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„Die Kälte halte ich einfach nicht aus“ – Obdachlose ziehen warmen Schlafplatz im Schläger-Haus vor

Kein Vergnügen: „Platte machen“ im Winter

Hameln (sto). Schorsch kommt zurecht. Auch ohne Dach über dem Kopf. „Meistens schlafe ich draußen“, sagt der Süddeutsche. Doch alles hat seine Grenzen, auch das „Platte machen“: „Die Kälte halte ich einfach nicht aus“, sagt der 48-Jährige. Nur für wenige Tage hielten sich die Temperaturen knapp über Null. Die nächste Kältewelle rollt bereits heran. Schorsch ist seit 1984 obdachlos. Damals sei er, obwohl verheiratet und Vater zweier Kinder, aus der Gesellschaft ausgestiegen. Ihm sei alles „über den Kopf gewachsen“. Sesshaft möchte er nicht mehr werden.

Kein vergnügen: Platte machen im Winter

Hameln (sto). Schorsch kommt zurecht. Auch ohne Dach über dem Kopf. „Meistens schlafe ich draußen“, sagt der Süddeutsche. Doch alles hat seine Grenzen, auch das „Platte machen“: „Die Kälte halte ich einfach nicht aus“, sagt der 48-Jährige. Nur für wenige Tage hielten sich die Temperaturen knapp über Null. Die nächste Kältewelle rollt bereits heran.

Schorsch ist seit 1984 obdachlos. Damals sei er, obwohl verheiratet und Vater zweier Kinder, aus der Gesellschaft ausgestiegen. Ihm sei alles „über den Kopf gewachsen“. Sesshaft möchte er nicht mehr werden. Auf seiner Reise quer durch Deutschland werde er irgendwann wieder nach Hameln kommen, kündigt er an, das Senior-Schläger-Haus besuchen. Denn diese Einrichtung bekommt von ihm die Note „sehr gut“. „Hier kümmert man sich um uns und behandelt uns wie Menschen“, findet Schorsch, der die Menschen beim „Platte putzen“ auch von einer anderen Seite kennengelernt hat.

Die eisigen Temperaturen vertreiben viele Obdachlose von ihren Übernachtungsplätzen. Selbst „Härtefälle“, die seit vielen Jahren draußen schlafen, zieht es seit einigen Wochen in warme Quartiere, wo sie sich aufwärmen können. Auf die anhaltende Kälte reagiert der Verein „Senior-Schläger-Haus“ in Hameln mit einem erweiterten Angebot. So ist der Tagestreff nun auch stundenweise an Sonntagen geöffnet, und auch die Aufnahmezeiten für die Übernachtungsgäste wurden erweitert.

Der Verein ist Träger der im Herbst 2009 am Ostertorwall eröffneten Einrichtung für wohnungslose, durchreisende und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen. In Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Hannover und dem Landkreis Hameln-Pyrmont wurden ein Tagestreff, eine Beratungs- und eine Übernachtungsstelle für durchreisende Männer und Frauen ohne festen Wohnsitz eingerichtet. „Der Tagestreff ist eine Wärmestube, die derzeit hoch im Kurs steht“, weiß Gerhard Bulczak, der stellvertretende Vereinsvorsitzende. In der kalten Jahreszeit wird hier auch ein Obdachlosenfrühstück angeboten.

Einmal wöchentlich können sich die Gäste im Haus zudem von einem Arzt untersuchen lassen. Erfrierungen oder andere gesundheitliche Winterschäden hat dieser bislang übrigens nicht diagnostiziert.

Auch Hans genießt die Wärme im Schläger-Haus. Seit zwei Jahren lebt der Rentner auf der Straße. Er schläft oft in Haus- oder Geschäftseingängen. Im Gegensatz zu Schorsch möchte er aber so schnell wie möglich wieder sesshaft werden. „Das Leben draußen habe ich so satt“, sagt der 67-Jährige. Erst kürzlich sei er von einem seiner Schlafplätze durch Sicherheitskräfte gewaltsam vertrieben worden. Nun wünscht er sich noch mehr als zuvor ein kleines Zimmer im Zentrum von Hameln.

Der harte Winter wirkt sich spürbar auf die Übernachtungszahlen am Ostertorwall aus. Obwohl sich die neue Übernachtungsstelle unter den durchreisenden Obdachlosen erst noch herumsprechen müsse, sei bereits eine steigende Tendenz an Gästen zu verzeichnen. „Im Dezember 2009 haben wir 16 Übernachtungen registriert. Das waren fast doppelt so viele wie im Dezember 2008“, bilanziert Klaus Laeger, Leiter des Sozialamtes. Im Gegensatz zu manchen Einrichtungen in anderen Städten platze das mit acht Betten ausgestattete Schläger-Haus jedoch derzeit noch nicht „aus allen Nähten“. Sollte es dazukommen, könnten Notbetten aufgestellt werden.

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind in diesem Winter bereits mindestens zehn Obdachlose in Deutschland erfroren. „Jede Kommune sollte für menschenwürdige Unterkünfte sorgen“, fordert Verena Rosenke. Als positiv bewertet die stellvertretende Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft, dass in die Hamelner Einrichtung auch Hunde mitgebracht werden dürfen. „Lieber bleiben die Obdachlosen nämlich draußen, als sich von ihrem Hund zu trennen“, weiß sie aus Erfahrung.

Obwohl er sonst lieber draußen schläft, freut sich Schorsch (48) auf einige Übernachtungen in einem warmen Bett im Senior-Schläger-Haus. Foto: sto

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