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„Königsberger Grillen“: Ferien und Konzertreise kombiniert

BAD MÜNDER. Wo es langgeht? „Folgen Sie einfach dem Lärm“, lacht Regine Halm noch am Telefon. Seit 20 Jahren schon beherbergt die Münderanerin Sommer für Sommer den Jugendchor „Königsberger Grillen“ aus Kaliningrad in ihrem Haus. Ein Besuch.

Spontane Gesangseinlage im Garten – Musik spielt für die Mitglieder des Kinder- und Jugendchores eine wichtige Rolle. Fotos: Szabo

Autor:

Patricia Szabo

Lampenfieber vor den Auftritten in Bad Münder hat kaum ein junges Chormitglied. Nur für diejenigen, die noch nicht so lange dabei sind, ist der Auftritt vor Publikum ungewohnt. „Die ersten Konzerte in Kaliningrad waren manchmal etwas unheimlich“, sagt die „Grille“ Barbara. Zum ersten Mal besucht sie ihre deutsche Gastgeberin Regine Halm. „Ich bin erst seit Januar dabei und habe nicht so oft auf der Bühne gestanden“, erzählt sie – und das in sicherem Deutsch. Mit dem Gesang aber haben auch die neuen „Grillen“ keine Probleme. Spontan wird im Garten Halms eine Kostprobe geliefert: „Herr Stoffel kommt schnell mit der Kartoffel“, ertönt es im Garten – dass das Spaß macht, ist den Kindern und Jugendlichen anzusehen.

Regine Halm erinnert unterdessen an die Anfänge der ganz persönlichen deutsch-russischen Freundschaft. Das war 1998, einige Jahre nach der Grenzöffnung, als Halm mit einigen Freunden in ihre alte Heimat nach Kaliningrad fuhr, das sie 1945 als Königsberg verlassen hatte. „Ich liebe Musik und ich hatte mir so sehr ein Konzert gewünscht“, erinnert sich die ehemalige Bauingenieurin. Wegen der Sommerpause fanden jedoch keine Konzerte in der Stadt statt. Stattdessen schlug ihr ein russischer Bekannter vor, den Auftritt eines Jugendchors zu besuchen, der „Königsberger Grillen“ – damals noch in erster Linie ein Waisenchor. „Die Lieder haben mich sehr berührt“, erinnert sich Halm an den Beginn ihrer Freundschaft mit den „Grillen“. Auch, wenn heute kaum noch Waisen zum Chor gehören, unterstützt sie mit den Einnahmen der Konzerte in Bad Münder und dem Umland noch immer ein russisches Waisenhaus und ein Altersheim in ihrer alten Heimat.

Bis zum nächsten Auftritt – am Freitag um 18.30 Uhr im Martin-Schmidt-Konzertsaal – ist noch viel Freizeit für die „Grillen“ vorgesehen, und die wird zum Teil in Halms Garten verbracht. Obwohl sich bis zu 34 Gäste tummeln, hält sich das Alltagschaos in Grenzen. Und: Die Gäste genießen es, Zeit mit der Gastgeberin zu verbringen. „Es sind Kinder und sie wollen viel mit ihrer Gastoma kuscheln“, sagt Halm mit einem sanften Lächeln im Gesicht. Im Laufe der Jahre passte sie ihren Garten den Bedürfnissen ihrer jungen Gäste an. Sie stellte Tischtennisplatten auf. Sie lässt sie im üppigen Grün Fußball spielen. Auch Proben finden gelegentlich im Garten statt. „Die Nachbarn haben sich bisher nicht beschwert“, lacht sie.

Nicht alle 34 Gäste können im Haus übernachten, dafür reicht der Platz nicht. Einige kommen kostenfrei im Kastanienhof unter, andere bei Halms Verwandten. Langweilig wird es den Besuchern nicht, denn auf ihrem Plan stehen neben Konzerten noch viele andere Aktivitäten: „Wir fahren ins Rastiland und gehen schwimmen“, berichtet Halm. Begeistert erzählen die Jugendlichen auch von Besuchen im Safari- und Vogelpark. Hier mache alles Spaß. Und so sei Fernweh in den drei Wochen weit weg von zuhause auch für die Jüngsten ein Fremdwort.

Auch das Deister-Sünteltal hat es den russischen Gästen angetan: „Ich liebe die tolle Landschaft“, sagt Anastassia Chaplygina, die älteste „Grille“. Für sie ist Regina Halm wie die eigene Oma. Liebevoll nehmen sich die Frauen in den Arm, wenn sie von ihrer langjährigen Freundschaft sprechen.

Bei den Auftritten des Chores stechen die opulenten Kostüme der „Grillen“ ins Auge. „Ein Großteil davon wurde selbst geschneidert“, sagt Halm. Und auch die Auftritte werden in Eigenregie abgestimmt. Seit Januar sei sie mit dem Konzertmanagement und der Planung ausgelastet. Ein Ärgernis für die Münderanerin dabei: Die Stadt beteilige sich nicht an Kosten, so müsse sie als Rentnerin rund 200 Euro für die Nutzung des Martin-Schmidt-Konzertsaals aus eigener Tasche an die GeTour zahlen. „Einfach unglaublich“, so Halm.

Was der Organisatorin aufgefallen ist: Im Laufe der Jahre habe sich die Altersstruktur der Konzertbesucher verändert. Während anfangs fast nur die „Heimweh-Touristen“ im Publikum saßen – so nennt Halm die Vertriebenen, die in der Musik ein Stück ihrer alten Heimat wiederfinden – seien inzwischen auch jüngere Zuschauer anwesend.

Doch welche Beziehung haben eigentlich die Jugendlichen des Chores zu dieser Zeit? „Die Eltern der Grillen sind Russen“, macht Übersetzerin Elena Aleksina deutlich. Sie sagt, die Kinder interessieren sich sehr für die Geschichte und stellten viele Fragen. Das deutsch-russische Verhältnis, auch in der Vergangenheit, wird damit zum Thema, die aktuell angespannte Situation ohnehin. Was wünscht sich Halm für deutsch-russische Beziehungen? „Deutschland wäre stärker mit Russland an der Seite“, sagt die Münderanerin, aber sie macht ganz deutlich: Ihr Augenmerk liegt auf der Freundschaft und guten Beziehungen zwischen den Ländern. Dabei blendet sie aber nicht aus, dass Russland durch Menschenrechts- und Presse-freiheitsverletzungen in den Blickpunkt geraten ist.

Als engagierte Gastgeberin und als Mensch wird sie von ihren russischen Gästen geliebt. „Die Kinder nennen sie ,unsere Regine‘“, sagt Dolmetscherin Aleksina. Und sie mag Halms Antwort auf die Frage, warum sie sich so einsetze. „Weil ich Kinder liebe“, habe die Münderanerin gesagt.



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