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"Was Ihr wollt"-Aufführung: "Shakespeare& Partner" brillieren im Brückentorsaal

Klassiker, ganz herrlich durchgedreht

Rinteln. Solche Turbulenzen hat der Brückentorsaal in seiner jahrzehntelangen Tradition als Theaterspielstätte kaum jemals erlebt!

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Autor:

Ulrich Reineking

In praller Saftigkeit brachte das Ensemble "Shakespeare& Partner" die Komödie "Was Ihr wollt" auf die Bühne und zum Gelingen dieses großartigen Jux' trug ganz sicher nicht nur Stargast und Erzkomödiant Martin Lüttge als unermüdlicher Lustgreis Malvolio bei, der sich aus dem Puritanismus heraus auf der Suche nach dem ewig Weiblichen nach allen Regeln der Kunst lächerlich machte und dabei doch seine grundsätzliche Würde behielt. Immerhin spielt das Anfang 1601 uraufgeführte Stück in den "Raunächten" , jenen bacchanalischen Festlichkeiten, in denen die Regeln der Alltagswelt auf den Kopf gestellt werden - eine Art Karneval der Ausschweifungen sozusagen und der Umkehrung der gesellschaftlichen Spielregeln. Dabei tauschten auch Männlein und Weiblein ihre Rollen und nutzten dies zu allerhand Anzüglichkeiten, wie sie der elisabethanischen Gesellschaft zumindest offiziell fernlagen. Da haben wir mit Michael Jagusch einen Herzog Orsino, der wohl Vorbild gewesen sein mag für reiche Playboys, die ihren Verlust an realer Machtdurch Dauerpräsenz in den Klatschspalten wettmachen und das durchaus als ihren Lebenssinn betrachten. Großartig auch Ivan Vrgosch als ein Sir Tobi aus dem ramponierten Adel, der sich in vergnügter Nutzlosigkeit zergeht. Zu dieser authentisch-schrillen Partygesellschaft trägt auch Julia Grimpe bei, die nicht nur als Gräfin Olivia "bella figura" macht, sondern auch als nichtsnutziger Junker Andreas für rabiate Kurzweil sorgt und dabei auf eine unglaubliche Sicherheit bei den leisen und lauten Pointen zurückgreifen kann. Urs Stämpfli stolpert als aufgedrehter Narr über die Bühne, wobei es mitunter an der Trennschärfe zum ebenfalls von ihm verkörperten Freibeuter Antonio fehlt. Und wie Verena Karg es als Viola versteht, die Rebellion der Gefühle nachvollziehbar zu machen, ist schon ein Kabinettstück großer Schauspielkunst. Die Regiearbeit von Norbert Kentrup ist nicht so sehr darum bemüht, alle Facetten des Stücks in ein logisches Verhältnis zueinander zu setzen und damit durchgehend verständlich zu machen. Nein, hier werden aufregende und anrührende, wahnsinnige und melancholische Szenen und Ausbrüche nebeneinander und hintereinandergestellt. In Duetten und Terzetten, Instrumentalsätzen und Tänzen werden auch unter Einbeziehung des musikalischen Leiters Florian Schwartz Bilder und Erlebnisse geschaffen, die im Stil einer "psychologischen Revue" zu bewegen verstehen, auch wenn da manche bunte Glasscherbe nicht auf Anhieb in ein erkennbares Formen-Mosaik passt. Das Bühnenbild ist durch einen witzigen Trick geprägt: In der imaginären Londoner U-Bahn-Station "Illyrien" von Sibylle Meyer und Hannah Hamburger gibt die Plattform die Spielfläche her, während über die Aus- und Eingänge die Personen der Handlung auf die Bühne kommen und sich bei der Öffnung der Bahntüren Handlungselemente abspielen ("Mind the Gap"). Lebhafter Beifall eines Publikums, dass durch einen überraschend hohen Anteil jugendlicher Besucher geprägt war, die hier hautnah erleben konnten, das es eine aufregende Bilder- und Formensprache auch jenseits von MTV und Popkultur gibt!



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