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Ökobilanz geht nur unter bestimmten Bedingungen auf

Mehrweg ist nicht per se besser

Eine Mehrwegflasche ist nicht mehr automatisch ökologischer als eine Einwegflasche. Zumindest nicht, wenn sie mehr als 500 Kilometer durch die Weltgeschichte zum Endkonsumenten kutschiert wird. Gleichzeitig hält sich gewisse Skepsis gegenüber der Einwegflasche aus Plastik. Bei den Brauereiinhabern und Getränkeherstellern aus der Region gehen die Meinungen über die unterschiedlichen Modelle auseinander.

Autor:

Hans Weimann

Lange Zeit galt als unumstößliches Glaubenscredo für ökologisch korrektes Verbraucherverhalten: Mehrweg ist besser als Einweg. Das war gestern. Die Formel stimmt nämlich nur noch bedingt. Das hat mehrere Gründe: 1. Längst werden Kisten mit Mehrweggetränken quer durch die ganze Republik gefahren, Bier aus Bayern nach Schleswig Holstein – und wieder zurück, damit die Flaschen gereinigt und neu gefüllt werden können. 2. Früher befüllten Brauereien genormte Flaschen. Leere Kästen gingen an die nächstgelegene Brauerei zurück.

Doch längst gibt es nicht mehr nur die üblichen Standardflaschen, beim Bier Longneck, bei Mineralwasser die klassische Perlenflasche, sondern auch Klumpfuß, Stiernacken, Langhals – wie neu entwickelte Designerflaschen heißen, die Veltins, Hasseröder, Bitburger und andere große Brauereien verwenden. Da Verbraucher ihr Leergut oft unsortiert in die Kisten zurückstopfen – Glas, PET, Sorte, Form, alles egal – hat sich ein neuer Wirtschaftszweig entwickelt, die Rücksortierer, ein Flaschenpool.

In Rinteln macht das beispielsweise Bootle-Fox im Industriegebiet Süd. Da Leergut große Strecken gefahren werden muss, stimmt die Ökobilanz nicht mehr und für Unternehmen wird Leergut zur Kostenfalle.

Wer also hundertprozentig umweltbewusst einkaufen will, müsste der Formel „Mehrweg ist besser als Einweg“ den Faktor „Regional“ hinzufügen. Denn nur wenn das Leergut nicht weiter als maximal 500 Kilometer auf Lastzügen unterwegs ist, rechne sich noch die Ökobilanz, so die Tendenz neuer Studien. Jetzt hat auch das Umweltbundesamt dazu eine Untersuchung veranlasst, die im nächsten Jahr vorgestellt werden soll.

Wer in Schaumburg oder Hameln wohnt, hat es einfach, wenn er sich an die Öko-Formel halten will: Die Schaumburger Privatbrauerei in Stadthagen erfüllt alle Kriterien. „Wir sagen: unser Land, unser Bier“, betont Brauereichef Friedrich-Wilhelm Lambrecht, „und wir halten uns auch daran.“ 80 Prozent der Biere werden nur in einem Umkreis bis 50 Kilometer transportiert. Die Brauerei in Stadthagen füllt nur in Mehrwegflaschen ab, vor allem in die klassische Longneck und die kommt aus Obernkirchen, nicht aus Rumänien, wie bei Mitwettbewerbern, die dort einkaufen, weil Flaschen da bis zu 20 Prozent billiger sind.

Bleibt die Frage, wo bleiben die restlichen 20 Prozent? Das sind vor allem besondere Biere, schildert Lambrecht, die deutschlandweit, sogar weltweit vertrieben werden – auch über einen Online-Shop. Biere wie „Max und Moritz“ oder „Schwarzer Ritter“ – die Sorte mit dem Raubritter auf dem Etikett, jüngst auf der Schaumburg im Beisein von Alexander zu Schaumburg-Lippe vorgestellt (wir berichteten).

Auch die Detmolder Privat-Brauerei, die von drei Frauen geleitet wird, kann sich im Ökolicht sonnen. Hier lautet die Regel, sagt Simone Strate: „Unser Distributionskreis reicht 120 Kilometer um die Braupfanne herum.“ Ein Markenzeichen der Detmolder ist übrigens der Bügelverschluss. Dass man damit Kronverschlüsse spart, die nicht weggeworfen werden, ist auch ein Argument. Doch beide Brauereien decken eben nur ein Marktsegment ab, das bedeutet, in der Masse sind auch durch die Sortenvielfalt die Wege zwischen Brauereien, Biertrinkern, Leergutsortieranlagen wesentlich länger geworden, als das früher der Fall war.

Auch Wesergold in Exten gehört zu den Heimspielern bei Mineralwasser, Fruchtsaft und Wellnessgetränken. Die Gruppe ist europaweit auf dem Markt. Ein Unternehmen mit 2200 Mitarbeitern, sieben Produktionsstätten, in denen rund sieben Millionen Einheiten – pro Tag! – die Füllanlagen verlassen. Vilsa Brunnen, dazu gehört auch das Bad Pyrmonter, füllt rund 330 Millionen Flaschen im Jahr ab, Mineralwasser, Schorle und verschiedene Sport- und Wellnessgetränke. Absatzgebiet ist der Norden Deutschlands bis Schleswig-Holstein. Pressesprecherin Regine Suling sagt, „selbstverständlich fragen auch bei uns Verbraucher verstärkt nach Einwegflaschen nach und wir müssen mit entsprechenden Angeboten reagieren“. Doch der Fokus des Unternehmens liege allein schon aus ökologischen Gründen nach wie vor auf dem Mehrwegbereich. Man versuche, das dem Verbraucher unter anderem mit entsprechenden Angeboten wie dem Individual-Glaskasten oder dem Vilsa-PET-Citykasten attraktiv zu machen.

Weil beim Bier wie anderen Getränken Verbraucher längst nicht mehr so genau hinsehen, was sie in die Kästen zurückstellen, gibt es in Bootle-Fox, eine Leerguttauschbörse. Das sind Unternehmen, die dafür sorgen, dass heimatloses „Fremdleergut“ wieder an die richtige Adresse kommt. So auch im Rintelner Industriegebiet Süd auf dem ehemaligen Braasgelände: Auf speziellen Laufbändern werden hier Mehrwegflaschen sortiert, egal, ob Glas oder Kunststoff, dann zum Befüller zurückgebracht.

Glasherstellern ist bewusst, dass Gewicht beim Einkauf eine zentrale Rolle spielt, denn eine Hausfrau überlegt sich schon, ob sie eine Kiste mit Mineralwasser in Glasflaschen in den dritten Stock schleppt oder zwei Sixpacks aus Plastik. Deshalb bemüht man sich in Glashütten um leichtere Flaschen. Wir haben, schildert Betriebsleiter Peter Ernst von der Glashütte OI Glaspack in Rinteln, längst Leichtflaschen im Angebot. Ein Beispiel: Eine klassische Weinflasche habe früher 450 Gramm gewogen, heute 400. Ein Prozess, der weitergehe.

Welche Verpackung soll es denn nun sein: Bei Wesergold hat man sich schon lange mit dem Thema beschäftigt und vor Jahren eine wissenschaftliche Untersuchung bei der Fachhochschule Lüneburg in Auftrag gegeben, einen Vergleich der verschiedenen Getränkepackungen unter Umweltgesichtspunkten. Schon damals kamen die von Richard Hartinger beauftragten Experten zu dem Ergebnis, das heute wieder diskutiert wird: Es kommt nicht nur auf die Verpackung, sondern auf das ganze System an – von der Herstellung der Verpackung über den Transport, die Rücklaufquote bis zum Recycling. Schaut man sich allein die Verpackung an, kommen Getränkekartons übrigens am besten weg. Hier spielen Recycling wie das geringe Gewicht die entscheidende Rolle. Glas ist schwerer als PET, Flaschenreinigung bei beiden aufwendig.

Neben der Frage, ist Mehrweg tatsächlich besser, wenn die Flaschen weite Wege machen, kommt noch eine Gewissheit ins Wanken: Glas sei besser als PET. Wolfgang Hinkel, Geschäftsführer in einem großen Unternehmen der Verpackungsbranche erklärte in einem Interview mit dem Fachmagazin Lebensmittelpraxis: Bestimmte Personen sprechen immer noch von 50 bis 60 Umläufen pro Glas-Mehrweg-Flasche. Aufgrund der immer mehr zunehmenden individuellen Kisten und Flaschen sind diese Umlaufzahlen nicht mehr aktuell und gehen völlig an der Realität vorbei.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zitiert in seiner Ausgabe vergangener Woche das Fachblatt Brauwelt: Eine Münchner Brauerei räume ein, dass Mehrwegflaschen nicht wie oft zitiert bis zu 50 Mal neu gefüllt werden können.

PET kann bis zu 25 Mal wiederverwendet werden. Die Qualität der PET-Flaschen, die bei Wesergold aus Rohlingen hergestellt werden, sei immer besser geworden, sagt Franz Driessen, der technische Betriebsleiter, und man arbeite an noch besseren Lösungen. PET-Flaschen haben beim Mineralwasser inzwischen einen Marktanteil von 60 Prozent. Firmenchef Richard Hartinger sieht das pragmatisch: „Gehen sie an eine Wurst- und Käsetheke – alles in Plastik verpackt.“

Es gibt allerdings auch eine PET-freie-Zone. Für Brauereichef Lambrecht ist Bier in Plastikflaschen undenkbar. Plastik biete eben nicht die Barrieresicherheit wie Glas. Vor allem die billigen Mineralwasserflaschen für 16 Cent seien ihm suspekt: „Stellen sie so eine Flasche mal in einen Raum, der renoviert wird, wo mit Farbe gearbeitet wird. Bald riecht und schmeckt auch das Wasser danach.“

Ob Mehrweg oder Einweg, das erschließt sich dem Käufer nicht immer auf einen Blick: Es gibt Glas- wie PET-Flaschen in beiden Versionen. Da muss man schon genau hinsehen. Das soll sich ändern. Umweltminister Peter Altmeier will, dass künftig im Getränkemarkt ein großes Schild signalisiert, wo die Einwegabteilung beginnt. „Der Spiegel“ schrieb sogar von einer „Schmuddelecke“ mit Warnhinweisen. Im Ursprung ist diese Idee – wo sonst – in Brüssel geboren worden. Aus EU-rechtlichen Gründen ist nämlich eine Kennzeichnung, ob Einweg oder Mehrweg, nur an Flaschenregalen möglich. Im Handel wartet man erst mal ab. Gernot Kassel, Pressesprecher bei Edeka verweist darauf, dass ein entsprechendes Gesetz ohnehin erst noch durch den Bundestag müsse.

Die Diskussion hat noch einen anderen Aspekt: Für Einwegflaschen werden 25 Cent Pfand erhoben, das macht diese Flasche daher immer öfter auch zu einem begehrten Sammelobjekt für wenig begüterte Menschen. Jeder kennt die Flaschensammler, die auch in Bückeburg, Rinteln und Hameln in öffentlichen Mülleimern nach Pfandflaschen kramen. Und dann gibt es noch die Kriminellen, die Pfandflaschen kistenweise von Lagerhöfen stehlen. Und im März dieses Jahres ist eine Bande in Brandenburg aufgeflogen, die Flaschen mit gefälschten Barcodes versehen hat.

Und noch eine Pointe: Das Glas-Blas-Sing-Quintett „Keine Macht den Dosen“ singt über Mehrweg-Einweg und macht darauf auch Musik. Im Schloss Varenholz stellte die Band im Vorjahr ihr Programm vor: Liedgut auf Leergut mit wirbelndem Schlägel am Jägermeister-Xylofon. Womit es Flaschen-Leergut bis in die Popkultur geschafft hat. Wenn das nichts ist.




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