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Eva Schmidt von Wühlisch zog es vor 30 Jahren nach Namibia / Farmerin aus Leidenschaft

Jenseits von Hachmühlen – ein Leben in Afrika

Farm Boxhagen/Gobabis. Vor 30 Jahren hat sie ihren Traum vom Leben in Afrika wahr gemacht – dabei wollte sie zunächst nur ein Jahr bleiben: Als 20-Jährige zog es Eva Strohmeier vom elterlichen Bauernhof in Hachmühlen nach Südwestafrika. Nach Realschulabschluss in Bad Münder und vierjähriger Ausbildung zur staatlich geprüften ländlichen Hauswirtschaftsleiterin war es die Neugier auf den fernen Kontinent, auf Erfahrungen fernab des Deisters und ein wenig Abenteuerlust, die sie nach Afrika brachten. Heute heißt sie Eva Schmidt von Wühlisch und züchtet in Namibia als Farmerin überaus erfolgreich Sangas, eine alte afrikanische Rinderrasse.

Boxhagen – das Zuhause von Eva Schmidt von Wühlisch.

Autor:

Gerhard Honig

Ihre erste Stelle in Afrika trat die junge Frau aus Hachmühlen als Haustochter bei einer Familie mit drei Kindern auf einer der ältesten Jagdfarmen im Land an. Von Beginn an war sie voll in den täglichen Betrieb involviert – „meine Aufgaben waren ziemlich vielfältig, ich lernte das, was man als das ‚eigentliche Leben‘ bezeichnet, hautnah kennen“, erinnert sie sich. Es ging um das Verarbeiten großer Fleischmengen, das Anliefern nasser Felle in der Gerberei, scheinbar endlose Autofahrten über Land, Nachsuchen des Wildes im „Veld“. Hinzu kam die Betreuung der Kinder des Hauses mit den täglichen Fahrten zur Schule und der Hausaufgabenbetreuung. Auch an für sie zunächst kuriose Umstände erinnert sie sich gerne zurück: „Die Jahreszeiten sind genau sechs Monate versetzt – Weihnachten fällt in die heißeste Zeit. Die Kerzen wurden deshalb vor dem Anzünden am Baum erst mal ein paar Stunden in die Gefriertruhe gelegt, dann brannten sie langsamer ab. Die Kekse wurden bei brüllender Hitze gebacken, und jeder wünschte sich eine Kühlkammer ganz für sich allein. Klimaanlagen waren zu jener Zeit noch rar.“ In ihrer Zeit als Haustochter lernte sie Hanko Schmidt von Wühlisch kennen, dessen Eltern bereits in zweiter Generation Farmer in Namibia waren. Die Beziehung der beiden wurde enger – „sehr zum Entsetzen meiner Eltern“, erinnert sie sich. Gemeinsam gingen sie zurück nach Deutschland – in anderthalb Jahren schafften sie sich den Grundstock für einen gemeinsamen Haushalt und eine Existenz in Südwestafrika. „Es fiel mir sehr schwer, meine Familie in Deutschland endgültig zu verlassen“, sagt Eva Schmidt von Wühlisch heute. Aber: „Ich war inzwischen verheiratet, und mein Mann Hanko wurde auf der Farm seiner Eltern dringend gebraucht.“

Zunächst pachteten sie ein Objekt, betrieben einen kleinen Laden. Die Familie vergrößerte sich um Sohn Jochen und Tochter Friderike, ein Haus in der Stadt Gobabis am Rand der Kalahari-Steppe wurde gekauft. Von dort aus bauten sie nach und nach die Farm „Boxhagen“ der Schmidt von Wühlischs aus und modernisierten die Anlage. „Es gab enorm viel zu tun: Viele Zäune waren kaputt, es fehlte an Garagen und Wirtschaftsgebäuden, an Arbeiterhäusern, und auch das Wohnhaus war sehr renovierungsbedürftig und viel zu klein.“

Neben der Arbeit im Stadthaus hatte die junge Frau aus Hachmühlen ein enormes Pensum zu bewältigen: Jedes Wochenende mussten die Kinder aus dem rund 220 Kilometer entfernten Schülerheim bei Windhoek nach Haus und wieder zurückgebracht werden. Ehrenämter in der Schule, ein Sekretärinnen-Job im Gemeindekirchenrat, die komplette Buchhaltung der Firma ihres Mannes, die Lohnbuchhaltung für die Farm, Fortbildung im Bereich Arbeitsrecht, täglicher Einsatz der Bauarbeiter auf der Farm und die Versorgung der Rinder hielten sie auf Trab. Ehemann Hanko war meistens unterwegs, um in sehr entlegenen Gegenden Wasserstellen zu schaffen, die von Dorfgemeinschaften oder Neufarmern benötigt wurden. Damit verdiente er das Geld, das die Familie in den Ausbau der Farm und die Rinderherden steckte.

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Vor sechs Jahren zogen Schmidt von Wühlischs ganz auf ihre Farm – mit zugepachteten Flächen war sie inzwischen auf 10 000 Hektar angewachsen. Kurz danach kamen die ersten Sangas, eine alte einheimische Rinderrasse, zur Zucht auf den Betrieb. „Das war ein revolutionärer Schritt,“ erinnert sich die passionierte Farmerin. Für sie auch ein Sprung ins kalte Wasser, denn ihr Mann hatte für die Sangas-Zucht eine Bedingung gestellt: Sie müsse profitabel sein. „Also ließ ich mich schulen – in Beurteilungskursen auf der Staatsfarm Sandveld, die bereits enorm erfolgreich mit den Sangas arbeitet“, so Eva Schmidt von Wühlisch. Zur Erklärung ihrer Faszination für die Tiere muss sie etwas weiter ausholen: Die Rasse entstand aus Kreuzungen europäischer Rinder mit Zebus, ihre Entwicklung südwärts über den afrikanischen Kontinent lässt sich rund 6000 Jahre zurückverfolgen. „Sie sind die traditionelle Rinderrasse der Einheimischen, speziell der Himbas und Ovambos. Der wissenschaftlich-zoologische Name ist Bos taurus africanus. Die Tiere haben sich über die Jahrhunderte an ihre jeweilige Umgebung angepasst. Viele starben an Krankheiten, die die Tsetsefliege überträgt – nur die abgehärtetsten überlebten.“ Ganz besonders begeistert Eva Schmidt von Wühlisch an ihren Tieren, dass sie ein absolutes „Produkt der Natur“ seien, „Der Mensch hat sich bis jetzt nicht einmischen können, die Natur war immer stärker.“

Die Rasse sei sehr fruchtbar, gerade auch in schlechten, regenarmen Zeiten. Eva Schmidt von Wühlisch: „Wenn ich mich wirklich mal einsam fühle auf der Farm, nehme ich mir einen Klappstuhl, rufe meinen Hund und setze mich zwischen die ruhenden Kühe und Kälber. Es gibt immer genügend neugierige Jungtiere, die sich dann um meinen Stuhl herum in Positur werfen müssen. Das ersetzt jeden Kinofilm.“ Auf einen Umstand weist sie auch nach vielen Jahren in Afrika noch besonders hin: Das Warten auf Regen gegen Ende des Winters. „Die Natur entschädigt uns für viele Mühen, aus ihrer Schönheit ziehen wir Kraft“, sagt die Frau, die eigentlich nur ein Jahr in Afrika bleiben wollte.

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