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Zum Tode des „Bückeburger Tischbein“ Karl Wilhelm vor 160 Jahren

Kunstmaler, Gymnasiallehrer und Kurdirektor

Bei der Zuordnung der Malerdynastie Tischbein kommen selbst ausgewiesene Kunstexperten ins Schwitzen. Nicht weniger als 21 Träger dieses Namens waren über Generationen hinweg mit Leinwand, Pinsel und Farbe aktiv. Hinzu kommen fast genauso viele an- und eingeheiratete, ebenfalls künstlerisch hochbegabte Verwandte. Anders gesagt: Ohne die aus dem Hessischen stammende Sippe ist die deutsche Kunstlandszene des 18. und 19. Jahrhunderts kaum vorstellbar.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Kein Wunder, dass zwei Angehörige des Clans auch in der hiesigen Region tätig waren. Als erster wurde Anfang der 1780er Jahre der Maler und Kupferstecher Anton Wilhelm Strack (1758-1829) an den schaumburg-lippischen Fürstenhof berufen. Der damals knapp 24-Jährige war der Sohn eines Bäckers, der eine Tischbein-Tochter geheiratet hatte. Als Nachfolger nach Stracks Tod kam sein Großneffe Karl Wilhelm Tischbein (1797-1855) in die Residenz. In biografischen und kulturhistorischen Beiträgen ist vom „Bückeburger Tischbein“ die Rede. Bei der Beurteilung von dessen künstlerischer Qualität gehen die Meinungen auseinander. Einig ist sich das Gros der Kritiker jedoch in der Beurteilung, dass Karl Wilhelm Tischbein ein ausgezeichneter Manager war.

Dass diese Begabung überhaupt sichtbar wurde, hat mit den nicht nur hierzulande schlechten Verdienstmöglichkeiten der Hofkünstler Anfang des 19. Jahrhunderts zu tun. Zu den Kernaufgaben des Bückeburger Hofmalers gehörten die Betreuung der herrschaftlichen Gemäldesammlung, die Erteilung von Zeichenunterricht am fürstlichen Gymnasium Adolfinum und die gelegentliche Ausführung von Porträt-Auftragsarbeiten seitens der Schlossbewohner, des heimischen Adels und anderer gut betuchter Zeitgenossen.

Regelmäßige Einnahmen bescherte nur die Lehrtätigkeit als „Professor für Zeichenkunst“. Seit der Schulreform des Grafen Wilhelm im Jahre 1766 waren pro Klasse und Woche vier Unterrichtsstunden angesagt. Nach zeitgenössischen Beschreibungen wurden „Mittwochs und sonnabends einige Stunden Anweisung in Zeichnen, und für diejenigen, welche nachher Lust und Genie haben, auch zum Malen von einem eigenen Lehrer der bildenden Künste gegeben“. Auf dem Lehrplan standen unter anderem „die Anfertigung geometrischer und architektonischer Risse“ sowie die „Anleitung zum Zeichnen nach der Natur, zur praktischen Perspektive und zur Ölmalerei“.

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  • Frauenporträt aus dem Jahr 1855.
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  • Karl Wilhelm Tischbeins Vorgänger in Bückeburg war dessen Großonkel Anton Wilhelm Strack.
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  • So sah Tischbeins Wirkungsstätte vor 200 Jahren aus; kolorierter Kupferstich seines Vorgängers Anton Wilhelm Strack mit dem Titel „Eilsen von der Morgenseite“ (von Osten) aus dem Jahre 1810. gp (5 Repros)
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Die Unterrichtsvergütung war äußerst knapp. Strack bekam anfangs 150 Reichsthaler pro Jahr. Nach den Napoleonischen Befreiungskriegen (1813-1815) wurden die Bezüge zwar schrittweise aufs Doppelte erhöht, zur Versorgung von Familie und Haus aber reichte es trotzdem nicht. Sowohl Strack als auch sein Nachfolger waren auf Neben- und/oder Gelegenheitsjobs angewiesen. Strack verlegte sich auf die Produktion von malerisch wirkenden Landschaftsansichten. Die „Romantikbewegung“ hatte einen von Sehnsucht nach landschaftlicher und historischer Idylle getragenen Tourismusboom ausgelöst. Orte, Plätze und Gegenden wie Arensburg, Luhdener Klippen, Wesertal und/oder Porta Westfalica standen auf der Liste der beliebtesten Ziele ganz obenan. Strack bediente die Nachfrage nach künstlerisch gestalteten Reiseandenken.

Auch sein 32-jähriger Nachfolger und Großneffe Carl Wilhelm Tischbein packte nach seinem Dienstantritt 1829 eine unverhoffte Chance beim Schopfe. Der 30 Jahre zuvor von der damaligen Fürstin Juliane aus der Taufe gehobene Badeort Eilsen war zu einem überregional angesagten Treffpunkt geworden. Julianes Sohn und Nachfolger Georg Wilhelm hatte Bade- und Logierhäuser bauen und einen Park anlegen lassen. Genutzt wurde das neue, stetig erweiterte und verbesserte Angebot vor allem von Adligen, höheren Regierungsbeamten und ranghohen Militärs. „Es fehlte nun nicht mehr an einer von allen Seiten zuströmenden Menge von Menschen, die teils hier gesund werden wollen, teils sich zu vergnügen suchen“, heißt es in einem zeitgenössischen Reisebericht. „Man war laut und vergnügt, man tanzte im Saal des Badehauses und im Freien. Es war überall Leben in dem vorher so stillen Tale.“

Der Aufschwung erforderte immer mehr Verwaltungseinsatz vor Ort – ein willkommenes, wenn auch ungewohntes Betätigungsfeld für einen darbenden Hofkünstler. Tischbein machte seine Sache offenbar so gut, dass er später zum „Brunnen-Commissarius“ (Kurdirektor) befördert wurde. Das zahlte sich für ihn auch finanziell aus. Sein Salär stieg im Laufe der Zeit auf 800 Thaler. Darüber hinaus wurde er während der Badesaison von seiner Tätigkeit als Zeichenlehrer freigestellt. Damit konnte der als pragmatisch und bescheiden geltende Junggeselle mehr als gut leben.

Ob und wie viel Zeit ihm nach seinem Wechsel ins Schaumburger Land noch fürs Malen blieb, ist nicht überliefert. Die meisten der während des 28 Jahre andauernden Aufenthalts entstandenen Werke sollen Auftragsarbeiten gewesen oder in Privatausstellungen verkauft worden sein. In öffentlichen Galerien und Museen werden den Feststellungen der Experten zufolge heute noch circa 40 Bilder aufbewahrt. Das Gros sind Porträts, biblische und kriegerische Darstellungen sowie ländliche Volksszenen. Bekanntestes Stück im Bückeburger Schloss ist das 1835 entstandene Gemälde „Die Wahrsagerin“. Dargestellt ist eine Kartenlegerin, die heimischen Landbewohnern und Uniformierten die Zukunft prophezeit.

Wie die meisten seiner Namensvettern hatte auch der „Bückeburger Tischbein“ eine hervorragende Ausbildung hinter sich. Sein Vater war der bekannte Leipziger Kunstakademieprofessor Johann Friedrich August Tischbein. Nach dessen frühem Tod begann der damals 15-jährige Junior eine Ausbildung als Kunstmaler. Bevorzugtes Thema waren Historienszenen. 1816 zog es ihn – wie damals alle ambitionierten deutschen Maler – nach Italien. Nach zwei unbeschwerten Jahren in Rom und Neapel kehrte er nach Deutschland zurück und nahm die Stelle eines akademischen Zeichenlehrers an der neu gegründeten Universität Bonn an.

Später lebte und arbeitete er als freischaffender Künstler in Dresden, Berlin und Brüssel, bevor er 1829 dem Angebot Georg-Wilhelms folgte. Nach 26 Jahren erfolgreichen Schaffens wurde Karl Wilhelm Tischbein 1855 im Alter von 58 Jahren in Bückeburg zu Grabe getragen.

Zu den wenigen überlieferten Abbildungen Karl Wilhelm Tischbeins gehört eine Porträt-Bleistift-Skizze, die Tischbeins junger Malerfreund Carl Philipp Fohr (1795-1818) während der gemeinsamen Zeit in Rom zu Papier brachte.



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