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Dewezet-Berichte: Soldaten des 164er Regiments fahren an die Front

„Laßt eure Fäuste auf den Feind schlagen“

Vor 100 Jahren raste Europa auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zu. In einer Serie blickt die Dewezet auf die Folgen für Hameln und die Region zurück. Von Frank Werner

Freitag, 7. August 1914

Noch immer diktiert das Unverständnis über den britischen Kriegseintritt in der Dewezet die Schlagzeilen. Der deutsche Einmarsch in Belgien sei eine „militärische Notwendigkeit“ und berühre „keine englischen Interessen“, lautet die von der „Täglichen Rundschau“ übernommene Darstellung. Die Kriegserklärung Englands an Deutschland gilt in dieser Sichtweise als rassistischer Irrtum: England wolle ein „blutverwandtes Volk dem Slawentum opfern.“

An der Spionagefront werden Erfolge vermeldet. In München seien „ein als Klosterfrau verkleideter Mann und ein falscher Kapuziner“ festgenommen worden, in Eggenburg „zwei angebliche Nonnen als Männer entlarvt worden“. Und in Budweis sei ein Serbe aufgegriffen worden, „der in einem ausgehöhlten Spazierstock Bazillen zur Vergiftung des Trinkwassers bei sich führte“ – immerhin, hinter diese Räuberpistole setzt die Redaktion ein dezentes Fragezeichen. Nicht in Zweifel gezogen wird hingegen die Fortsetzung des Märchens von den Goldautos: 20 französische Automobile seien bei Bad Nauheim angehalten, die Insassen verhaftet worden.

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8. August 1914: Offiziere des 164er Regiments warten am Hamelner Bahnhof auf ihre Abfahrt zur Westfront. Foto: Museum Hameln.

In Hameln bestimmt der Krieg zunehmend den Alltag. In den Kirchen sammelt man Geld für die Angehörigen der ins Feld ziehenden Soldaten, auch in der Synagoge wird „Opferwilligkeit“ gepredigt. Überteuerte Lebensmittel sind der Polizei zu melden, der Postverkehr wird eingeschränkt und das Arbeitsamt fordert Knaben und Mädchen auf, sich als Erntehelfer zu melden. Das Rote Kreuz erfreut durchziehende Truppen am Güterbahnhof mit Kaffee, Zigarren und Schokolade und ruft zur Spende solcher „Liebesgaben“ auf.

Am Abend findet auf dem Exerzierplatz ein Feldgottesdienst für das in den Krieg ziehende Regiment statt. „Die auf Kriegsstärke gebrachten beiden Bataillone sowie die Mannschaften der Maschinengewehr-Kompanie waren in einem großen Viereck aufgestellt.“ Die Dewezet würdigt das Ereignis mit einem vergleichsweise ausführlichen Bericht. In seiner Ansprache rechtfertigt Pastor S. den Krieg als „gerechte Sache“, zitiert wird der Ausspruch „Laßt eure Fäuste auf den Feind schlagen, eure Herzen aber zu Gott!“ Für die katholischen Mannschaften fügt Pastor H. hinzu: „Seid männlich und stark. Mit Gott ziehet hinaus in den gerechten Kampf, opfert freudig Gut und Blut.“ Eine letzte mentale Aufrüstung, bevor die Soldaten des 164er Regiments am nächsten Tag die Reise an die Front antreten.

Freitag, 8. August 1914

Die Einnahme Lüttichs im Handstreich sei misslungen, ist einer Meldung auf den hinteren Seiten zu entnehmen. Gleichwohl sei die Aktion „Beweis für die todesmutige Angriffslust unserer Truppen“. Noch ist der Offensivgeist ungebrochen, obwohl in einem Beitrag zum Seekrieg das Bewusstsein erkennbar wird, dass der „moderne Krieg“ die „reinste Zerstörungs- und Vernichtungstechnik“ darstellt. Wirtschaftlich habe das Reich den längeren Atem als England: „Siegt Deutschland zu Lande, so hat es im Osten und Westen offene Märkte vor sich.“

Die Angst vor Agenten schlägt um in Gewalt. Bei Dresden wurde einer Agenturmeldung zufolge ein deutscher Offizier, der in seinem Kraftwagen unterwegs war, von einem Militärposten erschossen. Erst jetzt ergeht die „behördliche Anweisung“, die Jagd auf „angebliche feindliche Geldautomobile“ einzustellen. Von nun an folgen immer neue Dementis und Mahnungen zum Stillhalten: „Es wird noch einmal nachdrücklich darauf hingewiesen, daß das ins Unvernünftige gehende Anhalten der

Kraftwagen auf den Landstraßen aufhören muß. Unsere Grenzen sind jetzt abgesperrt.“ Der Generalstab gibt sich alle Mühe, die selbst geschürte Alarmstimmung wieder einzufangen, denn die Jagd auf vermeintliche Goldautos hat Ausmaße angenommen, die den militärischen Aufmarsch gefährden.

Doch nicht nur auf den Straßen sehen die Zeitgenossen überall Gefahren. Nicht selten wird auch in den Himmel geschossen, um die angeblichen Luftangriffe bis weit ins Hinterland abzuwehren. Mit Folgen für deutsche Piloten auf Übungsflügen: „Unsere braven Flieger sind, wenn nicht von allen Seiten Ruhe und Besonnenheit gewahrt wird, den schwersten Gefahren ausgesetzt. Es ist daher unter allen Umständen jedes Schießen auf Luftfahrzeuge zu unterlassen.“ Die Meldung klärt darüber auf, dass es „fast ausgeschlossen“ sei, „daß fremde Luftschiffe oder Flieger Berlin erreichen“ können.

Auch im Lokalteil sind erneut Aufrufe zur Besonnenheit zu lesen, denn überall würden „unsinnige Gerüchte“ verbreitet. In bestimmten Momenten entlädt sich die Nervosität und Anspannung, zum Beispiel, wenn das Militär mit viel Tamtam durch die Straßen zieht. Erneut berichtet die Dewezet über ihr Lieblingsthema, die „große patriotische Begeisterung“, diesmal anlässlich einer Parade des 2. Bataillons des 164er Regiments in der Osterstraße: „Nachdem das gesamte kriegsstarke Bataillon vorübergegangen war, spielte die Regimentskapelle die ,Wacht am Rhein‘. Bei dem nach vielen hunderten zählenden Publikum löste dies eine solche Begeisterung aus, daß es entblößten Hauptes mitsang. Zum Schluß ertönte ein lautes dreifaches ,Hurra!‘, worauf der Herr Oberst salutierte und ausrief: ,Wir wollen sie schon kriegen!‘“ Im Anzeigenteil erscheinen jetzt Inserate, die den Kauf einer Reservebrille („Notwendig für den Feldzug“) empfehlen oder in denen Kaufleute Störungen im Kundenverkehr ankündigen, weil sie ihren Militärdienst antreten.

Am Abend verkündet ein Extrablatt der Dewezet die Eroberung Lüttichs, die erste Erfolgsmeldung des Krieges. Was nicht zu lesen ist: An diesem Tag werden die Soldaten der Hamelner Garnison auf die Bahn verladen und an die belgische Grenze gebracht.

Freitag, 9. August 1914

Der erfolgreiche Sturm auf die Festung Lüttich wird als „glänzende Waffentat“ und Beweis für die Offensivkraft des Heeres gefeiert: Der Erfolg zeige, „daß die Deutschen über die im deutsch-französischen Kriege bewährte Kraft unwiderstehlichen Vordringens auch jetzt noch in vollem Maße verfügen.“ Eine Euphorie, die wenige Wochen später an der Realität des Stellungskrieges zerschellen wird. Trotz der Angriffserfolge besteht in offizieller Lesart kein Zweifel, dass sich Deutschland im Feindesland verteidigt. Die propagandistisch vorbuchstabierte Moral des Krieges lautet: „Wir führen keinen frevlen Angriffskrieg, sondern notgedrungen haben wir zu den Waffen greifen müssen, um uns Ruhe gegen die feindseligen Nachbarn zu verschaffen, die seit langer Zeit unsere Größe und unser Erstarken beneideten.“ Vor dem Hintergrund solcher Überlegenheits- und Rechtfertigungsrhetorik wird nachvollziehbar, warum vier Jahre später die Niederlage wie ein Schock und der Kriegsschuldvorwurf wie ein moralischer Skandal wirken wird.

Auf Deutschlands Straßen regiert weiter die Selbstjustiz. Die Phobie vor Spionen schafft sich immer neue Ziele. Der Generalstab warnt eindringlich vor weiteren Aktionen: „Der Automobilverkehr unterliegt zur Zeit durch das zu großem Unfug ausgeartete fortgesetzte Anhalten und Bedrohen der schwersten Störung. Ein höherer österreichischer Offizier [...] wäre beinahe um ein Haar erschossen worden.“ Noch einmal weist der Generalstab darauf hin, dass sich „kein verdächtiges oder feindliches Auto“ mehr im Lande befinde.

In Hameln soll die Haushaltungsschule als Lazarett eingerichtet werden, in der Markt- und Münsterkirche werden regelmäßig Kriegsbetstunden abgehalten. Trotz der Lücken im Lehrpersonal soll der Schulunterricht aufrechterhalten werden: Es entspreche „nicht dem Ernst der Zeit, daß die Jugend müßiggehe“. Für bestimmte Lebensmittel wie Mehl, Zucker, Salz und Butter werden per Anordnung des Landrats Höchstpreise festgesetzt.

Als kleiner Skandal liest sich die Geschichte, die Heinrich T. in der Dewezet zum Besten geben darf: Eine Dame habe die ihr zur Einquartierung zugeteilten Soldaten in der Waschküche schlafen und zum Speisen nicht die Küche betreten lassen. Überprüft wird die Erzählung nicht, aber bewertet: „Ein solches Benehmen – die Richtigkeit der Meldung vorausgesetzt – ist unerhört und eines Deutschen unwürdig!“ Denunziationen wie diese finden ihren Weg ins Blatt, wenn sie dazu dienen, die Kriegsbereitschaft der „Heimatfront“ zu stärken.




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