des Missionsauftrages geändert.

„In der katholischen und den evangelischen Kirchen geht kein Theologe mehr davon aus, dass ungetaufte Menschen quasi in die Hölle kommen“, so Spangenberger. „Man missioniert nicht mehr, um Seelen zu ,retten‘. Der Glaube ist ein Geschenk, nicht etwas, das anderen aufgezwungen oder aufgedrängt werden kann.“ Dahinter stehe die Vorstellung, dass jeder einzelne Mensch per se zu Gott gehöre. „Sehen Sie, schon in Michelangelos Sixtinischer Kapelle ist nirgends ein Bild der Hölle dargestellt. Kein Mensch kann ,verloren‘ gehen, weil er nicht getauft ist oder nicht an Gott glaubt.“

Warum aber geht dann eine junge Frau wie Priya Linke als Missionarin nach Indien? Sie könnte doch auch einfach als Sozialarbeiterin dort sein. Fragt man Vertreter aus evangelisch-freikirchlichen Gemeinden, wie zum Beispiel Rudi Knöpfel, Gemeindereferent in der baptistischen Christuskirche Rinteln, so trifft man doch wieder auf Gläubige mit großem missionarischem Eifer. Auch die Freikirchen entsenden und unterstützen Missionare, die in Afrika, dem Nahen Osten, Indonesien oder Südamerika gemeinnützige Arbeit leisten. „Aber sie tun das, um das Wort Gottes zu verkünden“, so Knöpfel. „Nur, wer an Jesus Christus glaubt, kann auch errettet werden.“

Wo Priya Linke christliche Nächstenliebe vorleben will und, wie es Hans-Georg Spangenberger ausdrückt: „Eine Mission ohne Worte betreibt, aus der sich dann aber ein Glaubensdialog entwickeln kann“, sehen Christen wie Rudi Knöpfel, auch etwa die Mitglieder der Stadthäger Ecclesia-Gemeinde oder gar die „Jesus!-Gemeinde“ in Rinteln, ganz klar eine drängende missionarische Aufgabe. Ihre Missionare machen sich in die Urwälder Indonesiens oder Brasiliens auf, um den vermeintlichen Heiden Gottes Botschaft zu bringen. Im Nahen Osten riskieren sie zum Teil ihr Leben, um Moslems davon zu überzeugen, dass man nur mit Christus nicht verdammt werden wird.

„Wir haben den biblischen Auftrag, die Menschen zu missionieren“, meint Knöpfel. „Nicht nur irgendwo in der Welt, sondern auch in unserem eigenen Umfeld. Ja, da sind wir schon anders, als die katholische Kirche oder die evangelischen Landeskirchen.“ Leicht sei es allerdings nicht, mit der Vorstellung zu leben, dass so viele Menschen wohl nicht vor der Hölle gerettet werden können.

Er verweist auf die alle drei Jahre stattfindende Massenveranstaltung „ProChrist“, wo leidenschaftliche Prediger, oft aus Amerika kommend, innerhalb einer Woche Tausende neuer Anhänger gewinnen, die dann öffentlich ihrem alten Leben abschwören.

Barbara Schenck, evangelisch-reformierte Theologin und Ehefrau von Pastor Heiko Buitkamp in Rinteln, muss sich solche Sorgen um das Seelenheil ihrer Mitmenschen nicht machen. „Doch haben auch wir, ebenso wie die lutherische Kirche, einen Missionsanspruch“, sagt sie. „Das Christentum konnte ja überhaupt nur durch das Missionieren neue Anhänger gewinnen und sich ausbreiten. Uns geht es durchaus darum, die ,frohe Botschaft‘ von Gottes Liebe weiterzutragen. Aber ich bin der Überzeugung, dass Gottes Herz groß genug ist, um Erlösung auch denen zu geben, die nicht an ihn glauben. Was sollte das denn sonst für ein Gott sein, der seine Kinder millionenfach verstößt?“

Wenn evangelische Missionare etwa in Afrika tätig werden, dann sei das meistens ein lebendiger Austausch mit den dortigen Christen. „Eigentlich sind es längst die Afrikaner, die uns ,missionieren‘“, meint sie. „Wie oft hören wir von Besuchern, die nach Deutschland kommen: ,Eure Gemeinden sind tot, ihr müsst sie wieder lebendig machen!‘“ Man könne hier so viel von den afrikanischen Christen lernen, über das leidenschaftliche Beten, Musik und Tanz im Gottesdienst, über eine Frömmigkeit, die viel selbstverständlicher mit dem Alltagsleben verbunden sei.

Der katholische Theologe Hans-Georg Spangenberger erwähnt noch einen weiteren Aspekt des Missionierens etwa in den schwarz-afrikanischen Ländern: „Wir wollen andere Kulturen ,verchristlichen‘“, sagt er und erzählt von afrikanischen Bischöfen, die vor drei Jahren zu Papst Benedikt XIV. anreisten, um zu bewirken, dass sie auch als Christen die Vielehe wieder einführen dürften.

„Ja, so sehen die heutigen Probleme aus“, sagt Spangenberger. „Die afrikanischen Völker haben durch die Christianisierung auf schmerzliche Weise ihre Stammeskultur verloren. Wir können sie darin unterstützen, ein neues Bild von Familie und Verantwortung zu entwickeln. ,Inkulturieren‘, das wäre ein Stichwort, der Versuch, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden.“

Priya Linke in Indien, die auf einem eigenen Internet-Blog von ihren dortigen Erfahrungen erzählt, sie taucht erst einmal mit Leib und Seele ein in eine ihr noch kaum vertraute Kultur, nimmt an religiösen Festen teil, tastet sich an neue Speisen heran und folgt den christlichen Schwestern hin in Kindergarten, Krankenhaus, Beratungsstellen. Im Moment lebt sie genau das, was auch Barbara Schenck als Positivum an missionarischen Aktionen sieht: der Austausch der Kulturen, der damit verbunden sein kann. „Ich will niemanden bekehren“, sagt Priya. „Ich will ein christliches Leben vorleben.“

Die Juden übrigens, die eine der ersten Religionen vertraten, die sich durch Mission verbreitete, sie haben sich schon vor fast 2000 Jahren vom Anspruch des Missionierens verabschiedet. Im Judentum geht man davon aus, dass alle Menschen, sofern sie sich an grundsätzliche zwischenmenschliche Regeln halten, an der „Kommenden Welt“ Anteil haben werden. Ein bestimmter Glaube, überhaupt irgendein Glaube, ist in ihren Augen keine Bedingung dafür, ein „Gerechter“ sein zu können, der Gnade vor Gottes Augen findet.

Missionsarbeit – gibt es das heute überhaupt noch, dass Kirchen-

mitglieder versuchen, andere Menschen für ihre Gemeinde oder ihren Glauben zu gewinnen? Gibt es – und während manche Christen den Missionsbegriff von seiner historischen Belastung befreit sehen, fühlen sich andere durch die Bibel beauftragt.




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