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Kann die Roboter-Robbe Pfleger ersetzen?

Die dicke weiße Babyrobbe sieht wirklich niedlich aus. Große schwarze Augen, lange Schnurrbarthaare und ein rundes Knuddelköpfchen, über dessen weiches Fell man sofort streicheln will. Man könnte sie für ein normales Kinderzimmer-Kuscheltier halten, würde sie einem nicht als „Roboter-Robbe“ vorgestellt, dazu gedacht, die Arbeit mit altersverwirrten Menschen in Seniorenheimen zu erleichtern. Eine ausgefeilte Technik im Inneren des knapp drei Kilo schweren Pelztierchens reagiert feinfühlig mit Augenaufschlag, Kopfdrehung und Piepsen auf Streicheln, Drücken und die menschliche Stimme. Ein Roboter, der mit dementen Menschen kommunizieren soll, gar als Ersatz für die Ansprache durch das Pflegepersonal konstruiert worden ist. In Schaumburg und Hameln-Pyrmont ist die Therapie-Robbe nicht im Einsatz – noch nicht?

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Autor:

Cornelia Kurth

Als die Filmemacherin Annette Wagner letztes Jahr im Bremer Seniorenheim „Haus O’land“ auftauchte und fragte, ob sie eine Dokumentation über den Einsatz dieses kleinen Roboters bei der Altenpflege drehen dürfe, waren Heimleitung und Pflegedienstleiterin Susanne Greulich nicht gerade begeistert. „Einerseits reizte uns das Experiment durchaus. Andererseits fürchteten wir um den Ruf unseres Hauses“, so Susanne Greulich. „Die Angehörigen sollten ja nicht am Ende denken, dass wir Personal sparen wollen, indem wir Maschinen statt Menschen einsetzen. Eine Roboter-Robbe, die vorspielt, sie könne eine Beziehung zu unseren Bewohnern haben, das klang für uns schon beinahe zynisch.“

Damit drückt sie aus, was viele Menschen denken, wenn sie von dem „Therapie-Roboter“ hören. Darf man sich dem oft sehr schwierigen Umgang mit Alzheimer-Erkrankten oder überhaupt altersverwirrten Menschen entziehen, indem man sie Robotern überträgt? Ihre oft verdrehte Wahrnehmung der Realität ausnutzen und – sie erkennen ja eh oft nicht mehr, mit wem sie eigentlich sprechen – ein künstliches Gegenüber beauftragen, sich mit ihnen zu beschäftigen? Wie wäre es überhaupt, wenn Roboter Aufgaben von Pflegern übernehmen und damit die angespannte Personalsituation in Pflegeheimen entlasten würden?

Natürlich kommt die Roboter-Robbe aus Japan und ist nur eine von ähnlichen Erfindungen, die im japanischen Alltag bereits eine gewisse Selbstverständlichkeit gewonnen haben. Roboter stehen an Hotelrezeptionen oder im Klassenzimmer, Maschinen mit menschenähnlichem Äußeren arbeiten in Unternehmen, und nicht zuletzt stammt auch das berühmte „Tamagotchi“ aus Japan, dieses Mini-Haustier, das auf dem Bildschirm eines kleinen Elektro-Gerätes erscheint und rund um die Uhr versorgt sein will. So intensive Gefühle entwickelten auch deutsche Kinder zu diesem Kunstwesen, dass viele Tränen flossen, wenn ein Tamagotchi aus Unachtsamkeit krank wurde oder gar „starb“.

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Erfinder Takanori Shibata, der die Roboter-Robbe entwickelte und ihr den Namen „Paro“ gab, er fand nichts dabei, ein Kuscheltier zu entwerfen, das zunächst als Gesellschafter für einsame Menschen gedacht war, die vielleicht gern Hund oder Katze hätten, sich aber, eher typisch für Japaner, vor den dabei unvermeidlichen Hygieneproblemen fürchten. Bisher wurden weltweit etwa 1700 „Paros“ verkauft, nicht wenig, wenn man den Anschaffungspreis von knapp 5000 Euro bedenkt. Takanori Shibata kam selbst nach Deutschland, um seine Schöpfung hier vorzustellen und Werbung dafür zu machen, dass sie in Seniorenheimen einen Platz finden sollte. Bisher allerdings sind es nur eine Handvoll Institutionen, die sich darauf eingelassen haben.

„5000 Euro soll sie kosten?“, fragt Karsten Lindenau, Leiter des Seniorenheimes „Ramsauers Mühle“ in Hessisch Oldendorf. „Da kann ich nur lachen! Dieselbe Wirkung lässt sich doch ganz einfach auf andere Weise erreichen, mit lebendigen Wesen!“ Zum Konzept seines Hauses – und das ist auch in anderen guten Heimen üblich – gehört es, dass Kinder der Angehörigen, auch kleine Babys, gern gesehene Gäste sind. Regelmäßig auch kommen Hundebesitzer aus dem nahen Hundesportverein vorbei, damit die alten Leute mit den freundlichen Tieren schmusen können. „Das sind wahre Seelenöffner“, meint Lindenau. „Außerdem haben wir Kaninchen und Meerschweinchen. Wir brauchen keine Roboter-Robbe.“

Die Hundebesitzer absolvieren eine spezielle Schulung im Hessisch Oldendorfer Hundesportverein. „Wir üben mit den Tieren, dass man sie auch mal an Ohr und Schwanz ziehen und auf den Schoß nehmen darf,“ beschreibt die Vorsitzende Brigitte Stock die Arbeit mit den Hunden. „Man merkt, wie gerade unruhige Leute viel ausgeglichener werden, wenn sie mit einem der Hunde Kontakt aufnehmen.“ Ralf Ober, Leiter vom Rintelner Seniorenheim in der Landgrafenstraße, wo ebenfalls regelmäßig der Tierbesuchsdienst vorbeischaut, kann das nur bestätigen. „Bei uns gibt es auch zwei von vielen geliebte Hauskatzen“, sagt er. „Die sind so selbstständig, dass sie von ganz allein in ein Zimmer spazieren.“

So etwas kann die Robbe nicht. Bei aller Sensorik in ihrem Körper braucht sie doch den Puppenspieler als Vermittler zwischen Mensch und Maschine. So ist es wohl kein Wunder, dass Ole im Bremer Haus O’land längst nicht mehr so viel zu tun hat, seit die fünfmonatige Drehzeit im letzten Jahr zum Dokumentarfilm „Roboter zum Kuscheln – Heilsam für Demenzkranke?“ vergangen ist. Er wurde zu einem Therapie-Mittel unter vielen anderen - und die Frage, ob es richtig sein kann, dass Roboter statt pflegende Menschen sich um demenzkranke Heimbewohner kümmern, sie stellt sich im Ernst wohl erst in ferner Zukunft.

„Inzwischen lache ich über all unsere Befürchtungen“, sagt Susanne Greulich aus dem Haus O’land. „Unsere Fantasie hat uns da wohl einen Streich gespielt.“ Neben ihr, in einer Art Hundekörbchen, liegt die dicke Robbe, die hier „Ole“ heißt, friedlich schlummernd, mit einem Nuckel im Maul, der ihren Akku auflädt. Wie ein Roboter, der das Leben und die Arbeit im Seniorenheim revolutionieren könnte, sieht sie wirklich nicht aus. „Die Robbe hat wenig von dem, was man sich unter einem Therapie-Roboter der Zukunft vorstellen könnte“, meint Greulich. „Sie ist eher so etwas wie eine weiterentwickelte Handpuppe. Ohne jemanden, der mit ihr unter dem Arm auf die dementen Bewohner zugeht und sie anspricht, passiert nicht viel. Ja, die Technik gaukelt ein lebendiges Wesen vor, aber eigentlich sind es die Pfleger, die ihr das Leben einhauchen.“

Im Haus O’land wohnen etwa 100 Senioren, die alle an Demenz erkrankt sind. Mit dieser Erkrankung verbunden ist oft ein depressives Gefühl der Leere und existenziellen Verlorenheit, das sich nicht ohne Weiteres von außen durchbrechen lässt. In dem Therapiezimmer, wo sich auch Ole ausruht, befinden sich jede Menge Utensilien, die dazu dienen, die alten Menschen anzustupsen, Erinnerungen wachzurufen, einen Gesprächsanlass zu bieten oder einfach nur die Stimmung aufzuhellen: Bilderbücher, eine altmodische Pelzmütze, Massagebälle, wohlriechende Öle, Spielzeug, Klangkörper.

„Die meisten Demenzkranken haben ihre Erinnerung verloren. Und das bedeutet: ihre Identität“, so Greulich. „Es gibt viele Möglichkeiten, verschüttete Erinnerungen wieder hervorzurufen. Die Roboter-Robbe ist eine davon. Von Ole gehen ziemlich starke Reize aus. Es ist vor allem Fürsorge, die er auslöst, Fürsorge und Zärtlichkeit.“ Wenn sie oder andere Mitarbeiter des Hauses die Robbe auf den Arm nehmen und damit durch die Flure oder auf ein Zimmer gehen, müssen die alten Menschen nicht reden, nicht auf verwirrende Fragen antworten, sie können einfach streicheln, die Robbe am Hals kraulen, und schon schlägt sie die Augen auf, fiepst aufmunternd, bewegt den Schwanz und scheint sich anzuschmiegen. Bei schwer dementen Senioren ist es schon viel, wenn daraufhin ein Lächeln auf ihrem Gesicht erscheint. „Da öffnet sich dann ein Spalt, aber den kann nicht Ole offenhalten, den müssen wir Pflegende nutzen“, sagt Greulich.

Wer die Robbe auf dem Arm hält, setzt sich neben den alten Menschen, streichelt das Kuscheltier ebenfalls, man rätselt gemeinsam über die Bedeutung seiner Gesten und seiner Geräusche, und so manches Mal ergibt sich ein kleines Gespräch über Kinder, Haustiere, über das Gefühl der Freundschaft oder einfach darüber, wie niedlich Ole ist. „Bist Du auch so allein wie ich?“, sagt eine alte Frau und beugt ihren Kopf über das Pelztier. Eine andere, gefragt, ob sie Ole auf den Schoß nehmen wolle, meint: „Och, der will doch gar nicht zu mir … “ – und dann will er eben doch, wie schön.

Sie ist drei Kilo schwer und kostet 5000 Euro. Dafür zwinkert sie und spricht. Die in Japan entwickelte Roboter-Robbe „Paro“ kommt in der Pflege von Demenzkranken zum Einsatz. Was heimische Experten von dieser Art Therapie und von Cyber-Pflege halten.

Im Seniorenheim „Haus O’land“ läuft ein Testversuch mit der sprechenden und fühlenden Robbe. Bei dementen Senioren soll sie Reaktionen hervorrufen.

Unter dem weißen, weichen Fell der Robbe befinden sich Sensoren, mit denen der Roboter Berührungen registrieren kann. Der rosafarbene Nuckel dient zur Stromversorgung. Damit wird der Akku der Robbe aufgeladen.

Fotos: cok



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