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Weihnachtslieder, Wallfahrten und Gottesdienste im alten Niedersachsen

Melodie schlug alle Herzen in ihren Bann

Von Nicolaus Heutger
Seit die Engel von Bethlehem das erste Weihnachtslied gesungen haben, „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“, ist Weihnachten nicht vorstellbar ohne Weihnachtslieder. Nach einer alten Legende soll in der Weihnachtsnacht 1007 Pater Laurentius im Kloster Pöhlde am Südharz den Grundbestand des Liedes „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ gedichtet haben.

Krönung Mariens aus der Zeit um 1410 im Hamelner Münster.  (bar)

Von Nicolaus Heutger

Seit die Engel von Bethlehem das erste Weihnachtslied gesungen haben, „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“, ist Weihnachten nicht vorstellbar ohne Weihnachtslieder. Nach einer alten Legende soll in der Weihnachtsnacht 1007 Pater Laurentius im Kloster Pöhlde am Südharz den Grundbestand des Liedes „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ gedichtet haben. Als Kaiser Heinrich II. gerade in Pöhlde weilte, soll sich im Klostergarten eine Rose mitten in der kalten Christnacht zur Blüte entfaltet haben. Pater Laurentius hat nach dieser Legende dieses Erlebnis noch in derselben Nacht aufs Pergament gebracht. Eine Sandsteinplatte mit einer Rose soll noch lange das Grab des Dichters geziert haben. Immerhin bezeugt diese Legende die frühe Bekanntheit des herrlichen Liedes im niedersächsischen Raum. Das Lied erscheint verbürgt erstmals in einer 1582-1588 entstandenen trierischen Handschrift. „Es ist ein Ros‘ entsprungen aus einer Wurzel zart. Wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art.“ Die „Wurzel Jesse“, also die Ahnenreihe Jesu, ist auf der Holzdecke der Michaeliskirche in Hildesheim (12. Jh.) dargestellt. Der Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius (1571–1621), Titularprior des Klosters Amelungsborn, schuf dann für „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ den vierstimmigen Satz. Diese Melodie erklang in der Christnacht des Jahres 1608 in der Schlosskapelle Wolfenbüttel zum ersten Mal.

Die dritte Strophe ist erst im vorigen Jahrhundert, anscheinend von dem Niedersachsen Hoffmann von Fallersleben, einfühlsam angefügt worden:

Auf der Holzdecke der Michaeliskirche in Hildesheim ist die „Wurzel Jesse“, also die Ahnenreihe Jesu, dargestellt.
  • Auf der Holzdecke der Michaeliskirche in Hildesheim ist die „Wurzel Jesse“, also die Ahnenreihe Jesu, dargestellt. Foto: Hildesheim Marketing

„Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß;
mit seinem hellen Scheine
vertreibst die Finsternis.
Wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide,
rettet von Sünd und Tod.“

Der Text der ersten Strophe und die Melodie des Liedes „Gelawet sistu Jesu Christ, dat du Minsche geboren bist“ kommen zuerst um 1370 in einer wahrscheinlich aus Lüneburg stammenden Handschrift vor, die sich heute in der bischöflichen Bibliothek in Trier befindet. Dieses Lied finden wir auch in dem zwischen 1476 und 1478 entstandenen niederdeutschen Andachtsbuch des Heideklosters Medingen. Luther übernahm Text und Melodie und fügte noch die Strophen zwei bis sieben hinzu. Das so vollendete Lied wurde schnell auch in Niedersachsen bekannt. Das zeigt der Text der zweiten Strophe, nämlich „Des E’wgen Vaters einig Kind jetzt man in der Krippen find’t, in unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig’ Gut, Kyrieleis“, der neben der 1577 gemalten Darstellung der Geburtsszene in der Hülseder Kirche wiedergegeben ist.

In der Münsterkirche Hameln befindet sich ein Sandsteinrelief der Krönung Mariens aus der Zeit um 1410. Maria ist da umgeben von einer Schar musizierender Engel. Fideln, Lauten, Tromben, Harfe, Flöten und Orgel verehren da Maria, die mit ihrem göttlichen Knaben das ewige Licht in die Finsternis der Welt gebracht hat.

Im Wienhausener Liederbuch (um 1460) kreisen von 59 Liedertexten 16 um das Weihnachtsfest. Die Nonnen sangen gern lateinisch-niederdeutsche Weihnachtslieder, wie zum Beispiel „Do de tid ward vullenbracht, ecce mundi gaudia (siehe, Freude der Welt), do bewisede got sine kraft, sine fine laetitia! (Freude ohne Ende) O virgo Maria, tu es plena gratia (O Jungfrau Maria, du bist voll der Gnade), pie pie so se nunne so (Wiegenvers ohne genauen Sinn), mater Jesu (Mutter Jesu), make uns fro!“ Echt weiblich ergründen die Nonnen, woher Maria denn wohl die Windeln für ihr Kind habe: „Josep tog sine höseken ut, unde makede dem kinde ein windelok“. Josef zog seine Hose aus und machte dem Kind daraus ein Windeltuch.

Das Wienhausener Liederbuch enthält die älteste bekannte Niederschrift eines der schönsten Weihnachtslieder des norddeutschen Raumes „In dulci jubilo“. Diese lateinisch-niederdeutsche Mischdichtung findet sich auch in Medinger Texten.

Johann Peter Abraham Schulz (1747 –1800) aus Lüneburg schuf die heute übliche Melodie des weihnachtlichen Kinderliedes „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“. Die anderen Werke des Opern- und Oratorienkomponisten, der lange Kapellmeister des Prinzen Heinrich von Preußen auf Schloss Rheinsberg war, sind vergessen, aber dieses innige Kinderlied zur Weihnacht lebt fort.

Das bekannteste Weihnachtslied unserer Sprache, „Stille Nacht, heilige Nacht“, das 1818 in Oberndorf bei Salzburg von Joseph Mohr gedichtet und von Franz Gruber komponiert ist, war bereits ein Jahr später in Niedersachsen bekannt. Der wandernde Musikus und Puppenspieler Ferdinand Trollmann kam auch in das Pfarrhaus von Isernhagen und spielte das neue Lied in der Adventszeit dem Pastor Georg L. Meyer vor. Dem Pastor gefiel das romantisch bewegte Lied so sehr, dass er den fahrenden Sänger bat, das neue Lied mit dem Kirchenchor einzuüben. Und am Heiligen Abend 1819 erzählte Pastor Meyer in seiner Ansprache der Gemeinde Isernhagen von dem neuen Weihnachtslied, das zur letzten Christnacht in den hohen Bergen hinter Salzburg wundersam entstanden sei. „So höret denn die Worte und ihre Weise und lasset sie in eure Herzen eingehen“, schloss der Geistliche, die Orgel präludierte, dann ertönte auf den Geigensaiten des Musikus Trollmann die neue, alle Herzen in ihren Bann schlagende Melodie, der Isernhagener Kirchenchor fiel ein und nun erklang zum ersten Mal in Niedersachsen „Stille Nacht, heilige Nacht“. „Im nächsten Jahr werden wir alle miteinander dieses schöne Lied singen“, sagte der Pastor, „und bald wird es zur Weihnacht gehören, denn dazu ist es angetan.“

Trollmann ist keine romantische Legendengestalt, sondern er erscheint mit der Taufe eines Sohnes Carl noch im Kirchenbuch Marienwerder bei Hannover zum 8. und 10. März 1820.

In Niedersachsen trat „Stille Nacht“ so schnell neben das bis dahin, zum Beispiel in Nienburg, beliebteste Weihnachtslied „O du fröhliche“… 1983 ff. wurde in Aufführungen in Isernhagen obige Überlieferung wieder lebendig.

Von den alten niedersächsischen Weihnachtsbräuchen mag die Wallfahrt zur wundertätigen Muttergottes von Obernkirchen erwähnt sein: Jedes Jahr zu Weihnachten kam eine große Pilgerschar in das noch bestehende Stift. Der Marienfigur wurde eine goldene Krone aufs Haupt gesetzt, die so geformt war, dass die vielen Gläubigen ihre Opfermünzen hineinlegen konnten. Aus vielen Orten, wie zum Beispiel 1478 aus Wiedensahl, wurden große Kerzen nach Obernkirchen gebracht und der Gottesmutter geweiht. Der Rat der Stadt Rinteln schickte zu jedem Christfest eine große Kerze. Am Beispiel Obernkirchen erkennt man gleichsam exemplarisch, welch’ große Bedeutung die Klöster und die Marienverehrung für die Ausgestaltung des Weihnachtsfestes hatten.

Die Gottesdienste am Heiligen Abend sind liturgiegeschichtlich nicht so fest verankert, wie sie uns heute erscheinen. Noch 1734 trat König Georg II. Christabendgottesdiensten und Musiken „in der Nacht vor dem ersten Weynachts-Fest“ energisch entgegen. Der Gottesdienst sollte auf die eigentlichen Festtage beschränkt bleiben. Dabei hatte es die heute wieder üblichen Christnachtgottesdienste schon im Mittelalter gegeben, wie wir zum Beispiel aus dem Stift Bücken im Landkreis Nienburg wissen. Jedenfalls war noch im früheren 20. Jh. an vielen Orten, wie zum Beispiel in Nienburg und Rinteln (St. Nikolai) der wichtigste Weihnachtsgottesdienst die Christmette früh am 1. Weihnachtstag. Zu diesem Festgottesdienst brachte an vielen Orten, wie zum Beispiel in Nienburg, jeder eine brennende Kerze mit. Es gab bis zur Aufklärungszeit drei Weihnachtsfesttage (25., 26. und 27. Dezember).

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