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Kleiner Rückblick auf die Schaumburger Brauereigeschichte

Mehr oder weniger bekömmlich

Im deutschen Brauereigewerbe gärt es. Das Biertrinken kommt aus der Mode, die Rohstoff- und Herstellungskosten steigen. Zudem hätten viele mittelständische Betriebe allzu leichtfertig Geld in die Ausstattung ihrer Vertragskneipen investiert, ist in der Branche zu hören. Großkonzerne nutzen die Krise, um den Markt zu „bereinigen“ und sich die schwächelnde Konkurrenz einzuverleiben. Ein ähnliches Schicksal könnte Presseberichten zufolge auch der „Schaumburger Brauerei“ Stadthagen bevorstehen, die manchen Zeitgenossen als letzter Garant heimischer Braukunst gilt. Es scheint, als wenn sich die Ära eines der ältesten heimischen Handwerke dem Ende zuneigt.

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VON WILHELM GERNTRUP

Dabei gehörte das Biergeschäft über Jahrhunderte hinweg zu den wichtigsten schaumburger Entwicklungsmotoren. Die ersten Brauer hat es laut Archivakten schon vor rund 700 Jahren in Rodenberg (1322) und Stadthagen (1325) gegeben. Nur wenig später (ebenfalls bereits im 14. Jahrhundert) ist von Bierherstellung in Rinteln die Rede. Und auch in Hessisch Oldendorf (1414), Lauenau (1536) und Hagenburg (1545) wurde schon früh Malzmaische angerührt.

Anders als heute war Bier damals ein wichtiges, weil gesundes, Grundnahrungsmittel. Es hatte einen geringen Alkoholanteil (um drei Prozent), war kalorienreich und durch das Kochen des Hopfens – anders als Wasser – weitgehend keimfrei. Selbst Kinder sollen in großem Stil Bier konsumiert haben.

Kein Wunder, dass der Markt von den Obrigkeiten schon früh als Steuer-Einnahmequelle genutzt wurde. Wer Bier brauen und ausschenken wollte, brauchte eine Lizenz. Die wurde anfangs von den adligen Grundherren und später von den Städten ausgestellt. Die „Braugerechtigkeit“ oder auch „Brauging“ genannte Genehmigung war nicht an die Person des Antragstellers, sondern an dessen Anwesen gebunden. Obwohl nicht billig, war sie heiß begehrt. Bierbrauen war ein lohnendes Geschäft. Die große Nachfrage führte dazu, dass immer mehr Adressen mit einem Brau-Privileg ausgestattet waren – im 17. Jahrhundert in Stadthagen und Rinteln etwa die Hälfte des gesamten Gebäudebestands. Schon bald gab es einen schwunghaften Insiderhandel mit den Lizenzen. Es sei „keineswegs zu gestatten, dass, wie bishero von einigen Gewinnsüchtigen geschehen, mit Anerkaufungsothaner Brauginge gleichsam ein Monopoliumexerciret werde“, versuchte 1706 der damalige schaumburg-lippische Graf Friedrich Christian den Missbrauch in seinem Land zu stoppen.

2 Bilder
Darstellung einer spätmittelalterlichen Bierbrauerei; Kupferstich-Illu stration aus dem 1687 erstmals aufgelegten, mehrbändigen Werk „Georgica curiosa“ des österreichischen Schriftstellers Wolfgang Freiherr von Hohberg (1612-1688).

Die Anordnung blieb genauso erfolglos wie die zahllosen anderen davor und danach gestarteten Anstrengungen, den betrügerischen Verlockungen rund ums Brau- und Schankgeschäft mittels Gesetzen und Vorschriften beizukommen. Besonders schlimm ging es offenbar in puncto Reinheitsgebot zu. So sollen statt Gerste oft und gern Hirse und/oder Bohnen zum Einsatz gekommen sein. Und auch auf die Verwendung von Hopfen bei der Herstellung ihres Getränks konnten sich die Bierliebhaber nicht unbedingt verlassen. Als „Ersatz“ wurden nicht selten Ruß, Kreide, Schlangenkraut oder Ochsengalle beigemengt.

Etwas besser wurde es, als vom ausgehenden 18. Jahrhundert an das Brauen in Privathäusern abgeschafft und stattdessen öffentliche, unter der Regie der örtlichen Gilden betriebene Gemeinschaftsbrauhäuser eingerichtet wurden. In ihnen konnten die Berechtigten an festgelegten Terminen reihum und abwechselnd die vom Rat gestellten Braupfannen nutzen. Zur Regelung der Einzelheiten zu Zeitpunkt, Menge und Vertrieb gab es „Brauordnungen“.

Geschmack und Qualität der Biere waren – je nach Können und Erfahrung der Braumeister und Brauknechte – von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Eine große Rolle spielten auch die Zutaten und die Lagermöglichkeiten des damals nur sehr begrenzt haltbaren Getränks. Um die Eigenprodukte zu schützen, war die Einfuhr aus anderen Städten und Ländern verboten oder stark eingeschränkt. Das galt auch und vor allem für das benachbarte preußische, hessische und hannoversche „Ausland“.

Leidtragende sollen – zumindest im 18. Jahrhundert – unter anderem die Leute in Bückeburg und Stadthagen gewesen sein. Das in Schaumburg-Lippe produzierte Gebräu hatte keinen besonders guten Ruf. Die „Brau-Nahrung in Unsern Landen ist mehr und mehr in Abgang gekommen“, tadelte 1767 der damalige Landesherr Graf Wilhelm. Es werde überwiegend „schlechtes, nicht trinkbares Bier gebrauet“.

Mindestens genauso schlimm muss es zeitweise auch in Rinteln gewesen sein. Über ein „Rintelscher Heine“ genanntes Biergetränk ist ein geradezu verächtlich klingender Vierzeiler überliefert: „Du bist zu mager, dünn und lang / und bitter von dem Hopfen / thet uns die Noth nicht grossen Zwang, / man trunck dein keinen Tropfen“, reimte der im 16. Jahrhundert lebende, als Kirchenlieddichter bekannt gewordene Poet Georg Niege.

Einen guten Ruf hatte damals das Bier aus dem benachbarten preußischen Minden. Und auch der hannoversche „Broyhan“ galt als wohlschmeckend und bekömmlich. Das absolute Spitzenprodukt aber wurde mehr als 250 Jahre lang in Rodenberg angerührt. Erfinder war ein dort seit Anfang des 16. Jahrhunderts tätiger Braumeister namens Hans Kinkeldei. Sein 1503 nach langen Versuchen auf den Markt gebrachter Gerstensaft wurde so berühmt, dass er in etlichen Lobgesängen und Ruhmeshymnen verewigt wurde. „Das Kinkeldei, dein Trank, berühmtes Rodenberg, Goldfarbig im Glas erweist es, Magen und Kopf erwärmend, Ausgezeichnete Kraft; es trinken die benachbarten Bauern, Und Männer führn’s auf vollen Wagen über den Deister“, heißt es in einer Beschreibung des örtlichen Pastors und Chronisten Johannes Orsaeus (1576-1626). Aus Volkes Mund klang das so: „Sebenkanne Kinkelbeer/ isvar Gram (gegen Gram) ne gode wehr / Kinkelbeerunn Minnedage / (ver-) längert (das) leben Jahr op Jahre“. Und bei festlichen Anlässen soll im Ort lange Zeit nur ein Schlachtruf angestimmt worden sein: „Der Rodenberger schönste Zier – bleibt immerfort das Kinkelbier“.

Zu viel Biergenuss im Kloster – um 1900 entstandene „Milieustudie“ des deutschen Malers Eduard von Grützner (1846-1925).




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