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Wie das Bückeburger Mausoleum zur Glückswahl bei der Rettung wertvoller Skulpturen wurde

Kunstschätze in der Fürstengruft

Im Schaumburger Land war schon viel Prominenz zu Gast, darunter auch etliche Berühmtheiten, die nur vorübergehend Zuflucht und eine sichere Bleibe suchten. Zu den bemerkenswertesten (Durch-) Reisenden dieser Art gehörte auch eine Gruppe weltberühmter Skulpturen. Hintergrund: Während des Zweiten Weltkriegs war in der Bückeburger Fürsten-Gruft eine Ansammlung kostbarer Kunstschätze versteckt.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das Gros der wertvollen Stücke stammte aus Bremen. Die dortige Kunsthalle (s. Zum Thema) war im Herbst 1942 von einer alliierten Brandbombe getroffen und schwer beschädigt worden. Daraufhin dachte man in der Hansestadt – wie in allen anderen deutschen Kulturmetropolen auch – über die Auslagerung besonders kostbarer Kunstschätze nach. Nach einigem Hin und Her kam man überein, die wertvollsten Stücke auf ländliche, „weit vom Schuss“ gelegene Herrensitze zu verteilen.

1943 ging es los. Die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken, darunter Werke von Corinth, Dürer, Gauguin, Renoir und Tintoretto, wurden in die Schlösser Karnzow (bei Kyritz/Mark Brandenburg), Neumühle (Kreis Salzwedel) und Schwöbber (bei Hameln) gebracht, die Skulpturen brachte man im Bückeburger Mausoleum unter.

Über den Fortgang der Geschichte und die wahrhaft abenteuerliche Odyssee der nach Karnzow verfrachteten und dort 1945 geplünderten Bilder an anderer Stelle mehr. Nur so viel vorweg: Für einen großen Teil der 1943 verfrachteten Bremer Kunstwerke wurde die vermeintliche Rettung zu einer Reise ohne Wiederkehr.

3 Bilder
Das Mausoleum in Bückeburg war während des Zweiten Weltkriegs Zufluchtsstätte weltberühmter Kunstwerke. Fotos/Repros: gp

Im Gegensatz dazu erwies sich die heimische Fürstengruft als Glückswahl. Der damalige Schlossherr Wolrad war von Anfang an auf eine sichere Unterbringung der ihm anvertrauten Schätze bedacht. Am 9. Juni 1944 trafen, in einer Nacht und Nebel-Aktion, zwei Lastwagen mit 20, in Kisten verpackte und/oder durch Holzverschläge gesicherte Plastiken in der schaumburg-lippischen Landeshauptstadt ein. In der Begleitliste waren – neben Bronze- und Marmorskulpturen von Antonio Canova, Auguste Rodin, Louis Tuaillon, Kurt Edzard, Ernesto de Fiori, Bernhard Hoetger und Wilhelm Gerstel – auch drei, aus dem 17. Jahrhundert stammende Sandsteinfiguren vom Portal des Bremer Seefahrtshofs sowie eine nicht näher beschriebene Reliefplatte aus Privatbesitz aufgeführt.

Kurz vor der Ankunft des Transports aus der Weserstadt waren bereits zwei Kunstwerke aus der näheren Umgebung im Mausoleum eingelagert worden, und zwar das berühmte Taufbecken des Adrian de Vries aus der Bückeburger Stadtkirche und der über 400 Jahre alte Taufstein der Jetenburger Kapelle.

Darüber hinaus war nach 1945 in heimatkundlichen Zeitungsberichten zu lesen, dass während des Krieges auch der Sarkophag Karls des Großen aus dem Aachener Dom in Bückeburg gewesen sei. Die Verfasser beriefen sich auf Aussagen zwischenzeitlich verstorbener Augenzeugen. Ein Nachweis über den Wahrheitsgehalt wurde, soweit heute bekannt, nie erbracht.

Die absoluten Glanzstücke der Bremer Gast-Kollektion waren zwei Bronze-Plastiken von Auguste Rodin („Ehernes Zeitalter“ und „Johannes der Täufer“) sowie das Marmor-Standbild „Psyche“ von Antonio Canova. Der zwischen 1840 und 1917 lebende Franzose Rodin gilt vielen Fachleuten als wichtigster Bildhauer des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und der bereits zu Lebzeiten (1757-1822) hoch verehrte Italiener Canova wird als einer der ganz Großen des Klassizismus gefeiert.

Alle in der Fürstengruft eingelagerten Kunstschätze überstanden den Krieg unversehrt und gingen 1948 wohlbehalten zu ihren Heimatstandorten zurück. Den einzigen kritischen Moment gab es im April 1945, wenige Stunden, bevor die Amerikaner in Bückeburg einrückten. Während der Rückzugsgefechte schlug eine alliierte Panzergranate ins Mausoleumsdach ein. Der Einschusskanal und die Granatreste sind noch heute zu sehen.




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