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Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse der heimischen Landbewohner vor 100 Jahren

Liederliches Leben auf den Dörfern

Über Charakter, Gemütslage und Wesensart der Schaumburger ist schon viel nachgedacht, gesagt und zu Papier gebracht worden. Eine der ungewöhnlichsten Beschreibungen entstand vor 115 Jahren. Kernthema waren „die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse“ der hiesigen Landbevölkerung (siehe „Zur Sache“). Um es vorweg zu sagen: Die Zustände in den heimischen Dörfern müssen katastrophal gewesen sein.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

„Schwere Notstände“ wurden von den Autoren der Studie vor allem in puncto Kindererziehung festgestellt. In vielen Familien werde „ohne Scheu und Scham über den geschlechtlichen Umgang gesprochen“. So gehe „allzu früh der keusche Sinn“ verloren. „Sie (die Kinder) wachsen unter der Vorstellung auf, daß der geschlechtliche Umgang keine Sünde ist“. Eine weitere Gefahr stellten die beengten Wohnverhältnisse dar. „Kinder schlafen mit den Erwachsenen zusammen und hören alles, was gesprochen wird“. Selbst die „ehelichen Verhältnisse“ blieben nicht verborgen. „Es wird als etwas zu natürliches angesehen, wie beim Vieh“. Schon Schulkinder würden bedenkenlos „mit der Ziege zum Bocke geschickt“.

Angesichts solcher Mängel war es für die Verfasser des Berichts kein Wunder, „dass sich bei der heranwachsenden Jugend die sittlichen Nöte sehr vermehren“. Immer mehr („auch die Mädchen“) trieben sich abends auf der Straße herum und machten Tanzvergnügen mit. „Die jungen Burschen rauchen wie die alten, besuchen das Wirtshaus und treiben Liebeleien“.

Eine besonders schlimme Rolle spielten hierzulande die Spinnstuben und Tanzdielen – in der Abhandlung des Öfteren als „Brutstätten der Unzucht“ bezeichnet. „Bis 9.00 Uhr wird gesponnen, dann begibt sich das junge Volk auf die breite Dreschdiele, wo bei spärlicher Beleuchtung getanzt und allerlei unverständiges Spiel getrieben wird, und frivole Scherze und Alkoholgenuss die Sinnlichkeit erregen“. Durch das Branntweintrinken gehe „die Zurechnungsfähigkeit verloren, so daß die Triebe geweckt werden und Gelegenheit zur Befriedigung geboten ist“. Eine ähnlich verhängnisvolle Wirkung habe auch der Besuch von Jahrmärkten und Kirmesfeiern in den nahe gelegenen Städten. „Die Begierden sind durch Tanz und Spirituosen geweckt und auf dem stundenweiten Heimweg in dunkler Nacht passiert vieles, das schändlich zu sagen“. Laut Aussage eines in der Studie nicht namentlich genannten Pastors aus der Grafschaft hatte es seinem 750-Seelen-Dorf in den letzten fünf Jahren „70 grobe Unsittlichkeiten“ gegeben.

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Ein weiteres Problem stellte die Sittlichkeitsstudie in Sachen Saisonarbeit fest. Eine rühmliche Ausnahme machten nur die schaumburg-lippischen Heringsfänger. Schlimm sehe es hingegen bei den „Backstein-Arbeitern“ aus. Überall im Kreis Rinteln werde darüber geklagt, „daß die jungen Leute, welche als Ziegelarbeiter nach Holstein, Magdeburg, Köln ziehen, sowohl selbst verderben als auch üblen Einfluss auf die Zurückbleibenden ausüben“. Grund: Während der sechs- bis siebenmonatigen Abwesenheit werde häufig der Kirchgang geschwänzt. „In den Wintermonaten, in welchen sie in der Heimat weilten“, übe die „auf diese Weise eingetretene Verrohung einen sehr nachteiligen Einfluss auf die übrige Jugend“ aus.

Eine ähnliche Erscheinung war nach Darstellung der Autoren auch bei den jungen Mädchen zu beobachten, die regelmäßig „auf ferngelegene Domänen und Rittergüter ziehen, wo sie zum Zuckerrübenbau verwendet werden“. Sie „verwildern, leben liederlich und kehren oft schwanger zu ihren Eltern zurück“.

Angesichts solcher Zustände dürfe man sich nicht wundern, dass die Unzucht längst auf alle Bevölkerungsschichten übergegriffen habe, ist zu lesen. „Ohne sich viel dabei zu denken, gehen die jungen Leute ihren fleischlichen Gelüsten nach“. Immer mehr Mädchen verlören früh „ihre Ehre“. Ursache sei nicht zuletzt die zunehmend laxere Einstellung der Kirche. In den meisten Dörfern werde die „fleischliche Gemeinschaft vor der Eheschließung“ nicht mehr hart und konsequent genug gebrandmarkt. Früher seien „gefallene Paare“, wenn überhaupt, nur nach einem ausgiebigen Bußgelübde vor der versammelten Gemeinde getraut worden. Heute kämen die meisten Sünder ohne öffentliches Schuldgeständnis davon. In der Grafschaft Schaumburg würden auf Wunsch der Paare zunehmend „stille Trauungen“ (außerhalb des Gottesdienstes und ohne Glockengeläut, Orgelspiel, Brautkranz und Brautstrauß) praktiziert. Nur im Fürstentum Schaumburg-Lippe komme der voreheliche Sündenfall auch heute noch, wenn auch auf diskrete Weise, vor der Einsegnung ans Tageslicht: „Will ein unehrliches Paar Gesang zur Trauung haben, so wird nur das Lied ‚Ich erkenne meine Sünden‘ zugelassen“.

Zu den bekanntesten Darstellern der „geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse“ der Landbevölkerung gehörte der berühmte holländische Maler Pieter Bruegel der Ältere (um 1525/1530-1569), der deshalb auch „Bauernbruegel“ genannt wird. Hier sein Bild „Bauerntanz“.

„Wollust“ nannte der sonst eher auf religiös-romantische Motive spezialisierte deutsche Maler Ferdinand Wagner (1819-1881) diese Darstellung.

Einen deutlichen Verfall von Sitte und Moral stellten die Verfasser des Untersuchungsberichts auch bei der heimischen Landbevölkerung fest.



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