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Kaum einer hält sich an die Ruhezeiten

Sie sehen beide sehr jung aus, Sebastian Fischer (29) und Torben Rötsch (26), Polizisten im Autobahn-Streifendienst. Wie es wohl sein wird, wenn sie gestandene Brummifahrer mit ihren gewaltigen Fahrzeugen zur Überprüfung von der Straße holen und damit den Männern, die sowieso unter hohem Zeitdruck stehen, eine ungewollte Pause aufzwingen? „Och, da gibt es selten ein Problem“, meint Fischer. „Die Fahrer nehmen Kontrollen hin wie ein Naturgesetz. Irgendwann erwischt es jeden.“

Von Cornelia Kurth

Rund um die Uhr sind Polizeistreifen auf der Autobahn unterwegs. Eine ihrer Hauptaufgaben besteht darin, die Fahr- und Ruhezeiten der Lkw-Fahrer zu kontrollieren. Fast immer stellt sich beim Auswerten des digitalen Kontrollgeräts im Lkw heraus, dass die vorgeschriebenen Pausen nicht eingehalten wurden. „Das ist auch kein Wunder“, sagt Fischer. „Allein hier auf der A 2 am Verkehrsknotenpunkt Hannover fehlen Hunderte von Lkw-Parkplätzen. Fahrer, die ihre Route nicht sorgfältig planen, haben dann oft nur die Wahl, entweder weiterzufahren oder falsch zu parken.“

Als sei er extra ausgesucht worden, um diese Worte zu beweisen, ist da der Fahrer eines blauen Lasters, den die beiden Polizisten nach dem Zufallsprinzip mit ihrer Kelle anzeigten, auf den Parkplatz Bückethaler Knick abzubiegen. Obwohl der sich gerade durch einen Stau in Fahrtrichtung Dortmund gequält hatte, steigt er gelassen aus seinem Wagen, ein kleiner, grauhaariger Mann in einem Band-T-Shirt, der gleich sagt: „Oh, ich werde wohl zu viel gefahren sein – na ja.“ Er sei gerade erst gestern 70 Kilometer auf der Landstraße unterwegs gewesen, bis er in einem Industriegebiet einen Parkplatz gefunden habe. „So geht es doch ständig“, meint er.

Nützen tut ihm diese Erklärung nichts, als Sebastian Fischer sein Kontrollgerät mit dem digitalen Tacho verkoppelt, das seit drei Jahren in jedem neuen Lkw vorhanden sein muss. Auf Kommando spuckt der kleine Kasten eine Art Kassenbon aus, auf dem sämtliche Verfehlungen aus den letzten vier Wochen rund um Ruhezeiten und Geschwindigkeitsüberschreitungen aufgezeichnet sind. Es sieht nicht gut aus für den Fahrer. Nicht nur läuft sein Gerät noch mit Winterzeit (25 Euro Strafe für den Chef), er hat auch insgesamt 14 unerlaubte Überstunden gemacht und mehrmals die Richtgeschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde überschritten.

Das ergibt eine Anzeige beim zuständigen Gewerbeaufsichtsamt und dazu eine nicht unempfindliche Geldbuße von 120 Euro, wobei sein Chef noch einmal das Doppelte zahlen muss. Dabei sind die Polizisten noch kulant: Eigentlich müssen bereits für jede angefangene Viertelstunde Fahrzeitüberschreitung 30 Euro gezahlt werden. Sie berechnen ihm aber nur die beiden Male, wo er deutlich höher lag, und die Geschwindigkeitsüberschreitungen lassen sie ganz unter den Tisch fallen. Etwa eine halbe Stunde dauert die Überprüfung des Lkw, sein Zeitplan ist endgültig durcheinandergeraten, Strafe genug für den Fahrer, der nun nicht mehr rechtzeitig vor Einbruch der Nacht seinen Auftraggeber erreichen wird.

Die Lenk- und Ruhezeiten folgen einem ausgefeilten System, das einzuhalten eine ständige Herausforderung für die Brummifahrer darstellt. Täglich dürfen nicht mehr als neun Stunden gefahren werden, wobei spätestens nach viereinhalb Stunden eine Pause von 45 Minuten eingelegt werden muss. Erlaubt ist es auch, zwei kleinere Pausen einzulegen, Hauptsache, die neun Stunden Lenkzeit werden nicht überschritten. Auch die Wochenarbeitszeit ist genau geregelt und ebenso die Art, wie Arbeiten rund um Be- und Entladung angerechnet werden. „Ehrlich gesagt, steig’ ich da selbst gar nicht so richtig durch“, meint der Fahrer.

Aber selbst wer nach bestem Wissen und Gewissen gesetzestreu sein will, hat kaum eine Chance dazu. „Wir überfahren die Zeit sowieso“, sagt ein Fahrer aus Grevenbroich, der auf dem Autohof Lauenau kontrolliert wird. „Die Chefs verlangen, dass wir unsere Zeit voll ausnutzen. Da kann man nicht schon eine halbe Stunde vorher einen Parkplatz suchen, ohne Ärger zu bekommen.“ Halb neun Uhr vormittags ist er losgefahren, bis halb zehn Uhr abends darf er unterwegs sein. „Dann aber ist es aus mit den Parkplätzen!“

Wer trotzdem halten will, tut das oft in einem für alle lebensgefährlichen Parkverbot. Bereits gegen 20 Uhr stehen am Rastplatz Auetal einige Lkw so dicht an der Zufahrt der Parkplätze, dass für andere kaum noch ein Durchkommen ist. Je später der Abend, desto häufiger sind sogar die Zufahrten zur Autobahn besetzt. Wer hier von der Polizei entdeckt wird, muss weiterfahren, egal, ob er eigentlich seine Ruhezeit einzuhalten hat. „Klar gibt es auch Geheimparkplätze, nur meistens nicht da, wo ich ihn brauche“, meint der Mann aus Grevenbroich.

Der Parkplatznotstand auf den Autobahnen ist kein neues Problem. Auf der A 2 ist er besonders brisant, treffen hier doch seit der Maueröffnung verstärkt die internationalen Verkehrsströme von Polen und Holland aufeinander und vermischen sich mit dem Straßengüterverkehr. Bereits der ehemalige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee versprach Abhilfe und übergab das Problem dann an seinen Nachfolger Peter Ramsauer. Etwa 31 500 Lkw-Stellplätze stehen bundesweit zur Verfügung, das sind mindestens 11 000 weniger als benötigt. An der von Parkplatznöten besonders betroffenen A 2 sollen nach Auskunft von Joachim Ernst aus der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr bis zum Jahr 2015 insgesamt 3000 neue Lkw-Stellplätze geschaffen werden. 500 davon sollen – „da sind wir guten Mutes“ – bereits im Verlauf des Jahres 2010, spätestens aber im Jahr 2011 zur Verfügung stehen.

Dafür werden bestehende Rastanlagen umgebaut, indem man Baumscheiben und grüne Inseln entfernt, die Aufstellung optimiert und die Plätze, wo irgend möglich, erweitert. In Garbsen Nord und im Bückethaler Knick entstehen so jeweils 80 neue Stellplätze, der Rastplatz Schafstrift ist ebenso in die Planung aufgenommen wie Papenbrink und Auetal. Unbewirtschaftete Parkplätze sollen ein Minimum an Komfort erhalten, Investoren, die private Autohöfe erschließen, sind gerne gesehen. „Alles was die Situation entschärft, ist in unserem Sinne“, so Ernst. „Ob es aber eine echte Entspannung gibt, das hängt auch von der Entwicklung der Wirtschaft und damit vom Verkehrsaufkommen auf den Autobahnen ab.“

Dem Polen, der von den beiden jungen Polizisten angehalten wird, helfen diese Aussagen im Moment nichts. Ihn erwischt es, weil er in einer langen Reihe hintereinander fahrender Lkw trotz Überholverbots dramatisch wenig Abstand hält. Als er aussteigt, erweist er sich als ein ganz sanft wirkender, älterer Mann, der gar nichts von einem Verkehrsrowdy an sich hat. Der Ausdruck aus dem Kontrollgerät zeigt indes, dass er jede Menge Regeln übertrat. „Pause machst du wohl zu Hause?“, sagt Sebastian Fischer und begibt sich zusammen mit seinem Kollegen Torben Rötsch in den Polizeibulli, der als fahrendes Büro fungiert, wo zahllose Zettel ausgefüllt werden müssen. „Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Beruf so viel Bürokratisches enthält“, meint Rötsch. „Nachher müssen wir ja alles auch noch in den Zentralcomputer eingeben.“ Der polnische Fahrer braucht Belege dafür, dass er bereits kontrolliert wurde, und er erhält Quittungen für eine ganze Palette von Bußgeldern, die er hier und jetzt bar bezahlen muss, einen Teil davon in Zloty. Ganz reicht es trotzdem nicht, da er einen Notgroschen zurückbehalten darf.

Der Pole wirkt so gottergeben, dass man glatt Mitleid mit ihm bekommen könnte, zumal klar ist, dass der Zeitverlust ihn dazu zwingen wird, eine zusätzliche Übernachtung einzulegen. „Nee – Mitleid braucht man da wirklich nicht zu haben!“, meint Sebastian Fischer. „Jeder weiß, was Sache ist. Es ist sein Job, den er gut erledigen muss. Wer nichts hat, der ist in zehn Minuten mit der Kontrolle durch.“

Aber wer hat schon nichts? Ein Fahrer aus Langenfeld, der Backwaren für Reformhäuser transportiert, kann da nur lachen. „Jeden, den sie rausziehen, können sie nageln!“, sagt er. Eigentlich bräuchte er mit Fahrzeitüberschreitungen nichts zu tun haben, da er nur relativ kurze Strecken fährt – wenn da nur die vielen Baustellen nicht wären. „Ich will abends unbedingt zu Hause sein“, sagt er. „Egal, ob ich eigentlich erst noch eine Pause einlegen müsste.“ Dieser Wunsch kommt ihn teuer zu stehen. 200 Euro muss er zahlen, weil er insgesamt viereinhalb Stunden zu lange unterwegs war.

Nur einer der kontrollierten Fahrer kommt ohne Strafe davon. Er fährt regelmäßig zwischen Rehburg nach Berlin hin und her. „Schlimm ist, wenn man nachts mal auf Toilette muss. Man kommt auf den Parkplätzen einfach nicht durch und muss dann manchmal einen der Kollegen wecken, wenn er im Weg steht“, erzählt er. „Die hassen das natürlich, denn wenn man einmal während der Ruhezeit ein Stück anfährt, dann zählt die komplette Pause nicht.“ Die Lkw-Fahrer müssten viel Verständnis untereinander haben und Galgenhumor besitzen, sonst wäre es nicht zum Aushalten.

„Tja, die Verstoßquote liegt bei 80 Prozent“, sagt Polizist Fischer. „Solange sich nicht schnell und entschieden etwas an der Parkplatzsituation ändert, muss jeder Lkw-Fahrer damit leben, dass er keine vernünftigen Ruhezeiten nachweisen kann.“

Am frühen Abend geht auf den Rastanlagen an der A 2 der große Run auf die Lkw-Stellplätze los. Und weil es noch immer viel zu wenige davon gibt, bleiben etliche Brummifahrer in einem oft lebensgefährlichen Halteverbot stehen – und müssen mit einem saftigen Bußgeld rechnen. Wir haben die Autobahnpolizisten Torben Rötsch und Sebastian Fischer einen Abend lang bei ihren Lkw-Kontrollen begleitet.

Dicht an dicht stehen die Lkw – nicht nur an der Schafstrift ein alltägliches Bild. Immerhin: 3000 neue Parkplätze sollen bis 2015 an der A 2 entstehen.

„Der Job bringt viel Bürokratisches mit sich“: Sebastian Fischer und Torben Rötsch bei der Papierarbeit im Polizei-Bulli, einem kleinen Büro.




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