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Sie sind mehr als 200 Jahre alt, aber immer noch heiß geliebt: Märchen, vor allem die der Brüder Grimm, stehen bei Jungen und Mädchen hoch im Kurs. Werden die Geschichten über Gut und Böse, über Glück, Liebe und Mut vorgelesen und erzählt, tauchen Kinder

Magische Welten entdecken

Ein Wolf frisst eine alte bettlägerige Frau und ihre Enkelin, zwei Eltern setzen ihre Kinder im Wald aus, ein Mädchen wird, weil sie die Betten nicht aufschütteln will, mit Pech überschüttet: In den Augen von Erwachsenen sind viele Märchen der Brüder Grimm vor allem grausam. Auf Kinder üben die Geschichten von Prinzen und Prinzessinnen, Hexen, bösen Stiefmüttern und Zwergen nach wie vor eine große Faszination aus. Grimms Märchen, die weit mehr als 200 Jahre alt sind und mit der heutigen Lebenswelt von Kindern eigentlich nicht mehr viel zu tun haben, liegen bei jungen Lesern immer noch hoch im Kurs. Das belegen Verkaufszahlen von Büchern und Einschaltquoten im Fernsehen.

Autor:

Katharina Grimpe
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Beatrix Schneider-Klein erklärt, warum das so ist. Die Sozialpädagogin aus Ronnenberg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Leseförderung von Kindern und bildet unter anderem ehrenamtliche Lesepaten des Projektes „Leselust Schaumburg“ aus. Vor allem die klare Handlung und die Struktur, die sich bei allen Märchen gleicht, machen die phantastischen Geschichten bei Kindern so beliebt. So werden die Figuren gleich zu Beginn in Gut und Böse eingeteilt, und am Ende gewinnen immer die Guten. Dem Weltverständnis von Kindern komme das sehr nahe. „Das Polarisierende der Märchen ist das Besondere für Kinder. Und sie haben die Gewissheit, dass die Geschichte gut ausgeht, wenn sie nur bis zum Ende weiter zuhören“, sagt Schneider-Klein.

Weiterer Pluspunkt von Märchen: Jungen und Mädchen können sich in die Hauptfiguren hineindenken und mit ihnen identifizieren. „Da ist der Kleine, der Dummling, der sein Glück machen muss, oder die jüngste Tochter, die den Prinzen bekommt.“ Das Happy End für den Helden oder die Heldin des Märchens mache den Kindern für den eigenen Alltag Mut.

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Insofern kann Scheider-Klein jene Eltern beruhigen, die die alten Geschichten als zu grausam empfinden. Es sei nicht notwendig, Kindern die rosa Brille aufzusetzen und sie vor den Konflikten im Märchen zu bewahren.

2 Bilder

Die Geschichten haben alle eine dunkle Seite, um Spannung aufzubauen. Hänsel und Gretel werden im Wald ausgesetzt und von einer Hexe gefangen genommen. Doch die Geschwister schaffen es, sich selbst aus der Situation zu befreien. Am Ende ist die Welt wieder in Ordnung. Für Kinder sei das mit der Hoffnung verbunden: Hänsel und Gretel haben das geschafft, also kann ich das auch schaffen, schildert die Expertin. Auf diese Weise könnten Kinder den Grundkonflikt der Märchen gut verarbeiten.

Auch Annegret Teismann ist überzeugt, dass Märchen gewisse pädagogische Botschaften vermitteln. Die 65-Jährige engagiert sich seit vier Jahren als Lesepatin in der Grundschule am Stadtturm in Stadthagen. Für sie würden Märchen nicht nur die Phantasie der Kinder anregen, die Geschichten können Jungen und Mädchen außerdem ermöglichen, Erfahrungen zu durchleben, die sie am eigenen Leib nicht erfahren würden. Im Märchen werde vermittelt, dass Enttäuschungen zum Erfolg führen können, sagt Teismann. Kinder können lernen, mit Misserfolgen umzugehen oder das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Allerdings, so betonen sowohl Teismann als auch Schneider-Klein, sollten Märchen nicht zu früh vorgelesen werden. Das vierte bis fünfte Lebensjahr der Kinder sehen beide als angemessenes Einstiegsalter. Außerdem sei es sinnvoll, zu Beginn Märchen zu erzählen, statt vorzulesen. Durch die Art und Weise des Erzählens könne man ängstlichen Kindern die Furcht nehmen und die spannenden Stellen entschärfen.

Generell misst Schneider-Klein dem Erzählen eine große Bedeutung zu. „Ein Märchen zu erzählen, war früher ganz normal.“ Damals hatten die einfachen Menschen noch keinen Zugang zu Büchern, Wissen und Geschichten wurden von Mund zu Mund weitergegeben. Ziel sei genau wie beim Vorlesen, Kinder neugierig zu machen auf Geschichten. Vorteil: Im direkten Dialog mit den jungen Zuhörern können diese aktiv mit einbezogen und ermuntert werden, das Geschehen weiterzuspinnen. „Kinder erzählen gerne“, betont die Sozialpädagogin. Sie rekonstruieren ihre Welt und verbinden Phantasie mit ihren eigenen Erfahrungen. „Oft kommen dabei ganz haarsträubende, phantastische Geschichten heraus, die aber ein Fünkchen Realität enthalten.“

Leider komme das Erzählen und Vorlesen nach Schneider-Kleins Erfahrung im stressigen Familienalltag viel zu kurz. Hörspiele und Filme würden als Alternative herhalten, könnten die Interaktion zwischen Eltern und Kind aber nicht ersetzen. Denn Erzählen und Vorlesen trage direkt zur Sprachförderung der Kinder bei. „Und das schon bei den Kleinsten.“ Krippenkinder, denen viel vorgelesen und erzählt wird, erweitern ihren passiven Wortschatz, der dann irgendwann aktiv abrufbar wird. „Unterhaltet Euch mit Euren Kindern, erzählt von Eurem Tag und lest ihnen vor, egal in welcher Muttersprache“, appelliert Schneider-Klein.

So brauche es nicht viel, um auch ohne Bilderbuch eine altersgerechte und spannende Geschichte zu erfinden. „Nur Phantasie und einen Impuls.“ Für Kinder reizvoll sei beispielsweise, wenn immer wieder die gleiche Hauptfigur in den Geschichten auftauche wie das Lieblingskuscheltier oder ein ausgedachter Held. Ein kindgerechter Wortschatz und die passende Gestik und Mimik spielten eine große Rolle, um die Story so zu gestalten, dass Kinder auch nicht die Lust am Zuhören verlieren.

Für alle, die sich schwer tun, eine Geschichte aus dem Stegreif zu erfinden, gibt es praktische Helfer wie Geschichten-Würfel. Anhand der Symbole auf den Würfelseiten lässt sich leicht eine Handlung stricken. Hilfreich sind außerdem einzelne Bilder aus Büchern oder aus Postkarten, zu denen man sich gemeinsam eine Geschichte ausdenkt.

Sozialpädagogin Beatrix

Schneider-Klein veranstaltet für die „Stiftung Lesen“ Fortbildungen für Lesepaten.

Grimms

Kinder- und Hausmärchen mit Illustrationen von Werner Klemke sind im Beltz Kinderbuchverlag

erschienen.




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