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Wie die Obrigkeit versuchte, der Trunksucht mit Vorschriften und Strafen Herr zu werden

Maßregeln gegen Trunkenbolde

Der große Wilhelm Busch brauchte nur zwei Zeilen, um eines der größten Menschheitsprobleme auf den Punkt zu bringen: „Es ist ein Brauch seit alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör“, heißt es in der Bildergeschichte „Die fromme Helene“.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Was bei dem weisen Manne aus Wiedensahl so schlicht und einfach daherkommt, hat seit alters her unzählige Fachleute, Machthaber und Moralapostel beschäftigt. Grund: Alkohol war und ist kein gewöhnlicher Konsumartikel. Er tut gut und ist schädlich zugleich. Ohne ihn ist unser gesellschaftliches Zusammenleben kaum vorstellbar. Gleichzeitig hat der giftige Kohlenwasserstoff – so wie die fromme Helene – Millionen von Suchtkranken in den Abgrund gerissen.

Kein Wunder, dass sich der zeitliche und inhaltliche Umfang des Themas auch im Aktenbestand des Bückeburger Staatsarchivs niederschlägt. Das dort aufbewahrte Papier mit Beschreibungen rund um Herstellung und Verzehr von Bier, Wein und Schnaps füllt meterlange Regalwände. Einen großen Teil davon nehmen die zahllosen (vergeblichen) Versuche der Obrigkeit ein, das Konsumverhalten der Untertanen zu reglementieren.

Die Einstellung gegenüber Trinken und Trinkern war bis in die jüngste Vergangenheit hinein von althergebrachten Wertvorstellungen geprägt. Wer viel vertragen konnte, war ein angesehener Mann. Schon die alten Germanen hätten gern „einen über den Durst getrunken“, ist in mittelalterlichen Texten zu lesen. Bier und später auch der Branntwein flossen in Strömen. Anders sah es mit dem „lästerlich viehisch Vollsaufen“ aus. Das führe zu „Verkleinerung, Unehr, Nachtheil und Spott“, machte der von 1576 bis 1612 residierende Kaiser Rudolf II. seinen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lebenden Untertanen klar.

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In Zeitungsanzeigen (hier LZ vom 22. November 1904) wurden Wundermittel gegen die Alkoholsucht angepriesen.

Ähnlich sah das auch Rudolfs in Schaumburg amtierender Zeitgenosse Graf Ernst. Amtsvorsteher und Bürgermeister hätten „besondere Achtung auf die Vollsäufer“ zu geben und diese „vom Müßiggang zum Ackerbau, zu Handwerken und zu ehrlicher Handthierung zu treiben“, heißt es in der berühmten, 1615 erlassenen Land- und Polizey-Ordnung.

Über die Anzahl der „Vollsäufer“ und die Auswirkungen des über viele Jahrhunderte hinweg geführten Kampfes gegen deren „Müßiggängerei“ ist wenig bekannt. Der Erfolg dürfte sich – den vorliegenden Berichten zufolge – in engen Grenzen gehalten haben. Alkoholismus blieb ein gottgewolltes Dauerproblem. Aussichtslose Fälle wurden, zusammen mit „Idioten“ sowie Pest- und Syphilisopfern, weggesperrt. Erst ab Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich eine neue, „menschlichere“ Betrachtungsweise breit. Auslöser waren die Zustände in den im Zuge der Industrialisierung entstehenden großstädtischen Elendsvierteln. Engagierte Christen begannen Fürsorge- und Wohlfahrtsinitiativen (Diakonie, Caritas) für Not leidende und/oder gefährdete Zeitgenossen zu organisieren. „Mäßigkeitsvereine“ zogen mit „alkoholgegnerischem und abstinenzpädagogischem Schrifttum“ gegen den „Missbrauch geistiger Getränke“ zu Felde.

Anders die Obrigkeit. Sie versuchte es weiterhin mittels Vorschriften und Strafen. Vereinzelt vorgetragene Hinweise von Wissenschaftlern, dass auffälliger Alkoholkonsum auch psychische, soziale oder genetische Ursachen haben könne, blieben – auch vom Gros der Kollegen – unbeachtet. „Trunksucht“ galt – wie bisher – als schuldhaftes Persönlichkeitsdefizit. Der Umgang mit „Trunkenbolden“ war durch Polizei-Verordnungen geregelt. In Schaumburg-Lippe galt seit 1888 die „Anweisungen betr. die Verabfolgung von Branntwein und anderen alkoholartigen Getränken“. In der preußischen Grafschaft Schaumburg trat 1902 eine „Anweisung betreffs Maßregeln gegen Trunkenbolde“ in Kraft. Der Verkauf und Ausschank von alkoholischen Getränken „an dem Trunke ergebende Personen, welche als solche durch öffentliche Bekanntmachung der Polizeibehörde bezeichnet sind“, war strikt untersagt.

Doch damit nicht genug. Ende der 1870er Jahre war durch die neu eingeführte Zivilprozessordnung die Möglichkeit geschaffen worden, „Trunksüchtige“ zu entmündigen. Während der wilhelminischen Kaiserzeit wurde davon – zumindest hierzulande – kaum Gebrauch gemacht. Offensichtlich scheuten die betroffenen Familien den unvermeidlichen öffentlichen Skandal. Die Einleitung eines derartigen Verfahrens und der Namen des/der Betroffenen wurde von Amts wegen in der Zeitung angezeigt. Nach Ende des Ersten Weltkriegs stieg die Zahl der Fälle merklich an. Und ein regelrechter Entmündigungs-Boom setzte nach 1933 ein. Nach den Rassen-Vorstellungen der NS-Ideologen galten Alkoholiker als minderwertige Volksgenossen. Das trug zu einem zunehmend offensiveren Vorgehen selbst gegen engste Familienangehörige bei. Erst nach 1945 setzte sich eine neue Form des Umgangs mit Suchtkranken durch. Seit Anfang der 1990er Jahre stehen Betreuung und Hilfe im Vordergrund.

Zuständig für die Durchführung der Entmündigungen waren die Amtsgerichte (Bückeburg, Hessisch Oldendorf, Obernkirchen, Rinteln und Rodenberg). Deren Wirken auf diesem Gebiet ist bisher unerforscht. Verwertbare Zahlen und Namen liegen nur vom AG Bückeburg vor. Dort wurden zwischen 1920 und 1945 an die 50 Verfahren wegen „Trunksucht“ abgewickelt. Im heutigen Kreis Schaumburg dürften es während dieses Zeitraums mehr als 200 gewesen sein. Nicht immer ist die Grenze zwischen Gut und Böse exakt auszumachen. In einigen Fällen dürften Geld-, Erb- oder Geschäftsinteressen im Spiel gewesen zu sein. Als Zeugen wurden – neben den Familienangehörigen – Ortsvorsteher, Nachbarn, Arbeitskollegen oder auch der NSDAP-Ortsgruppenleiter vernommen. Medizinischer und psychologischer Sachverstand waren nicht gefragt. Jede Akte enthüllt eine abgrundtiefe, menschliche Tragödie. In vielen Familien waren über Jahrzehnte hinweg Angst, Sorge, Leid und Gewalt zu Hause. Einige, wie der Malermeister Louis P. aus Bad Eilsen, wurden zweimal entmündigt. Der einst erfolgreiche Mann landete schließlich im berüchtigten Zwangsarbeitslager Teufelsmoor.



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