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Notizen von einer Jagd im Möllenbecker Forst: Nicht jeder Schuss trifft - erst am Ende wird zusammengezählt

"Kannst Du auch schnell genug auf Bäume klettern?"

Möllenbeck. Wenn Obelix die Wildschweine für den Gallier-Grill vor seiner Hütte stapelt, haben die immer noch so ein unverschämtes Grinsen um die Schnauze. Doch wir sind hier nicht im Comic. Und deshalb kann man das von den Sauen, die im Möllenbecker Forst am Wegesrand von den Jägern auf frisch geschnittene Fichtenzweige gewuchtet werden, nicht gerade behaupten.

Christian Weigel

Autor:

Hans Weimann

"Aufbrechen" nennt der Waidmann die Metzgerarbeit, die jeder am Ende einer Jagd selber machen muss, mit dem Messer in der Hand - nichts für Sensibelchen, für Leute, bei denen die Wurst auf Kanapees geometrische Mustern haben muss, damit sie bloß nicht mehr an ihren Ursprung erinnert. Immerhin eine Frau macht mit beim Waidwerk: Jennifer Pörtner, die Jungförsterin. Eine "Strecke" ist das, was nach zwei Stunden Drückjagd im Forst zusammengezählt wird: Am Mittwochmittag sind es 15 Wildschweine, sieben Rehe und ein Fuchs, die Forstdirektor Christian Weigel "verblasen" lässt. Im letzten Akt dieser Staatsjagd hat Wildbrethändler Holger Riemer aus Bergfeld bei Gifhorn seinen Soloauftritt. Er lädt das tote Getier in den Kühlanhänger - damit daraus später Salami, Wildschweinbraten oder Gulasch wird. Am Mittwochmorgen hatten Forstdirektor Weigel und Revierförster Karl-Heinz Strohmeyer auf dem Parkplatz beim Kieswerk Reese zum Jagdauftakt rund 40 Treiber und Jäger begrüßt. Dann rollt eine Autokolonne ins Möllenbecker Gehölz, das großräumig, einschließlich der Kreisstraße nach Krankenhagen, für die Drückjagd der Staatsforst abgesperrt worden ist. Der Schusswechsel im Buchenwald gestaltet sich ausgesprochen einseitig. Doch ohne Risiko ist eine Wildschweinjagd nicht: Eine Bache, berichtet ein Jäger später, habe ihn angegriffen, nachdem er einen Frischling (sprich Wildschweinnachwuchs) erschossen, pardon, "erlegt" hatte. Und die Geschichte vom Hohenroder Förster Torsten Buchholz macht die Runde, den ein Keiler erheblich verletzt hatte. Seitdem, so erzählt einer der Hundeführer, trageer keilersichere Hosen mit einem Gewebe, dass auch einer Kettensäge standhält. Die übliche Scherzfrage an die "Frischlinge" unter den Treibern stellt Werner Pilz: "Kannst Du denn auch schnell genug auf Bäume klettern?" Drückjagd heißt, die Schützen warten auf Hochsitzen verstreut im Wald, bis ihnen ein Wildbretbraten in noch unverderblicher Form vor die Flinte läuft. Der Rest der Jagdgesellschaft stapft zu Fuß durchs Unterholz, bergauf, bergab, laut lärmend mit grellen Jacken und orangefarbenen Hutbändern - wer will schon mit einem Keiler verwechselt werden. Die Border Collies und Harrier von Stefan und Guido Krinke und Jens Birkenhauer tun, was ein "normaler" Hund im Wald auf gar keinen Fall darf: Nämlich nach Herzenslust hinter dem Wild herhetzen. Schnell sind alle aus dem Sichtfeld verschwunden, nur ihr Gebell verrät, wo sie im Dickicht herumstöbern. Und die Wildschweine tun, was jeder tun würde, wenn auf ihn geschossen wird: Abhauen, so schnell es geht. Möglicherweise hatte es sich unter den Möllenbecker Sauen herumgesprochen, dass Staatsjagden an der kaum 200 Meter entfernten nordrhein-westfälischen Grenze enden, deshalb machen sich ganze Rotten dorthin auf die Flucht. Es ist trotzdem die falsche Richtung. Auch kurz vor der Grenze sitzen Jäger, einer schießt gleich zwei "Überläufer" hintereinander. So um die 60 Meter beträgt das Schussfeld eines Jägers in diesem Gelände, doch nicht jeder Schuss trifft. Nach dem wilden Geballere in den zwei Stunden hätten nicht 23, sondern mindestens fünfzig Tiere tot im Laub liegen müssen. Vor Altförster Reinhold Siegmann geht ein Schwein hinter einem Baum in Deckung, dort bleibt die Kugel stecken. Auch Christian Weigel bedauert wie manch anderer: "Sie waren zu schnell, zu weit weg." Ein prächtiger Keiler, berichtet ein Jäger, sei rund um seinen Hochsitz gelaufen: "Der wusste wohl, dass ich ihn nicht schießen durfte." Ordnung muss sein, gerade bei einer Jagd. Jedes erlegte "Stück" wird aufgelistet und erhält von Heiko Brede, dem Naturschutzbeauftragten, eine Ohrmarke. Und an der Sammelstelle wartet Dr. Hubertus Even vom Bückeburger Veterinäramt, um Blutproben zu nehmen - nicht von den Jägern, während der Jagd herrscht Alkoholverbot - sondern von den Wildschweinen wegen der Schweinepest. Da liegen sie also, das Fell, die Schwarte, wie die Jäger sagen, noch blutverschmiert. Und während Weigel den Schützen einen Tannenzweig ("Bruch") an den Hut steckt und Jagdhornbläser ihr "Halali" anstimmen, fragt man sich, ob die armen Schweine zu bedauern sind. Im Prinzip ja, denn zumindest eins dieser Schweine habe ich vorher noch munter durchs Unterholz flitzen sehen. Jetzt ist es tot. Doch vermutlich ist es immer noch besser, ein wildes, freies Leben im Dickicht mit einem Blattschuss zu beenden, als nach Ferkelbox, Zwangsmast, Viehtransport und Elektroschock unter dem Metzgermesser am Schlachthoffließband. Und man kann es auch so sehen: Jäger machen den Job von Luchs, Wolf und einem Winter, wie es ihn bei uns nicht mehr gibt. Übrigens: Zurzeit ist Wildbret preiswert. Das Kilo Reh gibt es ab 3,50 Euro, Wildschwein zwischen 2,50 und 3 Euro. In diesem Sinne: Guten Appetit!

Zwei Treiber tragen ein Reh aus dem Unterholz.
  • Zwei Treiber tragen ein Reh aus dem Unterholz.
Reine Metzgerarbeit: Hier werden die Wildschweine am Wegesrand "
  • Reine Metzgerarbeit: Hier werden die Wildschweine am Wegesrand "aufgebrochen".
Auch das gehört zum Handwerk der Jagd - die erlegten Wildschwein
  • Auch das gehört zum Handwerk der Jagd - die erlegten Wildschweine werden vom Hänger gezogen.


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