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Wie sich Menschen in alternativen Wohnformen zusammenfinden / Planung nimmt viel Zeit in Anspruch

Lieber gemeinsam als einsam

Gemeinsam statt einsam: Dieses Schlagwort in einer Zeitungsanzeige aus dem Jahr 2001 brachte damals zehn Menschen aus Hameln und Umgebung zusammen. Sie wollten in ihrem Leben etwas Einschneidendes ändern, die Art ihres Wohnens: Nicht mehr vereinzelt als Paar oder Single in abgeschotteten Wohnungen oder Einfamilienhäusern sollte es sein, sondern zusammen mit anderen, frei zwar, zugleich aber in Strukturen vertrauter, hilfsbereiter Nachbarschaftlichkeit.

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

So entstand das Wohnprojekt „anders wohnen – anders leben“ mit einem großen Haus auf dem Scharnhorstgelände in der Rosa-Helfers-Straße, wo 13 Parteien, alles Menschen, die älter als 50 Jahre sind, ihre auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichteten Wohnungen bezogen, einzigartig in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Schaumburg.

„Man muss das Ziel immer klar vor Augen haben und darf sich weder durch die Mühen des Aufbaus noch etwa durch Exzentriker, die die Gruppe aufmischen wollen, vom Weg abbringen lassen“, sagt die Mitbegründerin und Öffentlichkeitsarbeiterin des Projekts, Gisela Möres. „Und eines sollte man auch wissen: So sehr der Bund im Prinzip für Formen alternativen Zusammenlebens wirbt und auch die Kommunen zur Unterstützung aufruft, man ist in allererster Linie auf privates Engagement angewiesen und muss die Dinge aus eigener Kraft in Angriff nehmen und durchführen.“

Dass das von Beginn an gar nicht so einfach ist, sehen auch der Rintelner Elektro-Techniker Sebastian Hube (47) und seine Freundin (46), die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Schon seit Monaten beschäftigen die beiden sich damit, wie man ein „Nachbarschaftliches Wohnen“ in der kleinen Weserstadt auf die Beine stellen könnte. „Wir beide leben in unseren eigenen Wohnungen und überlegen, was für Alternativen wir zu einer Zukunft im Einfamilienhaus schaffen können“, sagt Sebastian Hube. „Uns schwebt eine Wohnform vor, innerhalb derer unterschiedliche Menschen ihre Ressourcen und Kompetenzen vereinigen, wo man seinen Nachbarn oder Mitbewohnern offen und aufgeschlossen begegnet, mit Gemeinschaftsräumen, einer Gästewohnung und einem Garten, mit gemeinsam getragener ökologischer Bauweise und insgesamt dem Konzept, der Vereinzelung speziell auch im Alter entgegenzuwirken.“ Fast mit jedem ihrer Freunde und Bekannten haben sie schon darüber gesprochen, doch so sehr viele diese Idee faszinierend finden und sich ein „nachbarschaftliches Wohnen“ für ihre eigene Zukunft prinzipiell vorstellen könnten, es war bisher noch niemand dabei, der sich mit Herz und Seele hätte darauf einlassen wollen. „Die Gespräche über das Thema sind immer sehr spannend“, meint die 46-Jährige. „Die Grundbedingung ist ja, dass alle Beteiligten einen gemeinsamen Nenner finden können, was sie sich von so einer Lebensweise erwarten.“

Das „Atrium“ in dem Hamelner Wohnprojekt ist lichtdurchflutet. Es bildet den Kern des Hauses, von dem die einzelnen Wohnungen abzweigen. ll

Schnell stelle sich dann etwa heraus, dass die einen sich eine große Gemeinschaftsküche wünschen, während die anderen niemanden an ihren Herd ranlassen würden; dass einigen die Idee gefällt, Werkzeuge, Haushaltsmaschinen oder Fahrräder gemeinschaftlich zu nutzen, während andere es unvorstellbar fänden, ihre Schleifmaschine auszuleihen; dass einige sich ein Leben wie in einer großen Wohngemeinschaft vorstellen könnten, andere aber auf jeden Fall klar abgetrennte einzelne Wohnungen wollen würden. „Tatsache ist, dass man bodenständige Menschen braucht“, sagt sie, „berufstätige Menschen mittleren Alters, die kein Wolkenkuckucksheim wollen, sondern kompromissfähig sind, ohne dabei ihre Grundvorstellungen aufzugeben.“

Einige änderten

ihren Lebensentwurf in letzter Minute

So ähnlich begann es auch damals in Hameln, als sich die Gruppe (aus der später ein Verein wurde) „anders wohnen – anders leben“ zusammenfand. „Wir haben Fragebögen entworfen, um den gemeinsamen Nenner festzulegen“, erzählt Gisela Möres. „Daraus entstand dann langsam ein fest umrissener Plan, auf den sich alle Beteiligten verpflichteten.“

Stadtnah und barrierefrei sollte das neue Zuhause gebaut werden; jedem sollte eine eigene Mietwohnung mit Balkon oder Terrasse gehören; alle Wohnungen würden auf ein „Atrium“ führen, einen großen, überdachten Innenhof, in dem sich die Bewohner ständig begegnen. Und nicht zuletzt waren Gemeinschaftsräume geplant, für Plauderabende oder Feste.

Als dieses Grundgerüst gestanden hatte, ging es darum, über Volkshochschulveranstaltungen und landkreisweite Vorträge Gleichgesinnte zu finden, die das alles mittragen würden. „Ohne Öffentlichkeitsarbeit funktioniert so ein besonderes Projekt nicht“, sagt Gisela Möres. „Von den Gründungsmitgliedern sprangen viele wieder ab, selbst als das Haus im Jahr 2004 von einem Investor gebaut wurde, gab es Paare, deren Lebensentwurf sich in letzter Minute änderte, obwohl sie doch über Jahre zu unseren 14-tägigen Treffen gekommen waren. Man muss die Sache auf eine möglichst breite Basis stellen und immer davon ausgehen, dass nicht jeder die jahrelangen Vorbereitungen durchhält.“

Sebastian Hube und seine Freundin würden in Rinteln am liebsten ein sehr großes Haus entdecken oder etwa zugreifen, falls ein öffentliches Gebäude, wie etwa die Grundschule Süd, zur Verfügung stünde. „Ein bereits bestehendes Gebäude hätte den Vorteil, dass schon etwas da wäre, auf das sich alle beziehen, an dem alle gemeinsam arbeiten würden“, meint Hube. „Aber das wäre hier innerhalb der Stadt wohl ein großer Glücksfall.“ Es müsste also eher um einen Neubau auf einem geeigneten Grundstück gehen, derart gelegen, dass die Art, wie man Hof und Garten anlegt, auch vorbildlichen Einfluss auf die unbeteiligte Nachbarschaft hätte, mit Spielmöglichkeiten für Kinder außerdem und einem Baukonzept, durch das das unabdingbare Wir-Gefühl der Beteiligten entstünde.

„Ja – ohne ein Wir-Gefühl käme man wohl nicht weit“, meint Gisela Möres dazu. „Zugleich aber kann ich nur raten, schon sehr früh einen Rechtsanwalt einzubeziehen, einen Verein zu gründen und außerdem Moderatoren zu bestimmen, die Diskussionen vernünftig leiten können und die immer wieder auf die gemeinsamen Grundlagen zurückführen.“ Im Verein „anders wohnen – anders leben“ hat das alles außergewöhnlich gut geklappt. „Vier Jahre, bis das Haus stand, so schnell hat es kein einziges Projekt, von dem ich Näheres weiß, bisher geschafft.“

Seit acht Jahren also lebt die große Hausgemeinschaft zusammen. Die Jüngsten sind Mitte 50, die älteste Frau, die zu den Gründungsmitgliedern gehörte, ist jetzt über 80 Jahre alt. „Wir kennen uns so gut, wir fühlen uns wie eine große Familie, und dass, obwohl neben der Verpflichtung, sich gegenseitig zur Seite zu stehen, wenn es Probleme gibt, auch klar ist: Es geht gleichzeitig um größtmögliche Eigenständigkeit in der eigenen Wohnung.“ Das ändere aber nichts daran, dass viele ihre Wohnungstüren angelehnt ließen, damit man vom Atrium aus sehen kann: „Hier ist jemand zu Hause, der ansprechbar ist und Lust auf einen Plausch hätte.“

Fragt man im Rintelner Bauamt nach, so erfährt man leider, dass auch dort, ebenso wenig wie in Hameln, kein Konzept zur Unterstützung solcher nachbarschaftlicher Wohnformen existiert. „Dazu müsste es einen Kümmerer geben, jemand, der auch behördlicherseits so etwas anschiebt“, meint Rintelns Baudezernent Reinhold Koch. „Wer Unterstützung durch konkrete Förderkonzepte haben will, müsste das über die Politik anschieben.“ Immerhin: Fände sich tatsächlich eine Projektgruppe zusammen, solle sie ruhig im Bauamt nachfragen. „Was noch nicht ist, kann ja durch entsprechendes Engagement noch werden.“

Und tatsächlich kann Harald Fettin von der städtischen Bauaufsicht etwas Hoffnung machen: „Die ehemalige Jugendherberge steht meines Wissens noch über das Deutsche Jugendherbergswerk zum Verkauf“, sagt er. „Da wär es durchaus möglich, über die Niedersachsen-Bank Wohnbaufördergelder zu beantragen, vorausgesetzt, zur Gruppe gehören Menschen, denen solche Gelder zustehen.“ Er rät Interessierten grundsätzlich dazu, die Wohnbauförderungsstelle zu kontaktieren, die Kreditanstalt für Wiederaufbau einzubeziehen und sich insgesamt umfassend über auch zunächst abwegig erscheinende Fördermöglichkeiten zu informieren.

Kontakte: Gisela Möres bietet Unterstützung und Hausführungen an für alle, die an einem eigenen Projekt interessiert sind: Tel. 05151/1062547, E-Mail: info@anderswohnen.de. Sebastian Hube ist unter Tel. 05751/923451, E-Mail: nachbarschaftliches-wohnen@gmx.de, erreichbar.

Immer mehr Menschen machen sich Gedanken über alternative Wohnformen. Es ist auch eine Frage des Älterwerdens – aber eben nicht nur. In Gemeinschaft leben statt in Einsamkeit war der Kerngedanke einer Hamelner Wohninitiative, die sich 2004 gründete. Auch in Rinteln gibt es aktuelle Pläne. Beim Anschieben von solchen Gemeinschaftsprojekten ist dann doch jeder auf sich selbst gestellt.




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