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Überall im Land starten Abc-Schützen in einen neuen Lebensabschnitt – die meisten können den Schulanfang kaum erwarten

„Jetzt ist der Kleine auch schon groß“

„Also lautet der Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Von den gewichtigen Worte des Wiedensahler Dichters und Weisen Wilhelm Busch sind nach den Sommerferien in Schaumburg 1400 Kinder besonders betroffen. Für die fünf- oder sechsjährigen Jungen und Mädchen beginnt der sogenannte Ernst des Lebens, sie kommen in die Schule. Eine Nachfrage bei Abc-Schützen in Stadthagen und Nienstädt ergab, dass der viel beschworene „Ernst“ einen falschen Namen trägt. Keinesfalls als bedrohlich oder düster empfinden die Kinder ihren Schritt in den neuen Lebensabschnitt. Dieser wird eher mit viel Vorfreude und Spannung erwartet.

Autor:

Vera Skamira

„Jetzt ist der Kleine auch schon groß.“ Margarete Serbest erfasst Wehmut, wenn sie an den ersten Schultag von Sohn Raoul (6) denkt. Tochter Deniz ist schon neun Jahre alt. Raoul jedoch sieht der Schule mit einem Lachen entgegen und packt stolz seinen Ranzen aus – blau-orange mit „Dinos“ drauf.

„Ich freu mich“, sagt Raoul und zieht aus dem Ranzen einen „Rubik’s Cube“, einen Zauberwürfel, an dessen Lösung sich auch Erwachsene die Zähne ausbeißen. Rechnen zieht Raoul den musischen Fächern vor, er hat im Kindergarten einmal an einem Matheprojekt teilgenommen. „Da war ich drei“, erinnert sich der Sechsjährige. Fremd erscheint ihm die Schule nicht. In einer Schulrallye haben Raoul und seine Kindergartengruppe die Grundschule Nienstädt kennengelernt.

Und: „Ich hab ganz viele Freunde in meiner Klasse“, berichtet er. Seine Kumpel kennt er aus dem Kindergarten. „Er war in einer Ganztagsgruppe, ein eingefleischter Verein“, sagt Mutter Margarete, die eine Vollzeitstelle in einem Baumarkt ausfüllt, und lacht. Um sich fotografieren zu lassen, schnappt Raoul einen Ball und läuft in den Garten, wo ein Tor aufgebaut ist. Raoul spielt Fußball in der Jugendspielgemeinschaft Nienstädt-Liekwegen. Auf diesen Sport muss er nicht verzichten, wenn die Schule losgeht. Wesentliches hat Bestand. Dennoch erscheint der neue Lebensabschnitt auch ein wenig wie eine Wundertüte.

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Der sechsjährige Max Schwanke freut sich „auf das Lesen, Rechnen und Schreiben“ in der Grundschule.

Stolz zieht Linnea (6) ihren Trolley nach draußen – nicht um zu verreisen, denn der Trolley ist kein Koffer auf Rädern, sondern ein Ranzen. Das kann Linnea nicht mit Worten beschreiben, ihr Sprachvermögen ist eingeschränkt. Die Tochter von Torsten und Christiane Rolke aus Sülbeck ist mit dem Downsyndrom zur Welt gekommen.

Bislang besuchte Linnea den heilpädagogischen Kindergarten Jägerhof an der Habichhorster Straße in Stadthagen. Am 3. August wechselt sie in die Bürgerwaldschule am Ostring, ebenfalls eine Einrichtung der Lebenshilfe. Die Tagesbildungsstätte (Tabi) ist eine staatlich anerkannte Schule, lehnt sich mit dem Kerncurriculum an die Förderschulen für Kinder mit geistiger Behinderung an.

Eine solche könnte Linnea ebenfalls besuchen oder vielleicht eine Integrationsklasse an einer normalen Grundschule. Rolkes haben sich für die „Tabi“ entschieden, „weil Linnea mit kleineren Strukturen besser zurechtkommt“, erklärt Torsten Rolke, selbst Lehrer. In der Bürgerwaldschule liegen die Schwerpunkte eher auf dem Vermitteln von Fertigkeiten für den Alltag und in der Förderung der Selbstständigkeit. Und in den kleinen Gruppen mit maximal acht Kindern seien die Mädchen und Jungen behüteter als in Klassen mit 20 bis 28 Kindern, glaubt Rolke.

„Ein Stück weg von Mutter und Vater“

Lesen, schreiben und rechnen stehen auch in der „Tabi“ auf dem Stundenplan. Außerdem könnte Linnea jederzeit in eine andere Schule wechseln. Linneas Zwillingsbruder Kjell, der nicht das Downsyndrom hat, besucht die Grundschule Nienstädt. Vater Torsten sieht dem Tag der Einschulung mit gemischten Gefühlen entgegen. Natürlich sei es „toll und wichtig“, dass die Schule beginne. Rolke: „Man sieht, dass sie groß werden. Sie sind noch Kinder, aber sie gehen ein Stück in die Welt der Erwachsenen. Und das bedeutet gleichzeitig, ein kleines Stück weg von Vater und Mutter.“

Am nächsten Samstag, 8. August, beginnt für Jette Foraita (5) der sogenannte Ernst des Lebens. Das beunruhigt die Fünfjährige, die mit Mutter Ilka und Vater Axel an der Obernstraße wohnt, nicht im geringsten. Jette freut sich „auf die Schultüte und ganz doll, dass ich meine Lehrerin kennenlerne“. Die heißt „Frau Riemekasten“. Jette hat bereits ein Ziel fest im Auge, will vor allem lesen lernen. Jette: „Ich will meiner Schwester die Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.“ Schwester Hanne ist drei Jahre alt.

Bei Foraitas dreht sich zurzeit „alles um die Schule“, beschreibt Mutter Ilka. Am Einschulungstag ist denn auch die ganze Familie dabei – Papa, Mama, Schwester, Cousinen, Oma und Opa. Zuerst geht es in die Martini-Kirche zum Einschulungsgottesdienst, danach in die Schule. Und erst dann will Jette die Schultüte auspacken. „Das bringt Glück“, behauptet die Fünfjährige. Der Kindergarten ist noch nicht vergessen. „Ja“, sie sei ein bisschen traurig, dass die Zeit in der „Schatzkiste“, dem evangelischen Kindergarten an der Stadthäger Büschingstraße, vorbei sei, bekennt Jette. Zum Abschied haben alle Kinder im Kindergarten geschlafen.

Evas Zimmer ist ein Traum aus rosa und lila Farbtönen und super aufgeräumt. Stolz sitzt die Sechsjährige im Schneidersitz auf ihrem Himmelbett und zeigt ihren Ranzen. Evangelia Sofia Topalidou – kurz Eva genannt – kommt auch am nächsten Samstag in die Schule, lässt die Zeit im evangelischen Kindergarten „Regenbogenhaus“ hinter sich. Nein, Angst habe sie nicht. Im Gegenteil. Eva freut sich, strotzt vor Selbstbewusstsein. Eigentlich hätte die kleine Stadthägerin bereits im vergangenen Jahr eingeschult werden können. Aber die Eltern entschieden für Eva, mit der Schule zu warten, „um ihr ein Jahr Kindheit zu schenken. Der Stress kommt früh genug“, meint Mutter Laura.

Evas Vater ist Grieche, Konstantios Topalidis. Einmal in der Woche besucht Eva eine griechische Schule. Außerdem nimmt sie Ballett- und Klavierunterricht. Eva spielt gern Karten und mit ihren Barbie-Puppen und ist wissbegierig. Eine Anzahl Übungsbücher für Kinder im Vorschulalter hat sie in ihrer Kindergartenzeit durchgearbeitet.

Jetzt erwartet die Sechsjährige ihren ersten Schultag mit freudiger Spannung, zumal ihre Freundinnen Lilli und Alicia mit ihr in eine Klasse gehen. Ist die Mutter traurig, dass ihre Älteste jetzt in die Schule kommt? „Das ist ja doch ein neuer Abschnitt, aber – nein, eigentlich nicht. Das ist jetzt die richtige Zeit für Eva“, sagt Mama Laura.

Bewegender letzter Tag im Kindergarten

Jette Schweer (6) aus Stadthagen war bis jetzt in der „Bärenhöhle“ beheimatet – zumindest morgens von montags bis freitags. Der Name der Kindergartengruppe vermittelt Wärme und Schutz. Jetzt tritt Jette, um beim Bild zu bleiben, aus der Höhle. Jette freut sich auf den Schulanfang. Gemeinsam mit Marla (5) aus der Nachbarschaft wird sie in einer Bank sitzen.

Angst vor dem, was sie erwartet, hat Jette nicht. Sie hat schon Vorlieben entwickelt, was den Schulstoff anbelangt: Jette rechnet gern. Mama Kathrin erfasst Wehmut. Jettes letzter Tag im Kindergarten an der Büschingstraße war bewegend. Doch jetzt ist die Mutter gespannt „wie das so weitergeht“. Zunächst steht der Einschulungstag vor der Tür. Und dafür hat Jettes Opa Max eine Schultüte gebastelt – und Oma Marta den Ranzen gestiftet. Die Großeltern sind dann auch bei der Einschulung dabei, die ganze Familie samt Paten und Tanten ebenso. Mit einem Grillfest wird Jettes erster Schultag gefeiert.

Obwohl er gern in den Kindergarten gegangen ist, freut sich der Nienstädter Till Sundermeyer (6) auf die Schule, vor allem darauf, „dass die Kleinen nicht mehr nerven“. Die Kleinen, das sind die jüngeren Jahrgänge im Kindergarten Sülbeck, den Till hinter sich lässt. Neue Gemeinschaft gibt es für Till in der Grundschule Nienstädt – aber auch alte. Till geht mit seinen Kumpels Kjell, Max, Raoul und Mika in eine Klasse. Alle waren gemeinsam in einer Ganztagsgruppe.

Wenn nun die Schule für die Jungs losgeht, kommen die erwerbstätigen Mütter von Till und Co. nicht in Schwierigkeiten. Auch die Schule bietet Nachmittagsversorgung bis 15.30 oder sogar 17.30 Uhr. Dass ihr Sohn in die Schule kommt, sieht Lita Gooßen entspannt. Räumlich ändert sich nicht viel. „Ob er da oder dahin geht“, zeigt die Mutter vom Balkon in die entsprechende Himmelsrichtung. Grundschule und Kindergarten liegen nicht weit voneinander entfernt. Und außerdem habe Till seine „Truppe“. Mutter Lita ist sich sicher: „Till geht seinen Weg.“

„Ich freue mich auf die Schule“, sagt Max Schwanke (6) und trifft damit die Gefühlslage der meisten Abc-Schützen in Schaumburg. Der Nienstädter hat bereits Buchstaben gelernt, ist gespannt auf das Lesen, das Rechnen und das Schreiben. Zu der Einschulung, zum Familienereignis, kommt eigens die Oma aus Berlin angereist – und zur Feier des Tages gehen hinterher alle gemeinsam essen.




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