×
Schullandheime in der Region könnten höhere Auslastung gut gebrauchen

Konkurrenzkampf um Klassenfahrten

Momo ist total begeistert. „Hier ist das richtig cool“, erklärt der 13-Jährige. „Ich bin jetzt schon zum fünften Mal hier.“ Hier – das ist das Schullandheim „Haus vor dem Süntel“ im Hamelner Ortsteil Unsen. Eigentümer und Träger der Einrichtung ist der Hamburger Schulverein, der regelmäßig Kinder aus der Hansestadt zu Kuren in das Haus schickt. Chantal ist zum ersten Mal vom schulärztlichen Dienst in Hamburg nach Unsen verschickt worden und versteht sich offenbar bestens mit den anderen Kindern. Auf dem 41 000 qm großen Gelände rund um das Haus am Süntel können die Stadtkinder bestens spielen, toben und sich bei guter Luft erholen. Finanziell unterstützt wird der Aufenthalt von der Hansestadt. Der Beitrag, den die Eltern leisten müssen, richtet sich nach ihrem Einkommen. Genauere Zahlen will Stefanie Musfeldt, die Referentin beim Hamburger Schulverein für die Erholungsheime, weder über den Zuschussbedarf noch über den Jahresetat für das Haus nennen.

Autor:

Wolfhard F. Truchseß
Anzeige

Zu 44,7 Prozent belegen Schulklassen das Haus

Auch Sabine Glesinski, die Heimleiterin in Unsen, kennt den Etat für ihr Haus selbst nicht. „Aber ich bin froh, dass ich damit nichts zu tun habe“, erklärt sie. „Die Abrechnung läuft komplett über Hamburg. Wir haben hier dafür zu sorgen, dass es den Kindern gut geht.“ Sechs ausgebildete Erzieher sorgen rund um die Uhr dafür, dass die maximal 50 Kurkinder kompetent betreut werden und ihnen ein attraktives erlebnispädagogisches Programm angeboten wird. Zehn Kurgruppen für jeweils drei Wochen werden so als vorbeugende Maßnahme organisiert. „Unsere Kleinen kommen vorwiegend aus sozial schwachen Familien, die brauchen mal einen Milieuwechsel und müssen einfach mal aus Hamburg raus“, erklärt die Heimleiterin im Gespräch.

Aber das ist nicht das einzige Standbein vor Ort. Zum „Haus vor dem Süntel“ gehört auch ein Schullandheim mit weiteren 100 Betten. Die Belegung könnte höher sein, bestätigt Sabine Glesinski. Aber mit einem von ihr entwickelten Flyer hat sie nach eigener Aussage die Belegung im vergangenen Jahr mit der Buchung durch Schulklassen, Konfirmandenfreizeiten und Kita-Gruppen aus der näheren Umgebung wie Rinteln, Springe oder Bennigsen um gut 60 Prozent steigern können. „Vom Schullandheim allein könnten wir hier aber nicht leben“, betont sie.

Das könnte Sie auch interessieren...

Die Konkurrenz auf dem Markt der Klassenfahrten und Erlebnisreisen für Kinder und Jugendliche ist groß. Das weiß auch Knut Dinter, der Pressesprecher des Deutschen Jugendherbergsbundesverbandes in Detmold. Von den etwas mehr als zehn Millionen Übernachtungen in den 524 deutschen Jugendherbergen mit annähernd 76 000 Betten gingen rund 40 Prozent auf das Konto von Schulklassen, berichtet Dinter. Dabei sei die Auslastung in den Jugendherbergen in attraktiven Städten wie Berlin oder Hamburg und München natürlich höher als in Orten wie Hameln, Rinteln oder Bodenwerder.

In Rinteln wurde die Jugendherberge im vergangenen Jahr sogar geschlossen, weil sie mit einer Auslastung von nur 15 Prozent nicht mehr kostendeckend betrieben wurde, wie Dinter berichtet. Aber auch Bodenwerder kommt nur auf 18 Prozent, Hameln immerhin auf 31 Prozent, wobei die DJH der Rattenfängerstadt offenbar besonders interessant für Klassenfahrten ist. Zu 44,7 Prozent belegen Schulklassen das Haus an der Weser.

Dabei sind die Jugendherbergen deutlich teurer als die Schullandheime hier in der Umgebung. Übernachtung plus Vollverpflegung kosten in Hameln 30,40 Euro, in Bodenwerder sogar 32,20 Euro, wie Jochen Schuppe, der Pressesprecher des DJH Landesverbandes Hannover mitteilt. In den Schullandheimen Riepenburg bei Hameln, dem „Haus vor dem Süntel“ oder dem Schullandheim der hannoverschen Tellkampfschule in Springe kostet die Vollpension zwischen 23 und 25 Euro. Und wer sich als Selbstverpfleger in Springe einbucht, zahlt für die Übernachtung in einem der 70 Betten sogar nur 13,50 Euro. Das erscheint umso bemerkenswerter, weil das Tellkampflandschulheim bei einem durchschnittlichen Jahresetat von rund 160 000 Euro ganz ohne öffentliche Zuschüsse auskommt und kostendeckend wirtschaften muss, wie Heimleiterin Britta Lang erklärt. Eigentümer des 1929 eingeweihten Hauses ist der Elternverein des Tellkampfgymnasiums in der Landeshauptstadt.

Nur acht bis zehn Prozent der in Springe gebuchten Übernachtungen – insgesamt sind es jährlich 7000 bis 8000 – stammen vom Tellkampfgymnasium selbst. Der Rest kommt von Klassenfahrten anderer Schulen, von Kindertagesstätten, Jugendfreizeiten, Chören, Theatergruppen, ja sogar aus Fachschaften der Universität in Hannover. Regelmäßig ist beispielsweise auch die katholische Kirche Düsseldorf mit Messdienern in dem Haus, das Jahr für Jahr schrittweise renoviert und erneuert wird.

„Das ist ein politischer Preis“

Die letzten größeren Investitionen dienten mit einer Außentreppe der Verbesserung des Brandschutzes. Im vergangenen Jahr musste für viel Geld eine Drainage gelegt werden, um Wassereinbrüche nach Starkregen in den Griff zu bekommen. Auch die Sanitäranlagen wurden in den vergangenen Jahren modernisiert. Wobei viele Arbeiten ehrenamtlich erledigt werden oder dank eines gut organisierten Netzwerkes mit Firmen Ehemaliger oder Freunde der Schule kostengünstig abgerechnet werden konnten, wie Britta lang bilanziert.

Ganz anders stellt sich die finanzielle Lage des der Region Hannover gehörenden Landschulheimes Riepenburg dar. Im Jahr 2012 leistete die Region sich rund 400 000 Euro für die beiden Häuser mit ihren 75 Betten und das Gelände. Normalerweise stehen nach Darstellung von Peter Stauß, Teamleiter im Fachbereich Schulen und zuständig für die Schulen und Schullandheime der Region, nur 300 000 Euro zur Verfügung. Weil in diesem und im kommenden Jahr aber die Trinkwasserleitung saniert wird und eine Löschwasserzisterne mit einem Fassungsvermögen von 50 000 Liter Wasser gebaut werden musste, wird der Unterhalt in diesem Jahr um ein Drittel teurer. 50 000 Euro gibt die Region jährlich für Renovierungs- und Sanierungsarbeiten in der Riepenburg aus. Deshalb verfügt jede Etage auch über komfortable und komplett sanierte Sanitärbereiche.

Belegt ist die Riepenburg im Regelfall neun Monate im Jahr. „Aber wir stehen 365 Tage im Jahr zur Verfügung“, erklärt Stauß. Buchungen im Januar und Februar seien die absolute Ausnahme. „Die Auslastung im Dezember wollen wir künftig durch spezielle Advents- und Weihnachtsangebote wie Basteln und Backen verbessern.“ Mit dem Vollpensionspreis von 25 Euro lassen sich bei jährlich rund 7500 Übernachtungen die Kosten allerdings nicht decken. „Das ist ein politischer Preis“, erklärt Stauß, „den hat die Regionsversammlung so beschlossen.“

Es habe ein eindeutiges Bekenntnis der Regionsversammlung zu den Schullandheimen und den damit verbundenen freiwilligen Leistungen gegeben. Und wer sich die 25 Euro nicht leisten könne, habe Anspruch auf Geld aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. „Da mobilisieren wir die Schulen, damit die entsprechenden Anträge auch gestellt werden.“

Anders als in Unsen oder Springe sind die Besuchergruppen der Riepenburg strukturiert. „Aus der Region kommen nur Klassen aus dem Primarbereich und Gruppen aus dem letzten Kindergartenjahr. Das ist eine klare Zielgruppenorientierung für eine Erlebnispädagogik im naturnahen Bereich“, erklärt der Teamleiter. Aber es könnten natürlich auch andere Gruppen die Riepenburg nutzen. So sei das Haus während dieser Sommerferien beispielsweise von einer Christengemeine mit Kind und Kegel drei Wochen lang voll belegt gewesen. Zuvor habe es mehrere Sprachkurse für Kinder aus Sprachförderschulen mit Atem-, Sprech- und Stimmtherapeuten gegeben.

Verbessern will Stauß die Auslastung durch Gespräche mit den umliegenden Vereinen und Kommunen. Die seien für den Herbst geplant. Denn auf der Riepenburg ließen sich viele Arten von Veranstaltungen durchführen.

Die Konkurrenz zwischen Jugendherbergen und Schullandheimen um die Auslastung ihrer Betten steigt. Fast immer sind die Schullandheime auf Zuschüsse angewiesen. Doch wie geht es den Landschulheimen in der Region geht und sind sie ausgelastet?

Britta Lang ist die Heimleiterin des Tellkampflandschulheims in Springe. wft




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt