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Krimischreiber, Fernsehautor, Terrorhelfer

Seine Geschichte sollte niemals an die Öffentlichkeit geraten. Keinem Menschen wollte der deutsche Drehbuchschreiber und Krimiautor Willi Voss von den Ereignissen aus den 70er Jahren erzählen. Doch es kommt alles anders. Das Versteckspiel endet im Juni 2012 – 40 Jahre nach dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen von München. Die Offenlegung bis dahin geheim gehaltener Akten des Verfassungsschutzes über die Hintergründe des Olympia-Attentats und ein Bericht im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bringen den Autor in Zugzwang. Er muss Farbe bekennen, Stellung nehmen zu seiner Rolle bei dem Anschlag und zu seinen Verstrickungen in die Aktivität palästinensischer Terroristen.

Lars Lindhorst

Autor

Lars Lindhorst Ressortleiter zur Autorenseite

Als „Der Spiegel“ im Juni dieses Jahres mit der Überschrift „Deutsche Neonazis halfen Olympia-Attentätern“ titelte und Willi Voss, der sich damals noch Willi Pohl nannte, als unterstützenden Neonazi entlarvte, sah sich der Autor mit Vorwürfen konfrontiert, die seiner Meinung nach falsch waren.

Ja, er habe in den 70er Jahren über längere Zeit hinweg Kontakt zu den Drahtziehern des Anschlags gehabt, weil er sie quer durch Deutschland und halb Europa chauffiert habe, gibt er heute zu. Aber Neonazi will er nie gewesen sein, beteuert er. Und von dem Attentat auf die israelischen Sportler während der Münchner Spiele habe er nichts gewusst und auch nichts geahnt.

Was tut ein Autor also für seine Ehrenrettung? Er schreibt ein Buch. Eines, das die „wirklich wahre Geschichte“ des Olympia-Attentats aufgreift, wie Voss schreibt.

Krimiautor Willi Voss bei einer Lesung in Rinteln im Jahr 2009. In seiner aktuellen Autobiografie geht es um die „wahre Geschichte“, die sich vor, während und nach dem Olympia-Terroranschlag von München abspielte. Foto: Archiv/tol

Mit dem Titel „Unter Grund“ ist in diesem Herbst Voss’ autobiografische Schilderung der Vorgänge von damals erschienen. Ende der 70er Jahre hatte Voss dieses Buch schon einmal veröffentlicht – „Geblendet. Aus den authentischen Papieren eines Terroristen“ hieß es. Aber Voss schrieb es unter einem Pseudonym: E.W. Pless – und ohne die Details einer Geschichte, in der laut Voss das Olympiaattentat „eine Neben-, mein geradezu unwirklich-wirkliches Leben die Hauptrolle“ spielt. Auf seinem Internet-Blog schreibt der Schriftsteller über seine jüngsten Beweggründe: „Die Geschichte habe ich vierzig Jahre lang mit zusammengebissenen Zähnen stumm mit mir herumgetragen, entschlossen, sie mit ins Grab zu nehmen. Aber das Gesetz zur Aktenfreigabe, das dem Spiegel die Einsicht in Geheimakten ermöglichte, hat das verhindert. Ich bin gezwungen, auch meine anderen Gesichter zu zeigen.“

Die Lebensgeschichte des Autors liefert reichlich Stoff für packende Kriminalgeschichten. Ein Rückblick – unter Berufung auf die Autobiografie: Alles beginnt im Jugendknast. 1960. Willi Pohl (heute Voss) ist 16 Jahre alt und sitzt wegen Diebstahls ein. Er hatte Mopeds und Zigaretten gestohlen. Die erste Begegnung mit einem Zellengenossen soll Voss noch bis in die Gegenwart verfolgen: Sein Nachbar hinter Gittern war Udo Albrecht, später ein bekennender Rechtsextremist. Den trifft Willi Pohl sogar noch einmal wieder, erneut im Gefängnis, diesmal in der Justizvollzugsanstalt Werl, im Jahr 1967. Pohl verhilft Albrecht zum Ausbruch. Aus Bekannten werden Verbündete – das soll sich nicht viel später bewahrheiten. Während Udo Albrecht als „unermüdlicher Kämpfer“ in den jordanisch-palästinensischen Krieg gerät und Kontakte zur palästinensischen Fatah-Bewegung und der Terrororganisation „Schwarzer September“ knüpft, verdingt sich Pohl als friedfertiger Arbeitnehmer.

Er habe die „ernsthafte Absicht gehabt, ein geordnetes Leben ohne Gesetzesverstöße zu führen“, schreibt er heute. Nach der Freilassung bekommt Pohl einen Job als Bibliothekarsgehilfe, dann arbeitet er als Mitarbeiter einer Bauträgergesellschaft im Außendienst. Der Kontakt mit Udo Albrecht über den Postweg aber reißt nie ab.

Irgendwann im Frühjahr 1972 erhält Willi Pohl wieder Post – aus dem Libanon. Diesmal ist nicht der ehemalige Zellengenosse der Absender, sondern ein gewisser „Osama“. Albrecht hatte Pohl bei den Palästinensern als zuverlässigen Mitkämpfer empfohlen. Nun wird Pohl um Hilfe gebeten: Er soll einen führenden Mann der Fatah-Bewegung in Deutschland empfangen. Pohl stimmt zu. Er trifft sich mit Abu Daud, dem Mann, dem die Planung des Olympia-Anschlags vom 5. September 1972 zur Last gelegt wird. Davon, dass Abu Daud mit der Entführung der israelischen Olympia-Sportler mehr als 200 Palästinenser aus Gefängnissen freipressen will, weiß Pohl nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt nichts.

Dennoch: Pohl chauffiert den Fatah-Mann nach Dortmund, Köln und Frankfurt. Überall dort stehen konspirative Treffen mit Palästinensern und Arabern an. Pohl ist stets dabei, will jedoch das Stichwort „München“ nie gehört haben. Auf Reisen nach Rom, Kairo, Paris, Madrid und Wien besorgt er den Palästinensern gefälschte Pässe, Waffen und Geld. Das Olympia-Attentat erlebt der heute 68-jährige Krimiautor vor einer Schaufensterscheibe in Wien, wie er betont – auf einem Fernsehbildschirm. Gleichwohl habe er, Pohl, andere bewaffnete Aktionen, die in Deutschland hätten stattfinden sollen, geplant. Dazu zählen die Besetzung verschiedener deutscher Rathäuser und die geplante Geiselnahme von Politikern wie auch geplante Anschläge auf den Wiener Stephansdom und den Kölner Dom. Auch seinen alten Knastgefährten Udo Albrecht, der inzwischen in Österreich inhaftiert wurde, will Pohl gemeinsam mit Abu Daud aus dem Gefängnis befreien.

Gut drei Wochen nach dem Olympia-Attentat wird Pohl im Oktober 1972 verhaftet. In seinem Gepäck finden die Fahnder Schnellfeuergewehre, Pistolen, Munition und Handgranaten. Die Waffen sind von der gleichen Bauart wie die, die die Münchner Olympia-Terroristen benutzten. Außerdem findet die Polizei bei Pohl einen Drohbrief an einen Münchner Richter, der den Olympia-Anschlag aufklären sollte. Gegen Pohl wird Haftbefehl erlassen – wegen Verstößen gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Noch in seiner Untersuchungshaft zeigt sich einige Monate später Willi Pohls Bedeutung für die Palästinenser und den „Schwarzen September“: Als palästinensische Geiselnehmer im März 1973 die saudi-arabische Botschaft in Khartum (Sudan) stürmen, fordern die Terroristen die Freilassung von Andreas Baader und Gudrun Ensslin aus deutscher Haft. Auch der Name Willi Pohl steht auf der Liste ihrer Forderungen. Das Ultimatum der Terroristen läuft aber fruchtlos ab, in seiner Folge werden zwei amerikanische und ein belgischer Diplomat erschossen.

Im April 1974 wird Willi Pohl zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Vier Tage nach dem Urteilsspruch wird Pohl aus der Haft entlassen, obwohl er noch längst nicht seine gesamte Strafe verbüßt hat. Nach aktuellen Angaben des bayerischen Staatsministeriums des Innern hat Pohl ein Gnadengesuch gestellt. Der Inhalt dieses Gnadengesuchs wird aber auch noch im Jahr 2012 geheim gehalten.

Pohl selber glaubt Medienberichten zufolge inzwischen daran, dass es sich bei seiner vorzeitigen Entlassung um ein Stillhalteabkommen zwischen Bundesregierung und Palästinensern gehandelt haben könnte. Motto: Ihr tut uns nichts, wir tun Euch nichts.

Das Verfahren gegen Pohl wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung wird im August 1975 endgültig eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Pohl längst in den Libanon abgesetzt. Dort verbringt er einige Jahre.

Willi Pohl hat geheiratet und den Namen seiner Frau, Voss, angenommen. Er lebt heute in Berlin und hat sich von seiner kriminellen Vergangenheit distanziert. Seit den 80er Jahren schreibt Voss Kriminalromane. In den 90ern lebte und wirkte er einige Zeit in Rinteln, schrieb unter anderem auch TV-Drehbücher für den „Tatort“ und das „Großstadtrevier“.

Damals sei es die Faszination des Revolutionären gewesen; der Kampf der Palästinenser habe ihn berührt, sagte Voss der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Und wenn man dann diese romantische Vorstellung von der Revolution im Kopf hat, dann findet man eine Person wie Abu Daud schlicht faszinierend.“ Doch ein wesentlicher Makel bleibt nach Voss’ Sicht in seiner Geschichte bestehen: Akten von Verfassung-, Staatsschutz und Polizei bezeichnen ihn als Neonazi. Voss gibt heute zwar zu, dass er mit Neonazis zu tun gehabt hat, er habe jedoch niemals deren Gesinnung geteilt.

Aber was macht das für einen Unterschied?

40 Jahre nach dem Olympia-Anschlag von München 1972 hat der Verfassungsschutz im Sommer dieses Jahres bis dahin geheim gehaltene Akten freigegeben. In die Schusslinie geraten ist seither auch der deutsche

Krimiautor Willi Voss. Er war Unterstützer der Terror-Drahtzieher. Der Autor, der durch „Tatort“-Drehbücher und Regionalkrimis bekannt wurde, einige Zeit lang auch in der Weserstadt Rinteln lebte, hatte einst unter Palästinensern ähnliches Ansehen

wie die Baader-Meinhof-Gruppe.

Die Verfassungsschutzakten zwingen ihn nun, Farbe zu bekennen. Ein Blick in Voss’ jüngste Autobiografie.

„Schwarzer September“ fordert seine Freilassung




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