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In den 20ern kann die Stadt wegen der Abgaben an den Kreis ihre Pflichtaufgaben nicht mehr erfüllen

Kreisfrei – Hameln befreit sich von Belastungen

Hameln-Pyrmont (joa). „Hameln kreisfrei. Nach einer telegrafischen Mitteilung des Ministers des Innern ist das Ausscheiden der Stadt Hameln aus dem Kreise zum 1. April d. Js. genehmigt worden.“ So ist es am 30. März 1923 unter der Rubrik „Aus Stadt und Umgebung“ in der Dewezet zu lesen. In der März-Kreistagssitzung hatte der Hamelner Abgeordnete und Bürgermeister Ado Jürgens zum Ausscheiden der Stadt aus dem Kreisverband nach 38 Jahren betont, dass es sich hierbei nur um die Lösung der Verwaltungsgemeinschaft handele.

Hameln-Pyrmont (joa). „Hameln kreisfrei. Nach einer telegrafischen Mitteilung des Ministers des Innern ist das Ausscheiden der Stadt Hameln aus dem Kreise zum 1. April d. Js. genehmigt worden.“ So ist es am 30. März 1923 unter der Rubrik „Aus Stadt und Umgebung“ in der Dewezet zu lesen. In der März-Kreistagssitzung hatte der Hamelner Abgeordnete und Bürgermeister Ado Jürgens zum Ausscheiden der Stadt aus dem Kreisverband nach 38 Jahren betont, dass es sich hierbei nur um die Lösung der Verwaltungsgemeinschaft handele. Die Dewezet schrieb am 28. März 1923: „Stadt und Land sind nach Art und Aufgaben unter sich ganz verschieden. Die Verschiedenheit ihres Wesens hat immer mehr zugenommen, je mehr die Stadt gewachsen ist, und daher hat die sich jetzt auflösende Verwaltungsgemeinschaft von Stadt und Land auch keinen ausreichenden Boden für eine gemeinsame Betätigung gehabt. Aber das Ausscheiden der Stadt aus dem Kreise bedeutet kein Scheiden und Trennen, gelöst wird nur die Verwaltungsgemeinschaft, die ohnehin nur vorübergehend bestanden hat.“

Bürgermeister Jürgens führte vor dem Kreistag weiter aus, dass die über Jahrhunderte gewachsenen Beziehungen zwischen Stadt und Land sich bei unterschiedlicher Aufgabenverteilung eher noch enger entwickeln würden. Jürgens wies den Landregionen, hierbei die Ernährungsfunktion zu, der Stadt Aufgaben von Handel und Gewerbe, Kultur- und Bildungswesen. Jürgens erklärte: „So sind Stadt und Land je ein selbstständiger Organismus mit selbstständigen Aufgaben, und sie werden nach dem Ausscheiden der Stadt für ihre Aufgaben sich noch freier als bisher einsetzen können.“ Stadt und Land würden ihre Aufgaben auf die politischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten des größeren Ganzen einstellen, „dem sie als Teil dazu dienen, und werden mit gemeinsamen Kräften an ihrem Teil dazu beitragen, dass die deutsche Nation ihren Platz an der Sonne wiederbekommt“.

Was der Bürgermeister hier wortreich verpackte, hatte in Wirklichkeit handfeste finanzielle Gründe: Bereits vor dem ersten Weltkrieg war das Verhältnis von Stadt und Kreis erstmalig in die Diskussion gekommen. Die Debatte entzündete sich an Höhe und Berechtigung der gesetzlich festgelegten Kreisumlage, und diese Frage bewegte sowohl die städtischen Körperschaften wie auch die Öffentlichkeit. Der Gedanke eines Austretens aus der Kreisgemeinschaft wurde schon damals ernsthaft angestrebt. Immerhin hatte Hameln in der Statistik die für eine städtische Kreisfreiheit geltende Grenze von 20 000 Einwohnern überschritten. Ihr folgten Goslar, Peine, Leer und Stade. Die Stadt Hameln war damit damals die größte der 19 Städte

der Provinz, denen Kreisfreiheit belassen war.

Aber erst nach dem Ersten Weltkrieg – Hameln zählte Ende 1921 bereits an die 25 000 Einwohner – hatten die Bestrebungen zur „Auskreisung“ Erfolg. Nach der Kreisordnung war ein Ausscheiden der Stadt möglich, wenn sie eben mindestens jene 25 000 Einwohner aufweisen konnte. Aber auch ohne Rücksicht auf die Einwohnerzahl gab es die Möglichkeit, wenn „besondere Verhältnisse das Ausscheiden rechtfertigen“. Damit waren Hameln gleich zwei Gründe gegeben. Denn „besondere Verhältnisse“ ergaben sich vor allem daraus, dass die Stadt wegen der Belastungen durch Abgaben an den Kreis nicht mehr in der Lage war, ihre Pflichtaufgaben zu erfüllen; Aufgaben übrigens wie die Unterhaltung ihrer höheren Schulen, die auch der Landbevölkerung des Kreises zugute kam.

Am 1. August 1922 hatte sich Hameln zudem durch die Eingemeindung des Dorfes Rohrsen vergrößert. Die Einwohnerzahl stieg damit auf 27 000. Dadurch erhöhte sich die finanzielle Belastung weiter. Die Stadt beschloss, aus der Kreisverwaltung auszuscheiden.Die Bestrebungen hatten Erfolg: Durch Erlass des preußischen Staatsministeriums vom 27. März 1923 wurde die Stadt Hameln zum 1. April kreisfrei.

Über die Konditionen hatte es zuvor mit dem Kreis, dem Hamelns Ausscheren auch unter finanziellen Gesichtspunkten gar nicht so recht war, zähe Verhandlungen gegeben. Schlusspunkt war ein Vertrag, nach dem sich die Stadt verpflichtete, sich an den jährlichen Kosten für die Unterhaltung der Landstraßen im Gebiet des Restkreises, von denen die Stadt direkt profitierte, zu beteiligen: Man einigte sich auf 102 Straßenkilometer, was 48,5 Prozent der Aufwendungenausmachte. 1925 waren das immerhin 135 000 Reichsmark, die Hameln an den Kreis abzuführen hatte.

Auf den Sitz der Kreisverwaltung in der jetzt kreisfreien Stadt hatte Hamelns Ausscheiden keinen Einfluss. Im Gegenteil: Der Kreis hat sich erst recht in Hameln positioniert. 1924 wurde an der Sedanstraße die Landwirtschaftliche Lehranstalt des Kreises neu gebaut. Es war eine Ackerbauschule und eine landwirtschaftliche Schule, die an die Stelle der seit 1902 bestehenden „Landwirtschaftlichen Kreiswinterschule“ trat. 1931/34 wurde das Kreiskrankenhaus an der Wilhelmstraße auf 300 Betten erweitert. 1921 hatte der Kreis das ehemalige Garnisonslazarett der Wehrmacht mit 55 Betten übernommen.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Reichserntedankfeste des Nazi-Regimes – warum gerade der Bückeberg?




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