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Der Eisenhammer in Buchholz: Erinnerung an ein besonderes Industriedenkmal

Markantes Wahrzeichen

Möge dem altehrwürdigen Kulturdenkmal auch in Zukunft stets Schutz und Pflege zuteil werden“, war 1938 in einer heimatkundlichen Beilage der Landes-Zeitung zu lesen. Der Wunsch galt dem Eisenhammer in Buchholz, dessen 175. Geburtstag damals gefeiert wurde.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die 1763 errichtete Anlage gehörte zu den bekanntesten und beliebtesten heimischen Ausflugszielen. Für die Kurgäste und Sommerfrischler in Bad Eilsen und Steinbergen war ein Abstecher ans Aue-Ufer unterhalb der Arensburg Pflicht. Die Anziehungskraft hatte vor allem mit der reizvollen Lage und dem als „romantisch“ beschriebenen Erscheinungsbild zu tun. „Wer von Steinbergen durch den Paß des Wesergebirges wandert, wird mit Bewunderung die vor ihm sich auftuende Landschaft anschauen“, schwärmte der Bückeburger Pastor Hermann Heidkämper in einem Jubiläumsbeitrag. „Im Hintergrund der Bückeberg, links die Dorfschaft Heeßen, rechts Buchholz mit seinen schmucken Siedlungshäusern, und im Vordergrunde der Eisenhammer mit seinen alten Gebäuden, hinter denen sich der Teich hinzieht, der das Wasser für die Räder des Hammers gibt, und vor denen die alten Kiefern stehen, die der Gegend ein besonderes Gepräge geben“.

Der damalige Appell, dem historischen Kleinod auch in Zukunft stets Schutz und Pflege zuteilwerden zu lassen, zeigte bis in die Nachkriegszeit hinein Wirkung. Dann ließ man die Anlage 1955 ohne viel Aufhebens verschwinden. So bleibt heute – statt der in diesem Jahr eigentlich anstehenden Jubiläumsfeiern zum 250. – nur noch das Betrachten alter Fotos und Ansichtskarten und ein Blick in die im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten.

Konstruktionstechnisch betrachtet war der Eisenhammer eine Mischung zwischen Mühle und „Blankschmiede“. Blankschmieden, auch „Blankhämmer“ genannt, waren Werkstätten zur Bearbeitung von („blankem“) Metall. Bei mit Wasserkraft betriebenen Anlagen wie in Buchholz wurde die vom „Naturmotor“ erzeugte Energie über ein Nockenwellengetriebe zum Arbeitsbereich geleitet und setzte ein Hammerschlagwerk in Gang. Das hierzulande seit Anfang des 18. Jahrhunderts genutzte Verfahren hatte die Metallverarbeitung einen großen Schritt voran gebracht. Das „Ausschmieden“ und Formen war erheblich erleichtert und beschleunigt worden. Zuvor hatte das Ganze in mühseliger und kraftzehrender Handarbeit erledigt werden müssen.

2 Bilder

Das Besondere am Buchholzer Blankhammer war die ausgeklügelte, auf werkstattmäßige Massenfabrikation ausgelegte Antriebsmechanik: So konnte die Menge der Energiezufuhr zu den einzelnen Arbeitsbereichen wie Schmieden, Schleifen und Feuern reguliert und am jeweils benötigten Bedarf ausgerichtet werden. Das geschah mittels Verwendung unterschiedlich großer Wasserräder. Um einen möglichst gleichmäßigen und dauerhaften Betrieb sicherstellen zu können, hatte man einen Teil des Aue-Wassers abgezweigt und aufgestaut. Zur Steuerung des Zulaufs diente ein bachaufwärts gelegenes Wehr.

Als Bauherr und erster Betreiber des Buchholzer Eisenhammers ist ein gewisser Johann Friedrich Bünte nachgewiesen. Bünte war Angestellter der gräflichen Hofkammer zu Bückeburg und zuvor für die Verwaltung der Arensburg zuständig gewesen. Den Auftrag zur Errichtung und Führung des neuen Unternehmens dürfte ihm sein oberster Chef Graf Wilhelm erteilt haben. Der schaumburg-lippische Landesherr war dafür bekannt, dass er sein kleines Land durch Ansiedlung und Gründung von Gewerbebetrieben wirtschaftlich unabhängiger machen wollte. Zur Auslastung der neuen Blankschmiede ließ er dort neben landwirtschaftlichem Gerät auch Waffen und Heeresbedarf anfertigen. Darüber hinaus räumte er dem Betrieb eine Art Monopolstellung ein. „Nachdem auf dem Eisen-Hammer zu Arensburg gute Sensen, Schaufeln und Schneide-Messer verfertigt werden, so daß solche an Güte den auswärtigen nichts nachgehen, wollen Wir, daß dergleichen Waaren von außen zum Verkauf nicht weiter herein gebracht werden sollen“, gab er 1774 den Untertanen vor.

Mit den „auswärtigen Waaren“ waren vor allem die Produkte aus der benachbarten, unter hessischem Kommando stehenden Grafschaft Schaumburg gemeint. Dort sollen zeitweise neun Blankschmieden, Hammerwerke und/oder Schleifbetriebe im Einsatz gewesen sein. Der Schwerpunkt lag im Extertal bei Rinteln.

Nach dem Tode Büntes betrieb die Hofkammer ihre Buchholzer Produktionsstätte eine Zeit lang in Eigenregie weiter. Zur Überwachung der Fertigung vor Ort wurde ein „Blankmeister“ eingestellt. Später war der Eisenhammer meist verpachtet. Einer der Pächter soll die Schmiede durch eine in einem neu erbauten Nebenhaus untergebrachte „Messerschmiede“ ergänzt haben. Trotzdem ging es aufgrund der zunehmenden Industrialisierung immer mehr bergab. Das Gros der heimischen Eisenhämmer machte im Laufe des 19. Jahrhunderts dicht. Wann in Buchholz Schluss war, ist unklar. Nach Aussage von Anwohnern sollen die letzten Hammerschläge erst während oder kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs verstummt sein. Trotzdem oder gerade deswegen blieb das Industriedenkmal ein beliebtes Ausflugsziel.

Dass es schließlich zur Totalbeseitigung der Anlage kam, hatte auch und vor allem mit den wirtschaftlichen Verhältnissen im Nachkriegsdeutschland sowie der Unkenntnis und dem Desinteresse der Verantwortlichen des damaligen Kreises Schaumburg-Lippe zu tun. Der Eisenhammer war nach dem Ende der Fürstenära auf den Freistaat Schaumburg-Lippe und 1945 auf das Land Niedersachsen übergegangen. Bei der Suche nach Einsparungsmöglichkeiten geriet das „nutzlose“ und mittlerweile stark heruntergekommene Areal ins Visier der Stadthäger Rechnungsbeamten. Appelle und Proteste der Anwohner und der heimischen Denkmalschützer halfen nichts. Wichtiger als die Erhaltung und Sanierung historischer Bausubstanz sei die Beseitigung der Wohnungsnot, war aus der Kreismetropole zu hören. Das leuchtete, zehn Jahre nach Kriegsende, auch den Vorkämpfern zur Rettung des technischen Kulturdenkmals ein. Im Herbst 1955 fiel der „Eisenhammer“ der Abrissbirne zum Opfer. Die heimische Landschaft hatte eines ihrer markantesten Wahrzeichen verloren.

Heute sind von dem einstigen Industriedenkmal nur noch Reste der Wehranlage am Abzweig des Mühlengrabens zu sehen.

Ein im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrter „Situationsplan“ aus dem Jahre 1799 (hier ein Auszug) macht die ursprüngliche Werkstattausstattung und die Antriebsmechanik deutlich.




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