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Johann Philipp Seip entdeckt 1718 die heilende Wirkung des Gases / Bis heute therapeutisch genutzt

Kohlendioxid aus der Pyrmonter Dunsthöhle

Bad Pyrmont (ar). Schon vor vielen Jahren seien Steinbrecher wegen des ihnen entgegenströmenden Dunstes fortgelaufen, erzählten die Oesdorfer Einwohner dem jungen Arzt Johann Philipp Seip, als er nach ausführlichen Studien an mehreren Universitäten im Jahre 1712 wieder zurück in seine Heimatstadt Pyrmont kam. Er ging dieser Naturerscheinung, die zwischen den beiden heutigen Straßen „Am Helvetiushügel“ und „An der Dunsthöhle“ auf einer geologischen Verwerfung in West-Ost-Richtung von der Friedrichsquelle her verläuft, nach, und fand Merkwürdiges: In der dortigen Sandsteingrube lag allerlei ersticktes Getier wie Vögel, Mäuse, Eidechsen und Schlangen.

Diesem Phänomen wollte Seip 1718 auf die Spur kommen. Da Kohlendioxid zu jener Zeit noch nicht bekannt war, hielt er das austretende Gas für Schwefeldunst. Mit Versuchen, zum Beispiel mit einem Hund, testete er die Wirkung. „Man ließ denselben endlich den Kopf niederhalten (unter die Oberfläche des angesammelten Gases), worauf er in etlichen Minuten ganz ohnmächtig und hinfällig wurde und man ihn tot herausziehen musste. Nachdem er aber ein wenig an der frischen Luft gelegen hatte, erholte er sich allmählich und lief in weniger als einer Viertelstunde wieder davon, so gesund und frisch, wie er früher gewesen war.“ In Selbstversuchen stellte Seip die wärmende und heilende Wirkung fest und bat Fürst Friedrich Anton Ulrich, ein „steinernes Gewölbe über die dünstende Grube bauen“ und darüber ein kleines Gewölbe, ungefähr „sechs Schuh ins Viereck und zehn Schuh hoch“ anlegen zu dürfen, um dort für die Brunnengäste ein „trockenes Schweißbad“ einzurichten.

Seine Entdeckung der Heilwirkung des austretenden CO2 -Gases wurde durch Experimente des Pyrmonter Brunnenarztes Dr. Heinrich Matthias Marcard bestätigt. In der Dunsthöhle – so von Seip genannt, als er feststellte, dass in den Ausdünstungen kein Schwefel enthalten war – tritt Kohlendioxid aus einer Mofette durch Risse und Gesteinsklüfte trocken an der Bodenoberfläche aus. Da es eineinhalbmal schwerer als Luft ist, bleibt es in der Grube liegen, was schon Johann Wolfgang von Goethe zu Demonstrationen veranlasste, wie sie noch heute praktiziert werden: Mit Seifenblasen, die auf der Oberfläche der CO2 -Schicht liegen bleiben und nicht in das Gas hinein versinken, kann man die Höhe des Kohlendioxid-Pegels bestimmen. Auch brennendes Stroh verlöschte beim Hineintauchen und entzündete sich augenblicklich wieder außerhalb des Gases. 1737 ließ Seip die Höhle renovieren und, in Anspielung auf die ebenfalls gasende Grotta del Cane (Hundsgrotte) in Neapel, den Spruch anbringen „Machst Du Italien mit Raritäten groß, sieh hier, die Schwefelgrub dampft auch aus Pirmonts Schoß.“ Die heutige Form erhielt die Dunsthöhle 1810, zusätzlich wurde eine Terrasse amphitheatralisch angelegt und begrünt. Das Gebäude über der Höhle und das Wärterhaus am Eingang wurden im Jahr 2000 im Rahmen des EXPO-Projektes „Aqua Bad Pyrmont“ neu gestaltet.

Für therapeutische Zwecke wird das Gas seit dem Bau des Quellgas-Badehauses 1950, heute „Parkpalais“, wieder genutzt, inzwischen werden die Bäder im Königin-Luise-Bad verabreicht. Das Staatsbad bietet sie für folgende Indikationen an: Störungen der peripheren Durchblutung, Hypertonie und Coronarinsuffizienz, allergische Erkrankungen (Asthma, Ekzem) sowie schlecht heilende Wunden.

Das Gebäude über der Höhle und das Wärterhaus am Eingang wurden im Jahr 2000 im Rahmen des EXPO-Projektes „Aqua Bad Pyrmont“ neu gestaltet.

Foto: rr




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