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Vom unterschiedlichen Umgang mit heimischen Findlingen

Kolosse aus der Eiszeit

Das ist vor allem Geschmackssache“, antwortet Steinmetzmeister Herbert Berkenbusch auf die Frage, warum manche Leute das Grab ihrer verstorbenen Angehörigen mit einem Findling schmücken. Und der Geschmack hat sich nach den Erfahrungen des Seniorchefs eines alteingesessenen Bückeburger Familienunternehmens – nicht zuletzt im Gefolge der sich wandelnden Bestattungskultur – stark verändert. Die Nachfrage nach den rundlichen Natursteinen liege bei weniger als 10 Prozent.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das sah vor 120 Jahren, als Urgroßvater Carl Berkenbusch den Betrieb gegenüber dem neu angelegten Stadtfriedhof in Gang brachte, noch völlig anders aus. Findlinge waren gefragt. Sie galten als Inbegriff von Schönheit und Einzigartigkeit. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts war eine deutschlandweite Diskussion und Suche nach nationaler Identität im Gange. Das hatte zu Hinwendung und Entdeckung von Natur und Heimat geführt. Dichter und Denker riefen zu Schutz und Erhalt der landschaftlichen Schönheit auf. Da einheitliche Regelungen im kaiserlichen Vielfürsten-Reich nicht möglich waren, konzentrierte man sich auf die Bewahrung der als unersetzlich geltenden und besonders eindrucksvollen, von Alexander von Humboldt (1769-1859) einst als „Naturdenkmale“ bezeichneten Einzelelemente. Das waren – damals wie heute – besonders auffällige und seltene Bäume, Baumgruppen, Alleen, Felsformationen und/oder geschichtsträchtige „Parkpartien“.

Dabei gerieten auch die rundlichen, merkwürdig und fremdartig wirkenden Findlinge in den Blickpunkt. Das war kein Wunder. Bis vor gut 150 Jahren hatte das Gros der hierzulande lebenden Leute keine Ahnung, wie und woher die zum Teil schwergewichtigen Einzelblöcke auf ihre Felder gelangt waren. Auch von Eiszeit und eiszeitlichem Geschiebe hatte man noch nie etwas gehört. Stattdessen machten Sagen und Legenden von Steine werfenden Riesen die Runde.

Die ersten, auf den Schutz von Naturdenkmalen zielenden Vorschriften brachte vor gut 100 Jahren das Königreich Preußen auf den Weg, dem damals auch die Grafschaft Schaumburg angehörte. Kurz darauf wurden die in Berlin zu Papier gebrachten Bestimmungen mangels eigener Möglichkeiten auch vom kleinen Nachbar-Fürstentum Schaumburg-Lippe übernommen. Das neue Regelwerk war mehr volkskundlich-völkisch als wissenschaftlich geprägt. Eine geradezu kulthafte Verehrung genoss das Germanentum – eine Betrachtungsweise, die das Hitler-Regime nach 1933 auf die Spitze trieb. Mangels anderer vorzeigbarer Kulturleistungen der teutonischen Vorfahren rückten die NSDAP-Ideologen deren steinerne Überbleibsel in den Vordergrund. Hünengräber, steinumgrenzte Thing-Plätze und nicht zuletzt nordische Findlinge wurden zu Zeugnissen „urdeutscher“ Geschichte und Wesensart stilisiert.

3 Bilder
Dieser 50 Tonnen schwere Findling aus dem Siekbachtal wurde 1933 auf den Rintelner Kollegienplatz gekarrt, wo er bis heute steht (hier beim Passieren des damaligen Postamtes in der Klosterstraße).

Hitler-Stellvertreter Göring, als Reichsforstminister in Personalunion auch für Naturschutz zuständig, machte Nägel mit Köpfen. „Findlingsblöcke sind naturgeschaffene Denkmale“, ließ er 1938 per Erlass und unter Hinweis auf das drei Jahre zuvor eingeführte Reichsnaturschutzgesetz (RNG) verkünden. Ab sofort waren Handel und Verarbeitung der Steine verboten. Einzelstücke von mehr als einem halben Meter Durchmesser durften nur noch bewegt werden, wenn sie die Verkehrssicherheit gefährdeten. Als weiterer Verwendungszweck kam allenfalls noch die Nutzung als heldisch-völkisches Mahnmal in Betracht. Die Behörden bekamen Order, Findlinge, „deren Durchmesser in der größten Ausdehnung 1 bis 1,50 m beträgt, in das Naturdenkmalbuch einzutragen“. Im heutigen Kreis Schaumburg wurden daraufhin nach vorsichtiger Hochrechnung etwa 100 so genannte „erratische“ (verirrte) Blöcke unter gesetzlichen Schutz gestellt und als Naturdenkmale ausgewiesen.

Mit einer nicht alltäglichen Geschichte kann der Findling auf dem Rintelner Kollegienplatz aufwarten. An die 300 000 Jahre hatte der von den umliegenden Extertal-Bewohnern „Hexenstein“ genannte 50 Tonnen-Brocken im Siekbachtal (Gemarkung Meierberg) gelegen. Nach längerem Hin und Her wurde er 1933 mittels eines abenteuerlichen Transportunternehmens an seinen heutigen Standort verfrachtet und als Mahnmal zu Ehren der im Ersten Weltkrieg gefallenen Schüler des Gymnasiums Ernestinum geweiht (die Inschrift „Klagt nicht kämpft“ sorgte bis 2008 für jede Menge Aufregung).

Die ideologisch geprägte und zum Teil abwegig anmutende Betrachtungs- und Vorgehensweise während der NS-Zeit führte dazu, dass das damals eingeführte, in weiten Teilen heute noch geltende Naturschutzrecht (und mit ihm auch die Wertschätzung der Findlinge als erdgeschichtliche Besonderheit) nach 1945 in Misskredit gerieten. Jedenfalls ist in der heutigen Liste Schaumburger Naturdenkmale nur noch ein einziger Findling („shg 10“, Gemarkung Wiedensahl) verzeichnet.

Auch sonst ist von der einst großen Verehrung für die Überreste des großen eiszeitlichen Geschiebes, bei dem einst bis zu 300 Meter hohe Eiswände in die hiesige Region vordrangen, nur noch wenig übrig geblieben. Heute werden Findlinge, wenn überhaupt, nur noch als eigenwillig-auffälliger Zierrat geschätzt. Wer sich aufmerksam umsieht, wird die meist aus Granit bestehenden Blöcke in unterschiedlichen Formen und Farben als schmückendes Beiwerk in Vorgärten, als Begrenzungspfosten an Hofeinfahrten, als Willkommensgruß an Ortseingängen und/oder als Grabsteine auf Friedhöfen wahrnehmen. Mit mehr öffentlicher Wahrnehmung können allenfalls die zumeist großkalibrigen, zu Erinnerungs-, Gedenk- und Mahnmalen verarbeiteten Exemplare rechnen. Die meisten Anlagen dieser Art stammen aus den 1920er Jahren. Damals lösten die Folgen des Ersten Weltkriegs einen wahren „Kriegerdenkmal-Boom“ aus. Zu Ehren der unerreichbar in Feindesland gefallenen und begrabenen Ehemänner, Väter und Söhne wurden zahllose, aus oder mit Findlingen gestaltete Ehrenmale errichtet. Zu den am häufigsten mittels Findlingen geehrten Einzelpersönlichkeiten gehört Turnvater Jahn. Und eine ungewöhnliche „Dichte“ von Erinnerungssteinen findet sich im Schaumburger Wald.

Wer mehr über Herkunft, mineralische Zusammensetzung und erdgeschichtlichen Hintergrund der Rundlinge erfahren möchte, dem sei ein Besuch im Besucherbergwerk Kleinenbremen und/oder in den Findlingsgärten in Möllenbeck und Hagenburg empfohlen.

Einen der dicksten Brocken weit und breit kann man im benachbarten Kreis Minden-Lübbecke bestaunen. Der „Große Stein von Tonnenheide“ (Ortsteil der Stadt Rahden) ist 10 Meter lang, 7 Meter breit, 3 Meter hoch und wiegt circa 350 Tonnen.

Ein Prachtexemplar, wie hier von Swen Grüneberg (r.) und Viktor Klassen vorgezeigt, wird im Möllenbecker Kieswerk Reese höchstens einmal im Jahr freigelegt.




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