×

Kurzarbeit – „besser als gar keine Arbeit“

Bei Heino Müllers Arbeitgeber, dem Getriebehersteller Rexnord-Stephan in Hameln, brachen Anfang des Jahres die Bestellungen ein. Kurzarbeit für 110 der 120 Mitarbeiter war die Folge. „Ich bekam für mehrere Arbeitswochen nur zwei Drittel vom üblichen Netto“, schildert Müller. Solche Einbußen auf dem Girokonto seien unschön, mit dem Haushaltsgeld müsse dann vorsichtiger hantiert werden, beschreibt der Angestellte, der seit neun Jahren im Betrieb ist. Er stellt jedoch auch fest: „Das ist natürlich besser, als arbeitslos zu werden.“

Marc Fisser

Autor

Marc Fisser Reporter zur Autorenseite

Kurzarbeit gilt derzeit als das wirkungsvollste Instrument, um die Durststrecke in den Produktionen zu überbrücken und Massenentlassungen zu vermeiden. Auch bei Rexnord-Stephan, wo zum Beispiel Lüfter für Kühltürme, Rührer für Klärwerke oder Getriebe für Brotschneidemaschinen entstehen, ist diese Taktik bislang aufgegangen. „Wir mussten niemandem kündigen“, bestätigt Personalmanagerin Karin Stollarczyk. Für die sehr feine Bearbeitung von Zahnrädern sei viel Erfahrung nötig, deshalb sei es so wichtig, die Stammbelegschaft zu halten. Die hochqualifizierten Fachkräfte sind das vielleicht wichtigste Kapital der

deutschen Industrie, sie kön-

nen und sollen nicht je nach Auftragslage geheuert und gefeuert werden. Das sagt auch Dieter Mefus, Geschäftsführer des regionalen Arbeitgeberverbandes AdU. Und er erklärt: „Noch Anfang 2008 hatten wir den Facharbeitermangel beklagt. Es gibt nach wie vor Unternehmen, die von der Krise nicht betroffen sind und gute Kräfte abgreifen.“ Für das Weserbergland gelte es, den Abfluss von Know-how zu verhindern. Die Kurzarbeit sei hierfür „ein gutes und stark genutztes Mittel“.

Die Kurzarbeiter legen vielfach nicht etwa die Beine hoch, sondern engagieren sich für die Zukunft ihres Betriebes. 14 Schulungskurse wurden in diesem Jahr bei Rexnord-Stephan mit Unterstützung der Arbeitsagentur angeboten, um mit vereinter Kraft die Produktionsprozesse zu analysieren und zu optimieren – damit die Fabrik später umso besser funktioniert und damit in gewisser Weise sogar von der Krise profitiert. Stollarczyk lobt die Hilfe der Arbeitsverwaltung, spricht allerdings auch von einem Papierkrieg, der vor jeder geförderten Qualifizierungsmaßnahme stehe. Das Unternehmen Stüken in Rinteln hat genau deshalb in der diesjährigen Flaute mehr auf selbst organisierte Schulungen als auf externe Ausbilder gesetzt. „Wir betreiben schließlich seit Jahrzehnten eine eigene Facharbeiterausbildung“, sagt Geschäftsführer Dr. Ing. Hubert Schmidt, so müsse man nur in geringem Maße Hilfe von außen in Anspruch nehmen. Stüken stellt Präzisions-Metallteile unter anderem für Zulieferer der Autoindustrie her. In der ersten Jahreshälfte waren bis zu 50 Prozent der 600-köpfigen Belegschaft von Kurzarbeit betroffen. Sie

arbeiteten in der

Regel nur vier von fünf Tagen pro Woche. Wie der Betriebsratsvorsitzende Dieter Horn hervorhebt, konnten dadurch trotz der schwierigen Situation sogar einige befristete Verträge verlängert werden.

Dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland wie auch im Weserbergland in diesem Jahr trotz der Krise nicht explodiert ist, wird besonders auf die erweiterte Kurzarbeitsregelung zurückgeführt. Das Kurzarbeitergeld wird einem Betrieb eigentlich nur für maximal sechs Monate gewährt, doch angesichts der tiefen Rezession verlängerte die Politik die Frist Anfang 2009 auf 18 Monate, zum 1. Juli sogar auf bis zu 24 Monate; für Neuanmeldungen im Jahre 2010 gelten wieder 18 Monate. Bundesweit werden die Unternehmen im laufenden Jahr bei den Lohnkosten und ab dem siebten Kurzarbeitsmonat auch bei den Sozialabgaben um insgesamt fünf Milliarden Euro entlastet. Die Kurzarbeiter erhalten vom Arbeitgeber das Geld für die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden, den Rest gleicht der Staat teilweise aus: zu 60 Prozent bei Kinderlosen und zu 67 Prozent bei Eltern.

Nach der jüngsten Quartalsauswertung haben im Agenturbezirk Hameln, der von Holzminden bis nach Stadthagen reicht, Ende September 334 Betriebe Kurzarbeitergeld für 6101 Beschäftigte erhalten, knapp 5000 gehörten zum verarbeitenden Gewerbe. Damit war rund jeder Zwanzigste der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im nördlichen Weserbergland von Kurzarbeit betroffen. Das bedeutet eine leichte Verringerung gegenüber dem bisherigen Jahreshöchststand der Kurzarbeiterquote mit 6,0 Prozent Ende Juni – wahrscheinlich aber nur urlaubsbedingt. Denn während des Urlaubs gilt ein Arbeitnehmer nicht als Kurzarbeiter. Im Oktober haben im Bezirk Hameln 39 Betriebe für 681 ihrer Mitarbeiter Kurzarbeit neu angemeldet. Dass die Arbeitslosigkeit in dieser Region im November kaum gestiegen ist – innerhalb eines Monats von 17 241 auf 17 277 Betroffene, das sind 717 mehr als vor einem Jahr – führt Ursula Rose, Chefin der Arbeitsagentur Hameln, auf die Kurzarbeit zurück. Sie sieht allerdings auch ein Risiko für die Region: „Wir wissen nicht, ob die durch Kurzarbeit vorgehaltenen Personalkapazitäten später wieder genutzt werden. Das hängt davon ab, wann und mit welcher Stärke die Nachfrage nach deutschen Exporten wieder anzieht“, erläutert die Expertin. Sie befürchtet, dass die Arbeitslosenzahlen in den nächsten Monaten steigen, allein schon aus saisonalen Gründen. Viele Unternehmer sehen zwar den „Silberstreif am Horizont“, aber die Krise sei noch nicht beendet und die Zukunft noch fraglich. Der Straßenbaumaschinenhersteller Volvo CE in Hameln erwägt für 2010 nach Worten seines Chefs Udo Heukrodt die Fortsetzung der bereits seit einem Jahr laufenden Kurzarbeit. Auch hier will man für bessere Zeiten gerüstet sein. Schließlich hat sich Volvo in Hameln kurz vor dem globalen Einbruch Flächen für eine riesige Betriebserweiterung gekauft – da wäre es fatal, wenn im Aufschwung das Fachpersonal fehlte.

Arbeitgebersprecher Mefus sieht in der Kurzarbeiterregelung einen weiteren Vorteil: „Sie rettet auch die Konsumstimmung.“ Soll heißen: Weil Massenentlassungen und eine große Verunsicherung bislang ausgeblieben sind, geben die Privathaushalte durchaus weiter Geld aus – wenn auch nicht mit vollen Händen – und verhindern dadurch eine große Abwärtsspirale. Heino Müller zum Beispiel hat zwar auf die teure Flugreise verzichtet, aber ein „normaler Urlaub“ sei schon noch drin.

Aus dem aktuellen Bericht der Arbeitsagentur Hameln geht hervor:

Insgesamt meldeten sich im November 3972 Menschen bei den Geschäftsstellen der Arbeitsagentur Hameln und den Jobcentern der Region arbeitslos, 80 mehr als im Oktober. Davon kamen 1723 aus einer Beschäftigung, 215 mehr als im Vormonat.

Während die Arbeitslosenquoten in den Geschäftsstellenbezirken Hameln, Holzminden und Rinteln gegenüber Oktober gestiegen sind, ist in den Bereichen Bad Pyrmont, Springe und Stadthagen ein Rückgang zu verzeichnen. In Bad Pyrmont und Springe liegen die Quoten unter denen vom November 2008, in Hameln rangiert sie auf Vorjahresniveau.

Bei den jüngeren Erwerbslosen (bis 25 Jahre) ist die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vormonat weiter zurückgegangen. Ihre Zahl sank um 47 auf 1659. Gegenüber November 2008 waren 60 junge Menschen mehr arbeitslos (+3,8 Prozent).

Für 3936 Menschen im Agenturbezirk Hameln wurde die Arbeitslosigkeit beendet – 273 weniger als im Oktober. Davon haben 1299 Menschen eine Erwerbstätigkeit aufgenommen, 134 weniger als im Oktober. Seit Jahresbeginn haben 15 903 arbeitslos Gemeldete eine Arbeitsstelle erhalten; dies sind 1331 weniger Arbeitsaufnahmen (-7,7 Prozent) als im gleichen Zeitraum des vorigen Jahres.

Im November wurden dem Arbeitgeber-Service der Agentur und der Jobcenter 918 Stellen aus dem ersten Arbeitsmarkt zur Besetzung gemeldet (+10 Prozent gegenüber Oktober). Seit Jahresbeginn wurden 9339 Stellen registriert – 1951 weniger als im Vorjahreszeitraum (-17,3 Prozent).

Andere Möbel, ein neues Auto, eine exotische Fernreise? „In diesem Jahr besser nicht“, sagt sich Heino Müller (47). Auf größere Anschaffungen und Ausgaben hat der kaufmännische Angestellte verzichtet, nachdem die globale Wirtschaftskrise plötzlich auch ihn erreichte – in Form von Kurzarbeit.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt