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Tanja Flügel schreibt historischen Roman mit Bezug zu Wallensen / Anlass war der Stadtspaziergang

Marthe und der Engel haben sie beflügelt

Thüste/Wallensen (gök). Aus ihrem Leben und von den Geschehnissen im kleinen Städtchen Wallensen um 1600 erzählt Marthe. Der Name ihrer Familie wurde in einem Moment der Hoffnung auf eine Steintafel graviert. Noch heute findet man sie in der Mauer der alten St.-Martins-Kirche. Ihre rauen Furchen kann man mit dem Finger nachfahren – Spuren aus einer anderen Zeit. Marthe erweckt sie zum Leben und macht Lust darauf, sie zu suchen.

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Mit der Geschichte des Mädchens Marthe in Wallensen verknüpft Tanja Flügel historische Ereignisse und überlieferte Namen. 1625 begann zum Beispiel Vitus Ulrici, der damalige Pastor, mit dem Wiederaufbau der Kirche. In der Geschichte ist er der Schwiegervater der Erzählerin Marthe.

Anlass für das Buch – aus 30 Seiten wurden 300 – waren die Vorbereitungen für das Leader-Projekt „Zeitreise“. Wie berichtet, hatten alle Salzhemmendorfer Ortsteile Spaziergänge unter „Ges(ch)ichtspunkten“ erstellt. Beim Stadtrundgang durch Wallensen war auch Tanja Flügel aus Thüste mit ihrer Familie dabei, um sich über die Historie ihres Heimatortes zu informieren. Ihre neunjährige Tochter Salia waren die historischen Fakten allerdings zu trocken, sie brach den Spaziergang ab und ging nach Hause. Tanja Flügel hörte den Erzählern interessiert zu: „Ich wusste, dass es in Wallensen früher gebrannt hat, aber der Umfang war mir nicht bewusst.“ Nun war ihr daran gelegen, dass sie auch ihre Tochter für die Wallenser Geschichte begeistern konnte.

Die Idee, die Fakten in einem Roman zu verpacken, entstand, als sie den Austausch der Spaziergänger verfolgte, der immer dann besonders lebhaft wurde, wenn persönliche Erinnerungen oder Gefühle mit einem Ort verbunden waren.

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Eindrucksvoll war das Gelächter bei einer Geschichte zu dem ehemaligen Behrens-Geschäft am Mühlenwall. „Jemand aus der Gruppe erzählte, warum das Geschäft früher auch den nicht ganz ernst gemeinten Namen Schlüpferburg hatte, und so kam viel heitere Stimmung auf.“ Gerade bei den Anekdoten zu besonderen Gebäuden oder Plätzen seien die Besucher geradezu aufgeblüht und haben so die Ortsgeschichte greifbar und interessant gemacht. Dramatische Ereignisse gab es in Wallensen reichlich: So gab es im 16. und 17. Jahrhundert drei große Brände, dazu kamen noch die Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg und der Ausbruch der Pest.

„Man macht sich gar nicht bewusst, wie sehr die Menschen damals in Wallensen unter den Bränden und anderen Umständen gelitten haben. Um diese Ereignisse fassbar zu machen, müssten sie in einer Geschichte verwoben werden“, dachte sich Tanja Flügel. „Eine Geschichte, in der jemand persönlich aus der Zeit erzählt, und, wie die Spaziergänger, seine ganz eigenen Erinnerungen für andere zur Verfügung stellt.“

So machte sich Tanja Flügel intensiver mit den historischen Fakten vertraut. Sie las die Chronik zur 900-Jahr-Feier, 1968 von Pastor Schwabe geschrieben und studierte die Wallenser Privilegien, um sich über das ehemals städtische Leben in Wallensen zu informieren. Mit den Lebensumständen der Zeit um 1600 beschäftigte sie sich den ganzen Sommer über und begann eine Geschichte zu schreiben.

In ihrer Tochter Salia hatte sie die beste Kritikerin. Sie sagte, was ihr gut gefiel oder auch entschärft oder gestrichen werden sollte, da die Geschehnisse, besonders rund um den Dreißigjährigen Krieg, teilweise doch sehr grausam waren. Eine Szene, in der zwei Soldaten im Krieg ein kleines Kind erschlugen, wurde auf Anraten der Tochter geändert – das Kind wird „nur“ verletzt und überlebt.

Um sich das Leben der Menschen im 17. Jahrhundert besser vorstellen zu können, besuchte die Familie Flügel dann Renaissance-Märkte und historische Stätten wie Burgen, Höhlen oder Türme im ganzen Ostkreis und arbeitete diese Erfahrungen in die Geschichte mit ein. „Wallensen gehörte damals zum Amt Lauenstein, wir sind deshalb beispielsweise auch in der Ruine der Burg herumgeklettert und haben überlegt, wie die Mönche wohl damals hier gelebt haben.“ Die Mutter war stets unter Erfolgsdruck, weil Salia abends immer wissen wollte, wie es weitergeht. Bettina Würrighausen, eine Freundin, las das Manuskript kritisch und half der Autorin eine Endfassung zu fertigen. Danach ließ Tanja Flügel das Buch drucken, verschenkte einige Exemplare an Helfer und Familienangehörige, die ihr bei der Durchführung dieses ehrgeizigen Projektes geholfen haben.

Der Bestand war rasend schnell zum Selbstkostenpreis ausverkauft. Für den Herbst hat Tanja Flügel nun die Idee, anlässlich des Gedenktages, der an den Brand 1617 erinnern soll, eine Lesung zu veranstalten und die Einnahmen der Restauration des sogenannten Taufengels zugute kommen zu lassen. Diese Holzskulptur, die in dem Buch eine ganz besondere Rolle spielt, wurde 2009 auf dem Dachboden des alten Pfarrhauses wiederentdeckt und ist stark restaurierungsbedürftig.

Wenn entsprechend viele Vorbestellungen auf www.wallensen.de eingehen, wird es noch eine Neuauflage von „Marthe“ geben.

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