×
Milchbauern sind sauer / Forderungen nach Systemwechsel / "EU-Politiküberzieht die Welt mit Dumpingpreisen" /

Kommt es zum Milch-Streik? "Schaumburg ist bereit"

Auetal. "Innerbetriebliche Verwertung", antwortet der Landwirt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, auf die Frage, was er im Falle eines Streiks denn mit seiner Milch machen wird.

Autor:

Frank Westermann

Der Ton ist rauer geworden im Kampf um die Milch, doch wenn man sich mit den Milchbauern unterhält, stellt man schnell fest, dass sich hinter ihrem Zorn über die kleinen Preise auch etwas anderes verbirgt: Unsicherheit. Denn mit überwältigender Mehrheit haben sich die Mitglieder des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), in dem 40 Prozent aller deutschen Milchbauern organisiertsind, für einen Streik ausgesprochen, wenn die Verhandlungen zwischen Molkereien und Lebensmitteleinzelhandel scheitern. Auch die Milchviehhalter Weserbergland/Lippe haben sich für einen Streik als letzes Mittel ausgesprochen: "Wir haben abgestimmt, 31 von 31 Mitgliedern waren für einen unbefristeten Streit", erklärt Heinrich-Jürgen Ebeling, Mitglied des sechsköpfigen Leitungsteams. Auch der Rolfshäger Landwirt sieht die Gefahren eines Streiks. Zum einen sind die Monate April und Mai denkbar ungünstig, denn in diesen beiden Monaten sind Anlieferung und Verbrauch am höchsten, außerdem sei ein Streik "das letzte und einzige Mittel". Denn "wenn der danebengeht, kann man den BDM vergessen." Dennoch: "In Schaumburg sind wir bereit." Aber niemand weiß, wie sich ein Streik auswirkt. Wie lange wird es dauern, bis der Streik überhaupt beim Verbraucher ankommt? Und was passiert, wenn die Molkereien den längeren Atem haben? Grundsätzlich geht es darum, wie ein einst streng regulierter Markt dem Wettbewerb überlassen wird, und um die Frage, "welchen Stellenwert der Bauer in einer Wirtschaftswelt hat, für die Milch nur noch ein Rohstoff ist", formulierte esjüngst die Süddeutsche Zeitung. Denn 2007 stieg der Milchpreis so kräftig an wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten zuvor nicht. Bis zu 45 Cent war plötzlich ein Liter Milch wert, weil weltweit die Nachfrage steil anstieg. Seit einem halben Jahr fallen die Milchpreise nun wieder. Manche Molkereien zahlen ihren Bauern nur noch 30 Cent für den Liter. Auch die Konzerne Aldi, Lidl und Rewe senkten kürzlich den Preis für einen Liter Vollmilch im Supermarkt von 73 auf 61 Cent. Für Ebeling und seine Kollegen ist es eine grundsätzliche Frage, die entschieden werden muss. Bisher sei es so gewesen, dass der Lebensmitteleinzelhandel den Molkereien den Preis vorgegeben hätte, die hätten dann ihre Kosten heruntergerechnet, und das, was dann noch übrig war, "das war der Preis für den Liter Milch, den der Erzeuger erhielt". Ebeling und der BDM fordern durch die Machtfrage nicht weniger als einen Systemwechsel. Der Milchviehhalter berechnet auf der Grundlage der Kosten den Preis, den er haben muss, um rechnerisch über die Runden zu kommen, danach kommen Molkereien und Einzelhandel. Mit diesen Forderungen sei der BDM natürlich ein "unbequemer Verband", erklärt Ebeling, der nicht unbedingt auf viel Rückhalt bei anderen bäuerlichen Verbänden rechnet. Zumal man in einer Zeit lebe, "in der es EU-Politik ist, die Welt mit Dumpingpreisen zu überziehen". Doch ganz so schwarz-weiß wie ihre Kühe ist die Weltsicht der Milchviehhalter auch wieder nicht. So betont Ebeling, dass man zwar durch die gestiegenen Preise für Futter und Energie weniger verdiene als noch im letzten Jahr, als die Preise deutlich unter denen von heute lagen, doch ein Teil des Verlustes durch die hohen Getreidepreise aufgefangen werden konnte: "Uns steht das Wasser nicht bis zum Hals. Aber das liegt daran, dass wir seit jeher gelernt haben, den Riemen enger zu schnallen." Neben den finanziellenÜberlegungen kommt noch eine psychologische Komponenten dazu, wie im Gespräch mit nahezu jedem Milchviehhalter schnell deutlich wird: Es nagt am Selbstbewusstsein, wenn das Ergebnis schwerer Arbeit - und das ist die der Landwirte fraglos - sich nicht in der verdienten Entlohnung widerspiegelt. Nicht nur Ebeling verweist darauf, dass man ein hochwertiges Produkt herstelle, was aber dem Verbraucher gar nicht bewusst sei: "Mineralwasser ist heute teurer als Milch, das ist doch Wahnsinn." Thorsten Sehm, in Freising sitzender Pressesprecher des BDM, schätzt die Situation so ein: "Wenn die Preise fallen, dann sind die Milchbauern kaum noch zu stoppen." Allerdings stehe vor einem "Lie- ferstopp" die Frage, wie die Verträge zwischen Erzeuger und Molkereien aussehen würden: Das sei zu prüfen. Auch Rehm spricht von der "innerbetrieblichen Verwer- tung", die Milch könnte etwa an Kälber verfüttert werden. Einen anderen Vorschlag hat der Auetaler Landwirt für die "innerbetriebliche Ver- wertung": "Milch soll ja einen richtig schönen Dünger abgeben." Das ist kein Schwerz, sondern eine ernsthafte Überlegung: Milch ist nach der Düngemittelverordnung als Dünger zugelassen.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt