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Große Alleen und Panzerplattenpisten führen zu manch gar verträumtem Ziel

Meck-Pom und sein verstecktes Glück abseits des Ostseeküsten-Trubels

Ueckermünde / Barth. Man könnte vermuten, die pfützige Zufahrt führe geradewegs ins Nichts, doch dieser rumpelige Stichweg an der Ueckermünder Straße ist aus Träumen gepflastert, die Thorsten Bisby-Saludas für sich wahr werden lassen hat. „In Berlin bist du niemand. Zu groß. Deshalb bin ich hier, hier in Hoppenwalde“, sagt der freischaffende Bildhauer. Hoppenwalde klingt nicht nach Nabel der Welt, was es auch nicht ist. Genau richtig also für freie Entfaltung. Und obwohl just die Zeit drängt, um ein Kunstwerk für die neue Tourist-Info Ueckermündes am Alten Bollwerk im Hafen fertigzustellen, gönnt sich der 45-Jährige ein halbes Stündchen, um über das Für und Wider eines Lebens auf dem Lande in Meck-Pom zu sinnieren.

Störche in Ahlbeck und anderswo: Meister Adebar mag Mecklenburg-Vorpommern sehr gerne.
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Das Wider gibt’s für ihn und seine sympathische Frau Marie-Madeleine nicht, eigentlich nur das Für. „In Berlin geht alles nur noch über Beziehungen.“ Auf den Dünkel hatte das Künstlerehepaar keine Lust, ersteigerte vor einigen Jahren eine ehemalige Pumpstation für ein Munitionswerk und landete damit einen Volltreffer. Sonnenhut grinst. Grillen zirpen. Wildkräuter duften. Von hinten dringen Klopfgeräusche über das verträumte Grundstück: Teilnehmer des Sommer-Kurses meißeln ihre Phantasie in Stein. Das ist das Leben, das Marie-Madeleine und Thorsten gewollt haben. Hier, am Stettiner Haff, wo sich die Zeit erlaubt, auch mal langweilig sein zu dürfen, fühlen sich die beiden Bildhauer wohl. Natürlich war die Freude groß, als Thorsten Bisby-Saludas den Zuschlag für das neue Ueckermünder Kunstwerk erhielt.

Überhaupt putzt sich das Städtchen am Haff fein heraus; jener tonnenschwere Findling aus Granit ist nur ein Stein in der Straße der Zukunft. Der Stadtkern ist hübsch, fast niedlich, weil klein. Trifft auch auf den Hafen zu. So was lieben Touristen, gerade dann, wenn Regen, vom Sturm gepeitscht, den ersehnten Tag am Meer ins Wasser fallen lässt, wie das an der östlichen Ostsee in diesem launigen Sommer oft der Fall ist. Andererseits schafft das Schietwetter Raum für Neues. Also einsteigen und losfahren, immer den Alleen gesäumten Straßen des Vorpommernschen Hinterlandes entlang, manchmal auch auf den Betonpanzerpisten, den allgegenwärtigen Relikten aus der Zonenzeit, die den Stoßdämpfern nicht mehr ganz taufrischer Fahrzeuge einiges abverlangen. Es klappert verdächtig, oder war’s das Storchenpaar dort drüben? Zwischenstopp.

„Die sind jedes Jahr hier“, sagt Mirko Mahnke, Inhaber des Gasthauses Zum Seegrund in Ahlbeck. Ahlbeck, oho! Eine Goldgrube, oder? „Leider nicht. Dieses Ahlbeck hat mit dem Seebad auf Usedom nicht viel gemein“, sagt der junge Wirt, dessen Gasthaus an der Dorfstraße auch an diesem durchwachsenen Mittwochnachmittag trotz Straußensteak kaum besucht ist. Meister Adebar und Braut, die gegenüber auf dem alten backsteinernen Mühlgebäude ihr Nest haben, ist’s einerlei; sie genießen die Ruhe im Dorf. Dem Investor von einst, ein „Wessi“, der das Haus nach der Wende mit gierigem D-Mark-Blick erworben hatte, weil er dachte, im Seebad Ahlbeck in eine glorreiche Zukunft zu investieren, wird die Sache noch heute quer liegen. Was für’n Esel aber auch…

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Das Gläschen Grauburgunder mundet genauso gut wie die Schadenfreude. Mirko Mahnke wünscht ein freundliches „Auf Wiedersehen“. Das tun viele Menschen hier. Die aus dem Herzen sprudelnde Freundlichkeit ist ein guter Grund, Mecklenburg-Vorpommern zu bereisen. Die Seebäder auf Usedom, Rügen und Fischland-Darß-Zingst leuchten natürlich wie Gold hervor mit ihren weißen Stränden, ihren schicken Promenaden und ihren majestätischen Villen und Hotels im Bäderstil. Doch wer den saisonalen Trubel nicht mag, wird in den schicken Hochburgen der Küste kaum glücklich werden. Selbst das Künstlerdorf Ahrenshoop, früher ein charmant verschlafenes Nest wie das von Meister Adebar, geht im sommerlichen Trubel baden. Beschaulich? Ab Oktober, frühestens. Wie trefflich wählte doch Gerhart Hauptmann für seine geliebte Insel Hiddensee mahnende Worte: „Nur stille, stille, dass es nicht etwa ein Weltbad werde…“ Doch der Mammon hat jede Baulücke ausgefüllt. Nun ächzen und stöhnen die Seebäder und Inseln mit Ausnahme vom autofreien Hiddensee unter der Last der Geister, die sie riefen.

Im hinterländischen, jedoch nicht hinterwäldlerischen Ahlbeck ist das anders. Im hübschen Fischerstädtchen Lassan am Peenestrom vis-a-vis zur Halbinsel Usedom auch. Und erst recht in Barth am Bodden im Rücken von Zingst und Prerow. Über 100 Straßenkilometer liegen zwischen diesen Orten, doch die Gelassenheit des Augenblicks ist ein sie bindendes Element. Mit farbenfrohen Fassaden und einem gesunden Maß Tourismus präsentiert sich die Vinetastadt Barth. Keine offene See vor Augen, kein langer, weißer Strand. Dafür ein hübscher Hafen und eine Innenstadt, die die Grenzen der mittelalterlichen Ringstruktur nicht verlassen hat. Über 180 Stufen führen den engen Glockenturm der Marienkirche hinauf, der dann einen wundervollen Blick über Barth und Bodden eröffnet. Das 700 Jahre alte Gotteshaus ist eines der großartigsten Beispiele der Backsteingotik und eingetragenes Seezeichen für die Ostseeschifffahrt. Ob von dort oben Gold und Silber aus der versunkenen Stadt Vineta schimmern? Die Barther Stadtoberen behaupten jedenfalls steif und fest, dass ihre Ostseeperle die Heimat der legendären Stadt Vineta ist, in der sogar die Schweine aus güldenen Trögen fraßen und die den mythischen Schriften zufolge im 12. Jahrhundert von den Dänen vollkommen zerstört wurde.

Nein…, nein, beim besten Willen, nichts zu sehen von den goldenen Zeiten. Trotzdem ist Barth apart und strebt zu neuen Ufern auf. Unter anderem mit guten Restaurants wie das der Pension „Sur La Mer“. Das Bundesland Meck-Pommes kriegt von Kritikern sein Fett weg, weil zu oft die Speisekarten über Schnitzel und panierten Fisch nicht hinausreichen. Im „Sur La Mer“ ist das erfrischend anders. Ein Zimmer bekommt man dort auch. Im „Grand Hotel zum Barther Mops“ nicht – alles belegt. Seit April wohnt dort eine skurrile Schar, erschaffen von Künstlerin Stefanie Alraune Siebert. Das Grand Hotel ist in Wirklichkeit das Vineta-Museum im Adligen Fräuleinstift. Die feine Gesellschaft besteht aus 63 Textilfiguren mit über 1000 Objekten. Es regnet. Sommer 2011. Wer braucht schon Strand und Ostsee, wenn im Barther Mops die Haute-Volée blanken Busen zeigt. Da feiert man doch gerne mit.

Noch zwei rumpelnde Kilometer bis Klein Jasedow: Die Spuren der DDR-Vergangenheit sind noch oft zu finden, etwa dann, wenn der Weg über die alten Panzerbetonplattenwege führt. Andererseits putzen sich die Zentren vieler Städte und Ortschaften fein heraus mit fröhlich-farbigen Fassaden wie zum Beispiel in Ueckermünde (Bild unten links) und Barth (rechts).

Fotos: ey

Findling für Ueckermünde: Bildhauer Thorsten Bisby-Saludas (Internet: www.bisby.de) hat im kleinen Hoppenwalde das große Berlin fast vergessen und sich am Stettiner Haff mit Ehefrau Marie-Madeleine in einer Ex-Pumpstation einen Traum erfüllt.

Abgesoffen: Der Sommer 2011 bescherte Meck-Pom manch böse Überraschung.



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