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Interview mit Münchhausen-Preisträger Dieter Nuhr

„Man muss auch mal was abperlen lassen“

Matthias Aschmann

Autor

Matthias Aschmann Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Herzlichen Glückwunsch zum Münchhausenpreis. Sie sind der 20. Preisträger, stehen in einer Reihe mit beispielsweise Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder, Bruno Jonas, Rudi Carrell, Frank Elstner, Dieter Hallervorden. Fühlen Sie sich gut aufgehoben?

Dieter Nuhr: Ich hoffe, ich muss jetzt nicht zu jedem Einzelnen etwas sagen, aber das ist eine recht prominente Riege. Ich bin ja durch Zufall auf eine Bühne geraten, dann nicht rechtzeitig abgegangen und nun beruflich dort oben engagiert. Das war für mich eine überraschende Entwicklung, aber ich bin sehr zufrieden damit. Man hört mir zu. Das würden sich viele Männer wünschen, denen niemand ein Ohr leiht, denen aber ständig vorgeworfen wird, dass sie selbst nicht zuhören können. Insofern bin ich fein raus.

Bei Ihrem Satiregipfel ist der gebürtige Westerbraker Andreas Rebers häufiger Gast. Hat er Ihnen schon etwas vom Weserbergland im Allgemeinen und von Bodenwerder im Besonderen vorgeschwärmt?

Andreas redet ja selten von etwas anderem. Immer wieder quillen Tränen in seine Augen, und schon ist sie wieder da, diese Sehnsucht nach Weserrenaissance und Mittelgebirgsromantik. Er ist sehr nah am Wasser gebaut.

Was verbinden Sie mit Münchhausen?

Den Tod. Er ist ja definitiv nicht mehr unter uns. Zumindest das Original. Er war ja auch im Bereich der Fortpflanzung tätig, wenn mich nicht alles täuscht, aber da will ich gar keine Details wissen. Ansonsten war er wohl Kollege, das heißt, er hat gelogen, übertrieben und auf dicke Hose gemacht. Vielleicht sind das aber auch gemeine Unterstellungen, und er war ein bescheidener Mann, der gerne Laute gespielt hat. Man weiß es nicht.

Stichwort Lügenbaron: Sind kleine Lügen für Sie im Alltag legitim?

Nein. Ich lüge nie.

Kennen Sie Münchhausengeschichten? Welche ist Ihnen in Erinnerung?

Die schönste Geschichte war sicher die mit den blühenden Landschaften im Osten. Oder war das sein Bruder im Geiste? Ich weiß es nicht mehr …

Aktuell sind sie ja nur noch unterwegs. Wie schaffen Sie das? Geht das nicht physisch und psychisch an die Substanz?

Ich bin eigentlich schon tot, allerdings dabei so unter Strom, dass es gar nicht auffällt. Ich kann ja nicht einfach den Löffel abgeben, ich habe Verpflichtungen.

Was sagt denn Ihre Familie zu Ihrem Nomadenleben?

Für eine Ehe ist das Tourneeleben fantastisch. Man freut sich auch nach langer Zeit noch aufeinander. Oft steht meine Frau mit zwei Champagnergläsern in der Tür und ist dann überrascht, dass ich schon wieder da bin. Das ist schön.

Sie führen kabarettistisch eine feine Klinge, sind aber auch ein Freund klarer Worte, wenn es um Islamismus und Rechtsextremismus geht. Vor allem in den sozialen Netzwerken haben Sie dafür kübelweise Hasskommentare geerntet, wurden übelst beschimpft. Wie gehen Sie damit um?

Wie eine Lotosblüte. Man muss auch mal was abperlen lassen. Die kleinsten Hirne erzeugen ja leider immer wieder die größte Lautstärke. Da sieht man, dass Gott nicht vollkommen sein kann, sonst hätte er nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren schließbar gemacht.

In Deutschland, in Europa, in den USA scheinen 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges rechtsradikale und rechtsextremistische Positionen wieder gesellschaftsfähig zu werden. Wie müsste man Ihrer Meinung nach gegensteuern? Nun, da fallen mir noch viele weitere Länder ein. Und die von Linken regierten sind auch keine leuchtenden Vorbilder, ich war gerade in Bolivien, da sieht es auch nicht besser aus. Leider stirbt die bürgerliche Mitte. Das ist das Subversivste, was man heute tun kann, für die Mitte eintreten. Das liegt daran, dass sich der Mainstream mehr und mehr am Rand tummelt. Die AfD behauptet ja gerne, die bürgerliche Mitte zu vertreten, aber das ist ein geografischer Irrtum, der dadurch entsteht, dass man, wenn man sich umguckt, immer in der Mitte steht. In Wirklichkeit wächst der völkischen Frau Petry langsam, aber sicher ein kleines quadratisches Bärtchen unter der Nase. Das sieht nicht gut aus.

Sie sind sozial engagiert, unterstützen SOS-Kinderdörfer. Was treibt Sie dabei an?

Ich habe in meinem Leben so viel Glück gehabt, allein schon durch meine Geburt als männlicher Weißer in Mitteleuropa, dass ich gerne etwas zurückgeben möchte. Als weibliche Schwarze in Nigeria hat man es da erheblich schwerer. Da die Geburt kein Verdienst, sondern dem Zufall geschuldet ist, fühle ich mich da ein bisschen verpflichtet. Es gibt ja immer mehr Leute, die stolz auf ihre Herkunft sind. Das kann ich nicht nachvollziehen, aber meist sind das auch die hohlsten Birnen, die sonst nichts haben.

Sie fördern junge Nachwuchstalente in Ihrer Sendung „nuhr ab 18“. Wohin fährt der Comedy-Zug? Gibt es einen Trend?

In Richtung YouTube. Heute wird man meistens bekannt, bevor man etwas gelernt hat. Das ist nicht gut für den Nachwuchs. Da das Internet nichts vergisst, bleibt der Mist dann ewig sichtbar. Meistens sind deswegen selbst gute Talente schnell verbrannt. Das ist schade. Ich würde erst einmal empfehlen zu üben, bevor man der ganzen Welt zeigt, was man gerne machen würde, obwohl man es noch nicht kann. Wir haben trotzdem sehr gute Leute gefunden für unsere Sendung. Es gibt also Hoffnung.

Sie sind nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen Kabarettisten, sondern auch ein offenkundig leidenschaftlicher Fotokünstler. Finden Sie durch die Fotografie den Ausgleich zum stressigen Künstlerleben?

Ich habe Kunst studiert, das Bildermachen ist insofern mein eigentlicher Beruf. Die Bühne ist dazugekommen. Ich habe immer Bilder gemacht, allerdings meist für mich alleine. Neuerdings werden diese nun auch in Museen gezeigt und in Galerien. Das freut mich sehr. Ich sehe alles, was ich tue, Bilder, Texte, Auftreten, Fernsehen, als gleichwertig an. Alles ist Teil meiner Arbeit. Ich habe das große Privileg, von meiner Kreativität leben zu können. Das macht mich sehr dankbar.

Was verbindet Sie mit dem Laudator Torsten Sträter?

Torsten ist einer der wenigen Kollegen, die ich auch privat treffe. Er ist der lustigste Wortklauber des Universums und dabei ein Supertyp. Dass er nun extra den Weg an den Rand der Erdscheibe macht, um eine Laudatio für mich zu sprechen, macht mich sehr stolz. Ich freue mich darauf!

Bodenwerder freut sich auf Sie. Was dürfen Ihre Fans erwarten?

Ich werde wohl auch ein bisschen reden, werde mich angemessen über den Preis freuen, häufig in Smartphone-Kameras lächeln und ansonsten versuchen, mich anständig und den Sitten des Landstrichs entsprechend zu verhalten. Mehr kann ich nicht tun.

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