weather-image
30°
In einem kleinen Dorf in Rajasthan überwintern jährlich Tausende von Jungfernkranichen

Magische Massenpanik am Morgenhimmel

Manchmal haut einem das Schicksal einfach blind in die Fresse. Bei einem Arbeitsunfall wurde der Körper von Rantanlal Maloo zerschmettert, nur die Arme konnte der Familienvater danach noch bewegen. Um sich zu beschäftigen und um neues Selbstvertrauen zu gewinnen, begann er die Vögel zu füttern, die rund um das kleine Dorf Khichan nach Nahrung suchten. 50, 60 Jungfernkraniche waren es, mehr nicht. Der Erfolg war durchschlagend: Heute geben sich rund 10 000 Jungfernkraniche im Winter ein Stelldichein im indischen Rajastan. Tendenz: steigend.

Miteinander: Mensch und Tier.

Autor:

Frank Westermann

Abgesehen von der tragischen Note: eine schöne Geschichte, oder? Genauso wird sie seit einem Vierteljahrhundert weitergetragen, in den Mündern unzähliger Berichterstatter fein und rund geschliffen wie ein Kiesel in der Millionen Jahre währenden Brandung. Dem kleinen Khichan am Rande der Wüste Thar hat die Geschichte einiges an Aufmerksamkeit beschert: Das vielleicht 50 Seelen große Dorf ist der zentrale indische Anlaufpunkt für die Jungfernkraniche, die aus dem Himalaya zum Überwintern kommen – das lockt Vogelfreunde, Fototouristen und Experten.

Im Vogelhaus die Kraniche besuchen

Khichan hat sich auf seine weltweiten Gäste eingestellt; im sogenannten „Vogelhaus“ können sie unter, nun ja, recht einfachen Bedingungen übernachten. So wie Daniela aus Braunschweig, die mit ihrem Mann Steffen vor zwei Wochen ihre Wohnung gekündigt hat und hier ihre Weltreise beginnt, die in zwölf Monaten in Nepal enden soll.

Das Schauspiel, das täglich den Atem raubt, beginnt mit dem Sonnenaufgang. Innerhalb eines 60 mal 100 Meter großen Platzes werden die Tiere gefüttert; längst beteiligt sich die indische Regierung mit einem Programm an den Kosten für das Futter. Ein paar hundert Kilo werden jeden Tag von den Einheimischen verteilt, die überwiegend der Glaubensgemeinschaft der Jains angehören, denen ihr Glaube das Verletzen oder gar das Töten von Tieren verbietet. Was in Khichan so faszinierend ist, ist die Nähe der Tiere. Rund 40 bis 50 Meter, so erzählt Daniela aus Braunschweig, könne man ihnen nahekommen, ehe sie die Flucht ergreifen – hier im Hinterhof sind es vier Meter.

Kraniche rauschen durch den frühen Morgenhimmel; Daniela aus Bra
  • Kraniche rauschen durch den frühen Morgenhimmel; Daniela aus Braunschweig schaut zu.
Tiere allein reichen nicht: Das Fernsehen bringt Oldtimer mit.
  • Tiere allein reichen nicht: Das Fernsehen bringt Oldtimer mit.
Ein atemberaubender Anblick: Tausende von Jungfernkranichen wart
  • Ein atemberaubender Anblick: Tausende von Jungfernkranichen warten im Innenhof auf die tägliche Fütterung. Fotos: rnk

Was den Touristen erfreut, hilft sowohl dem indischen Bauern als auch den Tieren. Die Fütterung hält die Kraniche von den Feldern fern, und wenn sie sich zu Beginn des Frühlings auf den Weg zurück machen, haben sie sich soviel Energie angefuttert, dass sie auf den Weg zu ihren Brutgebieten in der fernen menschenleeren Mongolei auch das Himalaya-Gebirge überwinden können. Die herzzerreißende Geschichte der Kraniche, die im letzten Jahr den einschlägigen Magazinen und Fotozeitschriften als Beispiel „völliger Harmonie“ (Stéphanie Capy in NaturFoto) zwischen Mensch und Natur diente, hat bei genauerem Hinsehen allerdings ein paar realistische Risse. So bieten sich vor allem am großen Teich, an dem die Vögel nach der Fütterung ein paar hundert Meter weiter den Nachmittag verbringen, immer wieder Kinder an, die für zehn Rupies, also ein paar Cent, nur zu gerne die Vögel mal so richtig hochscheuchen: „Mister, you have better picture.“

Auch morgens, bei der Fütterung im Innenhof, nehmen die Fahrer der Touristenjeeps auf die Belange der Vögel keinerlei Rücksicht: Auf der Straße, die direkt neben dem Hof liegt, wird gern mal laut gehupt, erschreckt recken Tausende von Vögeln den Hals hoch. Und mehr als einmal steigern sich die Kraniche in eine Massenpanik hinein: Der Himmel verdunkelt sich, als Tausende aufsteigen, um der vermeintlichen Bedrohung zu entfliehen – und mehr Energie verbrauchen, als sie sich am Boden haben anfuttern können. Auch die neugierigen kleinen Hunde werden nicht als wuschelige Wollknäuel, sondern als echte Bedrohung empfunden – sofort breitet die Armada wieder die Flügel aus. Rücksichtnahme interessiert auch das indische Fernsehteam nicht die berühmte Bohne.

Ein giftgrüner Ford scheucht die Vögel hoch

Einen Tag später dreht ein Kamerateam am Teich, an dem die Kraniche sich ausruhen. Es ist sehr ruhig, bräsig strahlt die Sonne vom Horizont. Das ist dem Kamerateam zu wenig Aktion. Also werden acht Oldtimer zum Teich bestellt, die zwar keinen Bezug zum Thema haben, aber optisch den Film deutlich aufpeppen. Und, heißa, was gibt das für schöne Bilder, wenn ein giftgrüner Ford durch die sitzenden Kranichhorden fegt und sie hochscheucht. Der Kameramann nickt zufrieden und packt ein.

Man bräuchte, so erzählt Daniela aus Braunschweig, während sie deprimiert das unwürdige TV-Schauspiel verfolgt, einfach mehr Aufklärung und Bildung. Man müsste in die Schulen gehen, dort über den Zauber der Kraniche und den richtigen Umgang mit ihnen berichten. Denn wer weiß: Werden die Tiere zu stark gestört, kommen sie eines Tages nicht mehr.

Steffen aus Braunschweig, der die Fotos schießt, wird einen Tag später zu einer lokalen Berühmtheit. Ein Hund hat einen Kranich geschnappt, sein Bild zeigt, wie der Vierbeiner zufrieden mit dem Vogel im Maul wegtrabt. Die lokale Presse erscheint, macht ihre Bilder und berichtet von den Gästen aus dem hohen Norden Deutschlands. Zwei Stunden verfängt sich bei einem der Panikaufflüge ein Kranich im Stacheldrahtzaun. Er wird befreit, blutet aus einer großen Wunde am Hals – ob er überlebt? Wahrscheinlich nicht, sagen die Dorfbewohner, und: Das kommt regelmäßig vor.

Es folgt eine Großrettungsaktion von zwei deutschen Touristen und vielen Kindern, während die Erwachsenen lachend und verständnislos zuschauen: Der Zaun wird mit all dem Müll, der reichlich herumliegt, umwickelt. Ob das hilft?

Daniela aus Braunschweig weiß es nicht. Aber sie fühlt sich besser, die Kinder haben Spaß und das Dorf etwas zu reden. Eine Stunde später schaut sie nach oben, das milde Wetter scheint beständig. „Morgen“, sagt sie, „können wir weiter.“

Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare