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Ein ehemaliger Offiziersanwärter der Marine berichtet über das Segelschulschiff

Maritime Eitelkeiten und die Frage nach dem Sinn der „Gorch Fock“

Die „Gorch Fock“ – zu Recht Stolz der Marine oder doch nur ein Ausbildungsschiff, auf dem es ungewöhnlich hart zugeht? Ist der Druck an Bord für die Kadetten zu groß oder sind die jungen Leute von heutzutage zu weich? Ein Offizier der „Gorch Fock“ sagte gestern, der Ton sei „rau, aber stets angemessen“. Es gibt aber auch ehemalige Offiziersanwärter, die von äußerst hohem Druck und einer für die Kadetten sehr unangenehmen Atmosphäre an Bord berichten. Einer, der selbst auf dem Schiff war, erzählt zudem, dass es auf der „Gorch Fock“ über die Jahre „eine ganze Reihe von Beinahe-Unfällen gegeben hat, die aber verheimlicht wurden“.

Viele offene Fragen ranken sich um die „Gorch Fock“.  Foto: dpa
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Der junge Mann hat den Lehrgang der Offiziersanwärter auf der „Gorch Fock“ absolviert, möchte aber aus Angst vor Repressalien nicht, dass sein Name in der Zeitung steht (Name der Redaktion bekannt). Er schildert, dass das Verhältnis zwischen der Stammcrew und den Kadetten „unangenehm“ sei: „Der Habitus der Stammcrew ist sehr laut, sehr fordernd, sehr angreifend und sehr weisend.“ Der Umgangston sei häufig von oben herab und „voll von sinnfreien Regeln“.

Aus eigener Erfahrung wisse er, dass die Ausbildung auf der „Gorch Fock“ lautstark werden kann. Vor allem sei es auch der Zeitdruck und der ständige psychologische Druck an Bord, der den Kadetten immer wieder zu schaffen mache. Es gebe „wenig Zeit zum Essen“ und eingefahrene Mechanismen bestimmten den Tagesablauf. Zudem sei die Ausbildung an Bord darauf ausgelegt, dass sie möglichst schnell über die Bühne gehe. Das Ganze erzeuge „einen permanenten Druck und eine Gruppendynamik, und dann geht man hoch in die Takelage, ohne nachzudenken“.

Schon bei der Ankunft auf der „Gorch Fock“ gebe der Ton zu verstehen, wer oben stehe in der Hierarchie und wer unten. Und man merke als Neuer an Bord schnell, dass man nicht alles sagen darf, nicht überall stehen oder sitzen darf, und dass die Wirklichkeit mit den schönen Dingen, die in manch einem Seemannslied so romantisch besungen werden, rein gar nichts zu tun habe.

Kollateralschäden Zeichnung: Haitzinger
  • Kollateralschäden Zeichnung: Haitzinger

So sei es auch nicht verwunderlich, dass unter Stress, Druck und auch mancherlei Drohung immer wieder in die Takelage gestiegen werde, obwohl dieser Teil der Ausbildung freiwillig ist. In einer von starken Männern geprägten Atmosphäre des gegenseitigen Aufwiegelns gehe man dann nach oben, vielleicht auch, wenn die Kraft mal nicht mehr da sei und man ausgelaugt besser unten bliebe. So erklärt sich der Offiziersanwärter, dass es „zu zahlreichen Beinahe-Unfällen gekommen ist“. Und weiter sagt er: „Jeder davon hätte mit ein bisschen weniger Glück tödlich ausgehen können.“ Man sollte, so die Forderung des Insiders, doch nicht „Kadetten in eine reale Lebensgefahr bringen“. Zumal man die Takelage „nirgendwo sonst bei der Marine brauche“. Diejenigen, die auf anderen Schiffen in die Masten müssten, um etwa Antennen zu warten, hätten eine ganz spezielle Steigerausrüstung. Es gebe die „Gorch Fock“ nur noch aus „reiner Tradition und maritimer Eitelkeit“. Die Briten, Dänen, Spanier und Holländer verfügten allesamt nicht mehr über derartige Segelschulschiffe und hätten dennoch eine gut ausgebildete Marine. Früher habe man in der Marineausbildung „Tote billigend in Kauf genommen, aber aus einem solchen Zeitalter sind wir doch wohl raus“.

Die Hamelner Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller hat sich des Falls der auf der „Gorch Fock“ bei einem Sturz aus der Takelage tödlich verunglückten Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele aus Bodenwerder angenommen. Gestern sprach sie mit dem Wehrbeauftragten des Bundestages, Hellmut Königshaus. Ihm liegen derzeit fünf Eingaben vor, die die Situation auf der Gorch Fock betreffen – und alle enthalten nach Auskunft von Lösekrug-Möller „schwere Vorwürfe“. Mehr als 40 Offiziersanwärter sind deshalb schon befragt worden. Um der belastenden Kritik weiter nachzugehen, fliegt Anfang kommender Woche ein Ermittlungsteam des Wehrbeauftragten nach Argentinien, um dort auf der „Gorch Fock“ zu ermitteln. Die Kommission soll Vorwürfen von Offiziersanwärtern nachgehen, wonach Mitglieder der Stammbesatzung Kadetten drangsaliert haben. Vier Auszubildenden soll einem Bericht des Wehrbeauftragten Königshaus zufolge Meuterei vorgeworfen worden sein. Marine-Sprecher Achim Winkler betonte, es habe keine Meuterei gegeben. „Der Begriff ist völlig falsch und überzogen“, sagte Fregattenkapitän Winkler.

Es gibt dennoch Fragen über Fragen: Wurde die körperliche Fitness der Kadetten ausreichend geprüft? Wie stand es um die Freiwilligkeit des Enterns? Wie war es um das Klima der Besatzung bestellt? Hatten die jungen Soldaten Möglichkeiten der Trauerbewältigung an Bord? „Es ist höchste Zeit“, sagt Lösekrug-Möller, „Klarheit in die Sache zu bringen. Wenn der Begriffe der Meuterei im Raum steht, ist das ein deutliches Alarmzeichen.“ Die Abgeordnete „verstehe die Mutter gut, die aufgrund der vorliegenden Berichte ehemaliger Kameraden ein düsteres Bild über das Miteinander an Bord des Schulschiffes hat“. In einem persönlichen Brief hat sich die Abgeordnete an die Mutter gewandt, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Sie gibt ihr darin auch recht, dass, sollten sich die Vorwürfe bestätigen, „die Tage der ,Gorch Fock‘ als Schulschiff gezählt sein müssten“.



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