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Von den Anfängen der Imkerei im Schaumburger Land / Bienenzucht im Blickpunkt der Obrigkeit

„Kleines unschätzbares Bienlein…“

Alle diejenigen, welche wenigstens drey Bienenstöcke beständig unterhalten, sollen von der Lieferung von Sperlings-Köpfe befreyet seyn“, gab 1765 der hessische Landgraf Friedrich bekannt. Das Angebot solle zur „Beförderung einer Unseren Unterthanen zum eigenen Vortheil gereichenden Sache“ beitragen.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ob und wie viele Leute vor 250 Jahren dem Aufruf folgten und von Spatzenjagd auf Bienenzucht umgestiegen sind, ist nicht überliefert. Auf den ersten Blick schien der Wechsel vorteilhaft. Die „Vertilgung“ von Sperlingen gehörte seit jeher zu den beschwerlichsten Pflichten der Dorfbewohner. Jeder Haus- und Hofbesitzer hatte regelmäßig eine bestimmte Anzahl von Vogelköpfen abliefern. Wer die Fang-Quote nicht schaffte, musste mit saftigen Geld- oder Gefängnisstrafen rechnen.

Trotzdem dürfte sich der Erfolg des Imker-Anwerbeversuchs – auch in der damals zu Hessen gehörenden Grafschaft Schaumburg – in Grenzen gehalten haben. Man wusste, dass die Aktion nur wenig mit landesväterlicher Fürsorge, sondern vielmehr mit landesherrlichen Bedürfnissen zu tun hatte: Die Regierung brauchte Bienenwachs. Die Ausleuchtung der großflächigen Renaissance-Prunkbauten erforderte Unmengen von Kerzen. Darüber hinaus wurde das formbare Naturprodukt zum Abdichten, Polieren, Versiegeln und zum Anmischen von Arznei- und Schönheitsmitteln benötigt. Nicht nur in Kassel versuchte man die Produktion mit mehr oder weniger pfiffigen Aktionen anzukurbeln.

Wann, wo und wie der erste Honig im heutigen Schaumburg verzehrt und gewonnen wurde, ist unbekannt. Schon unsere hierzulande lebenden Steinzeit-Vorfahren sollen die süße Masse geschätzt und auch die Bienenbrut nicht verschmäht haben. Bis ins hohe Mittelalter hinein spürte man der vitaminreichen Leckerei in Wäldern und Schluchten nach. Mancherorts wurde die Suche nach Wildbienen-Nestern („Zeidlerei“) sogar berufsmäßig betrieben.

2 Bilder
Als einer der wohl eifrigsten und erfolgreichsten Schaumburger Bienenzüchter ist Lehrer Alfred Schmude aus Friedrichshagen (heute Hessisch Oldendorf) – hier mit Familie auf einem Foto aus dem Jahre 1921 – in die heimische Imkereigeschichte eingegangen (Quelle: Staatsarchiv Bückeburg).

Im Mittelalter kam zunehmend Hausbienenhaltung in Mode. Man begann – oftmals beinahe ungläubig – das wie von Zauberhand gesteuerte Leben und Treiben der rastlos umherschwirrenden Insektengemeinschaften zu verstehen.

„Ich werde in diesem Buch von einem unachtbaren, ringschätzigen mehr unter die Insecta und Ungeziefer als unter Thier gerechneten, doch überaus nützlichen und guten Thierlein zu handeln haben“, beginnt eine der ersten und ausführlichsten deutschsprachigen Abhandlungen über die Kunst, „wie die Bienen mit gutem Genuß zu halten“. Als Verfasser des 1695 unter dem Titel „Georgica Curiosa Aucta“ erschienenen Werks ist ein gewisser Wolf Helmhardt von Hohberg angegeben. „Welcher Conditor würde aus den frischen wolriechenden Blumen, aus den edlen Kräutern Gewächsen einen so köstlichen edlen und bleibenden Safft als den Honig formiren“ und dabei „ein so zartes und lieblich-lufftendes Gummi als das Wachs herausziehen können als das kleine unschätzbare Bienlein“. Danach folgen mehrere, zum Teil bebilderten Kapitel über „Der Bienen Art und Natur“, „Von den Bienenstöcken“, „Vom Bienen-Stich“, „Vom Bienen-König“, „Von den Threnen“ (Drohnen), „Von ihrem Schwärmen“, „Vom Gebrauch des Wachses“ und „Vom Bienen-Recht“.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden Wissen und Praxis rund um die Honiggewinnung immer mehr verfeinert und ausgeweitet. Vor allem auch der technische und medizinische Fortschritt trug entscheidend zur Weiterentwicklung bei. Die im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Verordnungen und Berichte zum Thema Bienenhaltung füllen Bände. Die meisten, anfangs meist aus Weiden geflochtenen und/oder aus Holz zusammengehämmerten Bienenkörbe und Kästen in der Grafschaft Schaumburg scheint es in den Vogteien (Verwaltungseinheiten) Exten (heute Rinteln) und Rumbeck (Hessisch Oldendorf) gegeben zu haben. In einer Übersicht aus dem Jahre 1827 sind als größte Honiglieferanten weit und breit Schulmeister Wilkening aus Uchtdorf und Colon Requart aus Exten (je 14 Stöcke), der Einwohner Rehmert aus Krankenhagen (10) und der Amtsförster Barnstedt aus Rumbeck (8) genannt. Im benachbarten Schaumburg-Lippe galt vor allem die Gegend um Lüdersfeld im damaligen Kreis Stadthagen als Imker-Hochburg.

In den Blickpunkt der Obrigkeit rückte die Bienenzucht letztmals im vorigen Jahrhundert. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte die Weimarer Regierung, durch Einsatz von Fördermitteln die Ernährungsnot der kleinen Leute zu lindern. Ein durchschlagender Erfolg war dem mit viel zu wenig Geld ausgestatteten Programm jedoch nicht beschieden. Ganz anders und aus ganz anderen Gründen packte das NS-Regime die Sache nach 1933 an. Die Bienenhaltung wurde zum unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung der „Heimatfront“ erklärt und die seit 1907 bestehende Dachorganisation „Deutscher Imkerbund“ als „Reichsfachgruppe Imker“ in den „Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter“ eingegliedert.

Die natürlichen Gegebenheiten für ein erfülltes Bienenleben hierzulande werden in den überlieferten Berichten und Gutachten als „besonders gut“ bewertet. Die Folge: Meist kamen mehr Heideimker zur Nektarsuche nach Schaumburg als umgekehrt. Ein landwirtschaftliches Gutachten aus dem Jahre 1930 beschreibt die hiesigen Weidegründe so: „Man treibt eine anerkannte Obstpflege; die zahlreichen Beerensträucher, der dichte Bestand an Obstbäumen an den Staats-, Kreis- und Gemeindewegen, sowie in den Privatgärten bieten eine sichere und selten günstige Weide für die Frühtracht. Ebenfalls ist der Anbau von Raps und Rübsamen der Bienenzucht günstig, sowie die Wälder mit ihrem reichen Bickbeerenbestand. In richtiger Ablösung ergänzen Wiesen und Weiden die Trachten. Es folgen die Ackerbohnen, die sehr viel angebaut werden und einen vorzüglichen Honig liefern. Akazien und Linden sind teils waldmäßig angebaut. Nach deren Abblühen ist das angrenzende Heidegebiet ein leicht zu erreichendes Ziel.“

Bienenhaus

um 1920.

Repros: gp




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