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Klima der Toleranz

Bad Münder. Von den rund 830 Schülern, die an der Kooperativen Gesamtschule Bad Münder unterrichtet werden, haben 36 einen sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf. Sie werden also inklusiv unterrichtet, Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam, in einer Regelschule, so wie es der Niedersächsische Landtag am 20. März 2012 mit breiter Mehrheit beschlossen hat. Als eine große Bereicherung wird das Konzept an der Einrichtung an der Bahnhofstraße empfunden. Warum? Ein Besuch in der Klasse 5b soll Antworten bringen.

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In der dritten und vierten Stunde steht Biologie auf dem Lehrplan. Es dreht sich heute alles um das Rind als Nutztier. Die 17 Jungen und Mädchen, sechs von ihnen mit Unterstützungsbedarf, sollen mithilfe einer Collage erklären, aus welchen Körperteilen die verschiedenen Fleischprodukte gewonnen werden. Dazu sind sie in drei Gruppen eingeteilt worden. Unabhängig davon, ob sie inklusiv beschult werden oder nicht. „Die Kinder wissen das meist ja selbst gar nicht voneinander“, erklärt Theresa Schulze-Mensching, eine der beiden Klassenlehrerinnen und Förderlehrkraft an der KGS.

Natürlich gibt es aber auch Fälle, in denen ganz offensiv mit dem „Anderssein“ umgegangen wird, wenn es den Schulalltag beeinflusst. „Je besser die Kinder im Vorfeld informiert sind, desto besser gehen sie mit der Situation um“, weiß Malihe Papastefanou, kommissarische Schulleiterin. „Einfach so zu tun, als wäre nichts, wäre eindeutig falsch. Uns ist es wichtig aufzuzeigen, dass es normal ist, anders zu sein. Jeder hat seine Stärken und Schwächen.“ Unterrichtet werden Schüler mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen – also zum Beispiel Kinder mit Hör- oder Sehbehinderungen –, ebenso wie Kinder mit dauerhaften Lernschwierigkeiten oder einem Rückstand in der sprachlichen oder sozialen Entwicklung.

Auf alle Schüler habe das Miteinander einen positiven Effekt. An der Schule herrsche ein Klima der Toleranz. Es gebe natürlich Einzelfälle, wo der Unterstützungsbedarf für das Kind so groß sei, dass eine inklusive Beschulung nicht funktioniere, etwa bei starken Einschränkungen im emotionalen Bereich oder bei schwersten Mehrfachbehinderungen. „Da könnten wir den Kindern nicht gerecht werden“, erklärt Ingrid Jahn-Lillich, ebenfalls Klassenlehrerin der 5b und an der KGS für Inklusion verantwortlich.

Sie führt die Beratungsgespräche mit den Eltern – diese dürfen wählen, ob ihre Kinder eine allgemeine oder eine Förderschule besuchen sollen. Außerdem hält sie die Verbindung zu den Förderzentren (Infokasten) und den Mobilen Diensten. Diese organisatorischen Aufgaben von Jahn-Lillich sind allerdings nicht mit extra Stunden versehen. Zwar sei immer angedacht gewesen, offiziell an den Schulen Integrationsbeauftragte einzuführen, passiert ist bisher jedoch nichts. Diese „organisatorische Mitte“, die sie innehabe, sei für eine funktionierende Inklusion überaus wichtig. „Und natürlich muss an der Schule Inklusion gewünscht sein, das ist der Grundstein.“ Auch Papastefanou macht deutlich: „Für uns bedeutet Inklusion nicht, dass wir Kinder mit Behinderungen unterrichten, sondern alle unsere Schüler bestmöglich fördern.“

Das Schulgesetz verlangt, dass Schüler, die wegen einer Behinderung auf sonderpädagogische Unterstützung angewiesen sind, durch wirksame individuell angepasste Maßnahmen unterstützt werden. Dabei müssen nicht die Ziele einer bestimmten Schulform erreicht werden, die Leistungsanforderungen können abweichen. „Wir gestalten den Unterricht je nach dem Bedürfnis des Kindes, das offiziell festgestellt wird, zielgleich oder zieldifferent“, erklärt Schulze-Mensching.

Die 37-Jährige ist eine von vier Förderlehrkräften an der KGS, abkommandiert von der Spiegelbergschule Coppenbrügge. Die Pädagogin hat bis zu der Schließung an der Astrid-Lindgren-Schule unterrichtet und weiß um die Vorteile der Inklusion. So beenden mehr als zwei Drittel der Schüler die Förderschule ohne berufsqualifizierenden Abschluss. Gerade auf dem Hauptschulzweig der KGS sei die Chance für die Kinder mit Beeinträchtigungen sehr realistisch, einen Abschluss zu machen. Auch internationale Studien zeigen, dass es inklusiven Bildungssystemen deutlich besser gelingt, Jugendliche mit Förderbedarf auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und ihnen berufliche Möglichkeiten zu eröffnen.

Inklusion wird jedoch nicht nur positiv gesehen: Die Kritiker sehen die Abschaffung der Förderschulen als reine Sparmaßnahmen. Eine Überforderung der Lehrer, die mit ihrem normalen Unterricht ausgelastet seien, wird befürchtet. Ein Lehrer müsse nebenbei noch die Arbeit von einem Sonderschulpädagogen übernehmen. Die fehlenden Ressourcen bemängelt auch Papastefanou: „Wir brauchen mehr Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter.“

Auch Schulze-Mensching kennt Kollegen, die unglücklich mit der Situation sind. „Ihnen fehlt durch die Aufteilung ihrer Stunden auf verschiedenen Einrichtungen eine Stammschule. Sie wollen nicht nur als Hilfslehrkräfte angesehen werden.“ Die Arbeit erfordere nun sehr viel Flexibilität, weil man ja nicht nur mehr Schüler habe, sondern mit vielen verschiedenen Lehrern zusammenarbeite.col



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