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Kandidatin für Migrationsrat: Arbeit ist ihre Therapie

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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Heute, 35 Jahre später, sitzt sie in einem kleinen Büro in der Roten Schule und telefoniert: zwischen arabische Sätze mischen sich deutsche Begriffe wie Sachbearbeiter oder Namen von Beamten – am anderen Ende der Leitung braucht jemand Hilfe bei einem Asylbescheid. Wenn sie müsste, könnte sie auch tigrinisch, ihre Heimatsprache, deutsch oder englisch sprechen. „Am besten kann ich aber italienisch“, sagt sie, denn Eritrea war früher eine italienische Kolonie. Jobe hat italienische Schulen besucht, ihre Eltern sprachen auch italienisch mit ihr. Arabisch hat sie gelernt, weil sie im Grenzgebiet zum Sudan aufwuchs.

Überhaupt ist die Sprache ihr Werkzeug: Als Integrationslotsin und Dolmetscherin vermittelt sie regelmäßig zwischen Behörden, Flüchtlingen und deren Familien. „Ich beobachte, versuche immer wieder zu schlichten, zu erklären“, sagt sie. Flüchtlinge stünden in Deutschland doppelt unter Druck: Der deutsche Staat erwarte von ihnen, dass sie alle Formulare richtig ausfüllen und Kurse besuchen, während die Familien in der Heimat weiter leiden. „Da berichten Eltern dann am Telefon, wie die Bomben fallen“, erzählt Jobe. Berichte, die die oft von der Flucht traumatisierten Menschen nur schwer aushalten können.

Als Unterstützung macht Jobe Hausbesuche, redet mit Angehörigen über Skype, begleitet Frauen zu Ärzten. Aber nur, soweit die Hilfe auch nötig ist. „Manchen sage ich auch direkt: Das kannst du auch alleine.“

Stunden zählt sie nicht, Feierabend kennt Jobe auch nicht. „Ich mache das aus Dankbarkeit“, erklärt sie, „andere, die hier geboren wurden, stehen auch auf und helfen. Das müssten sie nicht.“ Dann ergänzt die heute 58-Jährige noch: „Die Flüchtlinge von heute haben es besser als damals.“ Obwohl Jobes Familie nicht arm war, als sie vor dem Unabhängigkeitskrieg in Eritrea flüchtete, musste Jobe zwischenzeitlich in Räumen mit zwölf Menschen oder mehr leben. Beim Essen habe man damals auch keine Rücksicht auf Religion oder Kultur genommen. „Heute wird darüber gesprochen. Damals interessierte das niemanden.“

Ihre eigene „Therapie“, wie sie es nennt, ist ein Job in einer Pizzeria. Dort, in der Küche, kann sie abschalten, sich von den traurigen Schicksalen und belastenden Geschichten etwas distanzieren. Sonst stehe ihre Tür immer offen, „aber dort darf niemand vorbei kommen und das weiß jeder.“

Für den Migrationsrat, der den Landkreis in Sachen Integration seit 2013 berät, hat sie sich aus einem ganz bestimmten Grund aufstellen lassen. „Flüchtlinge, Migranten, Einwanderer, es wird oft alles in einen Topf geworfen.“ Jobe möchte, dass es Integrationsangebote für jede Bevölkerungsgruppe gibt, nicht nur für Flüchtlinge. Andere Migranten bräuchten genauso Angebote zur Integration.

Sollte sie gewählt werden, erwartet Jobe nicht wesentlich mehr Arbeit. Als Mitglied des Migrationsrats wäre sie eine Vermittlerin zwischen gebürtigen Deutschen, Behörden und Migranten. Eine Position, die sie mit ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten in Bad Münder nach ihrer Überzeugung ohnehin schon einnimmt.

Die Kandidaten des Migrationsrats stellen sich am Montag, 17. Oktober im Rathaus in Bad Münder vor. Die bisherige Vorsitzende des Gremiums ist die münderanerin Katharina Heindorf, die nicht mehr antritt. Gewählt wird am Mittwoch, 2. November, per Briefwahl. Die Wahlunterlagen müssen beim Landkreis beantragt werden.



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