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Kampf um die besten Köpfe hat begonnen

In einem sind sich die Fachleute einig: Der doppelte Abiturjahrgang mache die Lage auf dem Ausbildungsmarkt nicht generell einfacher. Der Wegfall der Wehrpflicht komme erschwerend hinzu. Wenn es auch nicht die Masse der Abiturienten ist, die in die klassischen Ausbildungsberufe strebt, so ergibt sich dennoch derzeit noch allein durch die Vielzahl der Bewerber zumindest für die Ausbildungsbetriebe eine komfortable Situation.

Die Firma Paul Lohmann will in Ausbildung investieren: In diesem Jahr soll es doppelt so viele neue Azubis geben wie gewohnt. Fo

Autor:

Matthias Rohde

Dieses Bewerber-Überangebot allerdings könnte bereits im nächsten Jahr Geschichte sein. Deswegen ist es für die heimischen Unternehmen gerade jetzt wichtig, für die Zukunft zu planen und den Fokus auch und gerade auf die Schüler zu richten, die bei der Erlangung eines Schulabschlusses Unterstützung benötigten. Die Schulleiterin der Elisabeth-Selbert-Schule, Gisela Grimme, meint: „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sollte die Gesellschaft insgesamt alles daran setzen, jeden Schüler so zu unterstützen, dass die Ausbildungsfähigkeit gesichert wird.“ Je früher man sich um die Bildung der Kinder und Jugendliche bemühe, desto besser, so Grimme.

Und die Pressesprecherin der Hamelner Arbeitsagentur, Christina Rasokat, bläst ins gleiche Horn, wenn sie sagt: „Der ehemalige amerikanischer Präsident John F. Kennedy hat einmal gesagt: ‚Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“

Zahlreiche Aktionsprogramme von Verbänden, der Arbeitsagentur und anderen Institutionen sollen dem bevorstehenden Fachkräftemangel entgegenwirken und gleichzeitig jedem jungen Menschen eine berufliche Perspektive geben. Der Verband der niedersächsischen metallverarbeitenden Industrie, „Niedersachsen Metall“, ist eine solche Organisation, die sich mit ihrer Aktion ganz gezielt den Hauptschülern zuwendet. Der Pressesprecher des in Hannover ansässigen Verbands, Werner Fricke, betont: „Ein wichtiger Bestandteil unseres Aktionsprogramms ‚Brücken in die Aus- und Weiterbildung‘ ist die Chance der Hauptschüler auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Deswegen haben wir für unsere Mitgliedsunternehmen einen Fördertopf eingerichtet. aus dem jedes dieser Unternehmen, das einem Hauptschüler einen Ausbildungsplatz zur Verfügung stellt, 5000 Euro erhält.“ Dies sei ein niedersächsischer Sonderweg und auf 2011 befristet, betont der Pressesprecher.

Fricke verweist darauf, dass sein Verband mit dieser Aktion seine sozialgesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen versuche, denn: „Lediglich fünf Prozent der Auszubildenden in der Metallindustrie sind Hauptschüler. Diese Quote hat langfristig keine Perspektive. Arbeitgeber sollten sich schon jetzt auf die Änderungen der Demografie einstellen.“

Eine weitere, speziell auf die heimische Region zugeschnittene Ausbildungsoffensive ist der heute im Weserbergland-Zentrum, im Theater und in den Räumen der Arbeitsagentur stattfindende Hochschulinformationstag (HIT) der Hamelner Arbeitsagentur. Er wird bereits zum fünften Mal veranstaltet. Neben einer ganzen Reihe von Universitäten stellen sich auf dieser Ausbildungsmesse auch knapp ein Dutzend Unternehmen der heimischen Region vor. Deswegen lautet das Motto des HIT in diesem Jahr: „Der große Studien- und Berufstag“. Allerdings: „Wir haben einerseits die Anzahl der Unternehmen begrenzt, andererseits die Vorgabe gemacht, dass die teilnehmenden Unternehmen eine Ausbildung des dualen Studiums anbieten“, so Rasokat.

Analog zu dem unlängst in der Schule in der Südstadt veranstaltetem Ausbildungsplatz Speed-Dating (wir berichteten) findet heute ebenfalls ein Job-Speed-Dating statt. „Das Interesse an dieser Veranstaltung ist sehr groß“, berichtet die Pressesprecherin. Mehr noch: Für diesen Teil des HIT haben sich so viele Interessenten angemeldet, dass eine Vorauswahl getroffen werden musste. Die Pressesprecherin verweist dabei darauf, dass die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in diesem Jahr zwar sowohl für die Arbeitgeber, als auch für die Bewerber höchst komfortabel sei. Der Trend des letzten Jahres jedoch, in dem nämlich die Zahl der bei der Arbeitsagentur gemeldeten freien Ausbildungsplätze deutlich zurückgegangen sei, kehre sich ganz aktuell um. Genaue Zahlen allerdings, so Rasokat weiter, könne man erst Ende März präsentieren.

Nicht nur wegen der großen Anzahl Bewerber, die in diesem Jahr auf den Arbeitsmarkt strömen, sei die Situation im Weserbergland komfortabel, erklärt der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Unternehmen im Weserbergland (AdU), Dieter Mefus: „Die heimische Wirtschaft hat in den letzten Jahren gute Arbeit in Sachen Ausbildung geleistet.“ Man könne sich die richtigen Auszubildenden schließlich nicht backen, so Mefus weiter, der der Meinung ist, dass es für die Wirtschaft keine Perspektive ist, in klassischen Ausbildungsberufen Abiturienten zu bevorzugen. „Natürlich haben viele Bewerber einen Traumjob, aber eine Garantie auf den wunschgemäßen Ausbildungsplatz darf damit nicht verknüpft werden.“ Flexibiltät sei gefordert, ist immer wieder zu hören. Das gelte aber keineswegs nur für die Bewerber, wie die Experten nachdrücklich betonen. Mefus: „Gerade vor dem Hintergrund, dass die Anzahl an geeigneten Bewerbern in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat, ist es wichtig, dass alle Beteiligte auf dem Ausbildungsmarkt flexibel bleiben.“ Das gelte auch für die Arbeitgeber und: Bereits durch unzureichende Bewerbungsunterlagen fielen möglichen Kandidaten schon realtiv früh durchs Raster. „Wir müssen auch die Eltern bei der Berufsausbildung ihrer Kinder stärker mitnehmen und sie zum Beispiel davon überzeugen, wie wichtig eine ordentliche Bewerbung ist.“

Fricke, dessen Verband rund 300 Unternehmen aus Niedersachsen und damit auch Firmen des Weserberglandes, wie zum Beispiel Lenze, die Aerzener Maschinenfabrik oder Volvo-ABG mit insgesamt 90 000 Beschäftigten vertritt, ist der Auffassung, dass eine von allen Beteiligten größtmögliche Flexibilität nötig sei. „Wir arbeiten als Verband mit rund 140 Schulen zusammen und sensibilisieren die Unternehmen für das Thema Ausbildung.“

Bei der Emmerthaler Firma Dr. Paul Lohmann hat man die Zeichen der Zeit erkannt: Mit einer hauseigenen Ausbildungsinitiative sollen in diesem Jahr in der Unternehmensgruppe anstatt der sonst üblichen 16 neuen Auszubildenden 32 eingestellt werden. Wie der stellvertretende Personalleiter des Unternehmens, Christian Oesterwinter, erklärt, reagiert man mit diesem Nachwuchsaufbau einerseits auf die Altersstruktur in der Firma, andererseits aber auf die demografische Entwicklung in der Region. Nach aktiver Azubi-Werbung der Firma an Schulen und unter Mitarbeitern seinen von den 32 Lehrstellen bereits 18 vergeben, so Oesterwinter; Mit den 14 noch offenen Angeboten – die Palette reicht hier vom Lageristen bis zum Bachelor of Science – wolle man heute auf der HIT antreten.

Das Jahresmotto „Ausbildungsoffensive“ hat sich auch die Aerzener Maschinenfabrik für 2011 auf die Fahnen geschrieben: Auch hier will man wie üblich über den eigenen Bedarf ausbilden und 15 neue Azbis einstellen. In Kooperation mit der Fachhochschule Weserbergland werden auch bei der Aerzener Maschinenfabrik Studienplätze angeboten. Insgesamt werden bei der Aerzener Maschinenfabrik alljährlich rund 50 Auszubildende beschäftigt.

Und auch bei Lenze setzt man auf zukunftsgerichtete Ausbildung, um sich im Wettlauf im zu erwartenden Fachkräfte- und Ingenieurmangel im Kampf um die besten Köpfe gut zu positionieren. Mit 24 Auszubildenden wird Lenze 2011 mehr einstellen als in den Vorjahren. Und auch dieses Unternehmen mit Sitz in Groß Berkel wird in Zusammenarbeit mit der Hochschule Weserbergland und der Hochschule Ostwestfalen-Lippe duale Ausbildungswege zum Betriebswirt und Ingenieur anbieten und Studien finanziell unterstützen.

Beim Landkreis indes blickt man mit Sorge in die Zukunft. Erst unlängst hat Landrat Rüdiger Butte angekündigt, den Versuch zu unternehmen, die Chancen für benachteiligte Jugendliche zu verbessern. Ginge es nach Butte, so sollten Ausbildungsbetriebe mit 400 Euro gefördert werden, die Jugendliche einstellen, die „nicht ganz so gute Noten“ hätten. Andreas Manz, oberster Wirtschaftsförderer der Landkreisverwaltung, meint: „Wir haben nicht genug Ausbildungsplätze in der Region, und genau deswegen haben wir Überlegungen auf den Weg gebracht, ob wir hier einen finanziellen Anreiz schaffen können.“ Die Pressesprecherin der Hamelner Arbeitsagentur, Christina Rasokat, die diesen Vorschlag begrüßt, meint: „Wir haben den Landkreis entsprechend beraten, allerdings ist das eine Entscheidung, die in den Händen der Politik liegt.“

Eines ist für Rasokat bei allen Überlegungen und Anstrengungen, die am Ausbildungsmarkt unternommen werden wichtig: „Die Anforderungen an die Auszubildenden sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten stetig gestiegen.“ Neue Berufsbilder seien in der Regel mit höheren Anforderungen verbunden gewesen. Und wie Mefus ist sie der Ansicht, dass man sich die richtigen Bewerber nicht herbeizaubern könne, sondern gegebenenfalls Berufsbilder entwickeln müsste, die der Leistungsfähigkeit der zur Verfügung stehenden Bewerber entsprächen.

Heute zwischen 10 und 17 Uhr finden im Weserberglandzentrum und im Theater im Rahmen des HIT zahlreiche Veranstaltungen statt. Über 50 Fachvorträge zu Themen wie „Karriere in der Heimat“, „Wege ins Ausland“, „Architektur vs. Bauingenieurwesen“ und anderen werden den ganzen Tag über angeboten. Ab 14 Uhr wird bei einer Podiumsdiskussion über die Unterschiede zwischen Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien gesprochen. Das stark nachgefragte Speed-Dating findet zwischen 12 und 16 Uhr statt. Weitere Informationen zum HIT sind im Internet unter www.hit-hameln.arbeitsagentur.de zu finden.

Wenn es um die Ausbildung junger Menschen geht, mehren sich die Stimmen derer, die mit begründeter Sorge in die nahe Zukunft blicken. Denn noch kommen auf die verfügbaren Ausbildungsplätze eine Vielzahl von Bewerbernr, aber schon in weniger als fünf Jahren dürfte sich dieses Verhältnis dramatisch umgekehrt haben, vermuten die Experten: Azubi werden Mangelware.



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