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Doch die Erfolgsgeschichte des MSV „Jäger 7“ Bückeburg dauert nur fünf Jahre

Kometenhafter Aufstieg der Militärfußballer

Bückeburg-Eintracht Braunschweig 2:1, Bückeburg-Borussia Dortmund 3:0 und Bückeburg-Werder Bremen 6:2 – was jedem halbwegs informierten Fußball-Fan heute wie Wunschdenken oder Spinnerei vorkommen mag, hat es wirklich gegeben. Vor 75 Jahren zählten die Kicker aus der Ex-Residenz zu den besten deutschen Vereinsmannschaften.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Am 16. August 1939 nahm die Truppe mit einem souveränen 4:2 sogar den frischgebackenen Deutschen Meister Schalke 04 auseinander, was damals noch als weitaus schwieriger galt als heute. Die Königsblauen waren fußballerisch gesehen das Maß aller Dinge. Wenige Wochen vor ihrer sensationellen Niederlage gegen die Emporkömmlinge aus Bückeburg hatte sich das Team um die Stars Szepan, Kuzorra, Klodt, Urban und Tibulskimit mit einem 9:0 gegen Admira Wien seinen bis dato vierten nationalen Meister-Titel geholt.

Allerdings hätten Schalke und die anderen Gegner gewarnt sein müssen. Die Elf aus Bückeburg war kein Team von vom Glück begünstigten Freizeit-Kickern. Es war eine junge, hoch motivierte Soldatenmannschaft. In ihr spielte kein einziger Schaumburger mit.

Historischer Hintergrund: Das Hitler-Regime hatte im Zuge der unmittelbar nach der „Machtergreifung“ 1933 angeordneten Aufrüstung auch die in der örtlichen Jäger-Kaserne untergebrachten Infanterie-Truppen aufgestockt. Dabei waren – offenbar gezielt – überdurchschnittlich viele talentierte und zu Hause in höherklassigen Vereinen spielende Fußballer rekrutiert worden. Der bekannteste und erfahrenste war der Nationalspieler Heinz Ditgens. Der in Bückeburg zum Unteroffizier und Spielertrainer beförderte Rheinländer hatte bis zu seiner Einberufung das Trikot von Borussia Mönchen Gladbach getragen.

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Der Kapitän und Spielertrainer der Jäger 7, Heinz Dittgens. Der Nationalspieler von Borussia Mönchen Gladbach kam als einer der ganz wenigen seines Teams, wenn auch mit erfrorenen Füßen, aus dem Weltkriegsinferno zurück. gp (4)

Die Kasernen-Kicker-Truppe entwickelte sich so gut, dass man beschloss, das Team zum Ruhme der Wehrmacht am regulären Spielbetrieb teilnehmen zu lassen. Zu diesem Zweck musste ein Verein aus der Taufe gehoben werden. Er ging 1935 als „MSV (Militärsportverein) Jäger 7 Bückeburg“ an den Start. Der Name sollte an das traditionsreiche, von 1867 bis 1918 in Bückeburg stationierte Westfälische Jägerbataillon Nr. 7 erinnern.

Die neuen „Jäger 7“ legten einen rasanten Start hin. Nach einem zügigen „Durchmarsch“ durch Kreis- und Bezirksklasse mischte man ab 1938/39 in der höchsten hiesigen Spielklasse, der Gauliga Niedersachsen, mit. Dort bekam man es unter anderem mit Werder Bremen, VfL Osnabrück, Eintracht Braunschweig, Arminia Hannover, VfB Peine und, last but not least, mit dem Deutschen Vorjahresmeister Hannover 96 zu tun. Die Neulinge aus Bückeburg belegten in ihrer ersten Saison Platz 5.

Wie in Niedersachsen gab es übers Großdeutsche Reich verteilt insgesamt 17 Gauligen. Darin kämpften jeweils zehn Vereine um die Meisterschaft. Die auf diese Weise ermittelten regionalen Titelträger spielten anschließend den (Gesamt-) Deutschen Meister aus.

Alles in allem war das damalige Interesse am Fußball – wie am Sport insgesamt – deutlich geringer als heute. Millionenschwere Profi-Kicker, VIP-Lounge-Stadien, TV-Vermarktung und randalierende Fan-Clubs konnte man sich vor einem Dreivierteljahrhundert noch nicht vorstellen. Öffentliches Interesse erregten, wenn überhaupt, nur internationale Großereignisse sowie das Fußball-, Handball- oder auch Leichtathletikgeschehen vor Ort. Doch damit war es in den 1930er Jahren in der hiesigen Gegend nicht weit her. Am offiziellen Fußball-Spielbetrieb nahmen seit dem Verbot der Arbeitersportvereine nur noch SV Obernkirchen, VT Bückeburg sowie Marathon und Turnerschaft 1877 Stadthagen (alle Kreisliga) teil. Das stärkste heimische Zivilisten-Team kam aus Obernkirchen. Es mischte sogar zeitweise eine Klasse höher in der Bezirksliga Hannover mit.

Der Höhenflug des neuen Vorzeigeklubs „Jäger 7“ sorgte nicht nur hierzulande für Respekt und Anerkennung. „Hand aufs Herz, lieber Leser, was weißt du schon von Bückeburg?“ wandte sich die Stuttgarter Zeitung nach einem Gastspiel der „Jäger“ in der schwäbischen Metropole und einem 1:1-Unentschieden gegen den VfB Stuttgart an ihre Kundschaft. Die richtige Antwort müsse lauten: „Dort ist eine erstklassige Fußballelf zu Hause“.

Auch im Schaumburgischen empfand man zunehmend Bewunderung und Stolz. Bei den Heimspielen der zurückliegenden Saison waren 27 000 Zuschauer ins Bückeburger Jahn-Stadion geströmt. Darüber hinaus mauserte sich das Team zu einem gern gesehenen Gast bei Jubiläums-Sportfesten und anderen Großveranstaltungen. Besonders gut kam die unbändige, nicht selten an Leichtsinn grenzende Spielfreude der jungen Truppe an. Die taktischen Vorgaben von Spielertrainer Ditgens schienen bereits kurz nach dem Anpfiff vergessen. Stattdessen wurde gestürmt, was das Zeug hielt. Das ging nicht immer gut, war aber nie langweilig. Die Folge: Zwischen spektakulären Erfolgen kassierte die Truppe auch immer wieder Rückschläge und Niederlagen. So gingen die Jäger bei einem lokalen Großereignis im benachbarten Rinteln am 11. Juni 1939 leer aus. Die Truppe verlor 1:2 gegen Fortuna Düsseldorf. Die Begegnung war einer der Höhepunkte der vom 10. bis 18. 6. stattfindenden 700-Jahr-Feiern. Das Siegtor für den Gauligameister Niederrhein erzielte der 39-malige Nationalspieler Paul Janes. Enttäuschung kam bei den 3000 Zuschauern trotzdem nicht auf. „Nun hat die 700-jährige Stadt Rinteln an der Weser den größten Fußballkampf aller Zeiten auf dem Steinanger erlebt“, war tags darauf in den heimischen Blättern zu lesen.

Das alles aber wurde noch überstrahlt vom Sieg gegen Schalke 04 zwei Monate später. Die Begegnung ging – ebenfalls im Rahmen eines Jubiläums – am 16. August vor 18 000 Zuschauern in Bad Salzuflen über die Bühne. „Der Kampfgeist der Bückeburger Jäger legte das Kreiselspiel der Knappen lahm!“ titelte hinterher die Zeitung „Schaumburg“. Der Siegestaumel der aus der ganzen heimischen Region angereisten Fans sei grenzenlos gewesen. „Sie stürzten auf den Platz und hoben die Spieler auf die Schultern.“

Vier Tage zuvor, am 12. August, war der Spielplan für die kommende Saison 1939/40 bekannt gegeben worden. Das erste Spiel der Jäger sollte am 10. September beim VfB Peine angepfiffen werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Am 25. August 1939 ging beim Bataillon der Mobilmachungsbefehl ein. Zwei Tage später rückte die Truppe zum Fronteinsatz aus. Vom MSV Jäger 7 und von Fußball sprach keiner mehr.

Die „Bückeburger Jäger 7“ im Jahre 1939.

So sah die militärische Formation des Bückeburger Jägerbataillons Mitte der 1930er Jahre aus.




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