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Vor 100 Jahren: Volkszählung löst heftige Diskussion über die Zukunft Bückeburgs aus

Lieber Villen statt Arbeitersiedlungen

Bückeburg. Zu mehr Toleranz und Weltoffenheit forderte Bückeburgs Bürgermeister Wilhelm Külz vor 100 Jahren seine Mitbewohner auf. Die Zurückhaltung der Einwohnerschaft gehöre zwar „zum niedersächsischen Volkscharakter“, aber bei vielen gehe die Reserviertheit so weit, dass sie „alles, was nicht aus der Gegend zwischen Schaumburger Wald und den Weserbergen stammt, mit einer gewissen Scheu, ja selbst zuweilen mit einem gewissen Misstrauen anblicken“. Das müsse sich ändern, mahnte Külz in einem in der Landes-Zeitung abgedruckten Bürgerbrief.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Jenseits des eigenen Horizonts gebe es schließlich „auch ganz nette Menschen, von denen vielleicht mancher sein Heim hier aufschlagen würde, wenn man ihm die Einbürgerung leichter und angenehmer macht“. Stattdessen passiere es immer wieder, „dass man zunächst einmal in großem Bogen um ihn (den Fremden) herum macht und ihn mit einem Blick betrachtet, aus welchem der ebenso deutliche wie herzliche Willkommensgruß hervorleuchtet: „Was will der den hier?“

Hintergrund der heftigen, in der heimischen Geschichte bisher wohl einmaligen Einwohner-Schelte eines Stadtoberhaupts waren die immer lauter werdenden, mit Vorwürfen gegen Magistrat und Stadtverwaltung gepflasterten Klagen der Einwohnerschaft. Den Zündstoff dazu hatte eine am 1. Dezember 1910 reichsweit durchgeführte Volkszählung geliefert. Das Ergebnis traf die statusbewussten Bückeburger wie ein Schock. Die Residenzstadt war die einzige Kommune weit und breit, in der es kein Bevölkerungswachstum gab. Die Einwohnerzahl „dümpelte“ mit etwa 5700 Personen seit der Jahrhundertwende vor sich hin. Demgegenüber hatte es in den kleinen Nachbardörfern wie Evesen mit 416 (+ 65), Jetenburg mit 752 (+57), Vehlen mit 907 (+56) oder Eilsen mit 311 (+72 ) allein während der zurückliegenden fünf Jahre deutliche Steigerungsraten gegeben. Auch die Städte und Dörfer der benachbarten, oft als Anhängsel Preußens belächelten Grafschaft Schaumburg mit Rinteln, Obernkirchen und Groß-Nenndorf an der Spitze konnten zum Teil kräftige Zuwächse verzeichnen. Am schmerzlichsten aber wurde in der schaumburg-lippischen Landeshauptstadt der Aufschwung Stadthagens empfunden. In der Konkurrenzmetropole war die Einwohnerzahl mit fast 400 Neuzugängen auf mehr als 7000 geradezu „explodiert“.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Zahlen meldeten sich – in einer bis dato nur selten erlebten Offenheit – mehrere Leser der Landes-Zeitung zu Wort. Hauptdefizit Bückeburgs sei die unzureichende industrielle Entwicklung, so der Tenor. „Das Bestreben der maßgebenden Stellen und interessierten Kreise muss dahin gehen, Unternehmer und Genossenschaften zu begünstigen und anzuziehen, ohne dass dies zu einer Beeinträchtigung der landschaftlichen Schönheit unserer Stadt und Umgebung führt“. Es sei dringend erforderlich, „mehr und größere Fabrikanlagen in Jetenburg und auf Scheie zuzulassen“. Ein Sprecher der Bückeburger Kaufmannschaft beklagte darüber hinaus die zunehmende verkehrliche Isolierung. „Nicht genug damit, dass der ganze Strich von Rinteln bis Obernkirchen für uns verloren ist, jetzt soll uns eine weitere neue Bahn unter Umgehung unserer Stadt den Todesstoß versetzen!“ Hintergrund: Gut zehn Jahre nach Inbetriebnahme der schon damals von den Bückeburgern heftig kritisierten Rinteln-Stadthäger Eisenbahn war ein weiteres, „die Bückeburger Wünsche und Interessen missachtendes“ Schienenprojekt im Gespräch: Nach den Vorstellungen einflussreicher Industrieller im benachbarten Preußen sollte 1911 mit dem Bau einer neuen, 18 Kilometer langen Gleisverbindung von Minden über Kleinenbremen und Todenmann nach Rinteln begonnen werden. Dadurch werde „Bückeburg zum zweiten Male“ übergangen. „Wer da noch schlafen kann, der möge sich nur lieber gleich begraben lassen!“

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Erst nach langem Hin und Her begannen sich die Wogen ein wenig zu glätten. Ein Grund waren Meldungen, wonach es erhebliche Widerstände gegen das neue Eisenbahnprojekt Minden-Rinteln durch den Wesergebirgspass hindurch gebe und das Vorhaben noch längst nicht in trockenen Tüchern sei. Und zur weiteren Beruhigung trug auch der erwähnte „Brandbrief“ von Bürgermeister Külz bei. „Es gibt in Bückeburg noch eine zu große Anzahl von Pessimisten“, forderte er die Einwohner zu mehr Selbstbewusstsein auf. Pessimismus sei „der ärgste Feind jeden gesunden Fortschritts“. Im Übrigen lasse sich die Zukunftsfähigkeit einer Kommune nicht ohne Weiteres an der Entwicklung der Einwohnerzahl ablesen. „In Stadthagen ist es für die dort entwickelte Industrie normal, wenn die Arbeiterbevölkerung zunimmt“. Ob das automatisch zu mehr Wirtschaftskraft und Lebensqualität führe, dürfe mit Fug und Recht bezweifelt werden. Für Bückeburg jedenfalls sehe er die Zuwanderung von Leuten, „die hauptsächlich im Konsumvereinsbetriebe aufgehen“, als „nicht wünschenswert“ an. „Bückeburg ist durch seinen Charakter als Residenz in erster Linie Beamten- und Garnisonsstadt und es ist hierdurch in Verbindung mit seiner natürlichen Lage hauptsächlich darauf angewiesen, seinen Zuzug aus Kreisen zu gewinnen, die in der Ruhe einer frei von Ruß und Lärm lebenden Stadt, in idyllischer Gegend und in gesunden Verhältnissen ein behagliches Dasein führen möchten“.



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