weather-image
Auf den Spuren der heimischen Wünschelrutengänger

„Jedweder Zweifel böswillig“

Nachdem Herr von Bülow eine Stelle gefunden hatte, wo die Rute, wenn er sie hielt, lebhaft in die Höhe schlug, gab er sie mir zu halten“, heißt es in einem im August 1906 in der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung abgedruckten Leserbrief einer namentlich nicht genannten Dame. Doch in ihrer Hand habe die Gerte keinen Mucks gemacht. „Vergeblich ging ich über die Stelle, sie rührte und regte sich nicht“. Erst als ihr von Bülow seine Hand auf den Arm gelegt habe, sei die Rute – wenn auch „langsam und kraftlos“ – wieder zum Leben erwacht. Andersherum habe es besser geklappt. „Daraufhin nahm von Bülow die Rute wieder selbst und ich legte ihm die Hand auf“. Das Ergebnis beschrieb die Augenzeugin so: „Die Rute hob sich kräftiger wie vorher, doch nicht so energisch, als wenn von Bülow sie allein hielt“.

270_008_6646968_fe_RuteBurg_0510.jpg

Autor:

VON WILHELM GERNTRUP

Der Bericht der „geschätzten Leserin unseres Blattes“ (Anmerkung der Redaktion) über ihre Erfahrung mit der Rute des Herrn von Bülow war nur eine von zahlreichen Geschichten, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Sachen „Wünschelrute“ in Umlauf waren. Auch die heimischen Zeitungen hielten ihre Leser bis in die 1920er Jahre hinein in regelmäßigen Abständen auf dem Laufenden. Dabei tauchte des Öfteren auch der Name des besagten Herrn von Bülow auf. Es handelte sich um den königlich-preußischen Landrat des Kreises Eckernförde, Cai Friedrich Gustav von Bülow (1851-1910). Der Spross eines alten mecklenburgischen Adelsgeschlechts und Herr auf Gut Bothkamp in Ostholstein war einer der eifrigsten und bekanntesten Rutengängerseiner Zeit.

Das Interesse der damaligen Zeitgenossen am „Rutengeläuf“ kam nicht von ungefähr: Deutschlands höchster staatlicher Würdenträger, Kaiser Wilhelm II., war als Wünschelruten-Fan bekannt. Glaubwürdigen Berichten zufolge konnte sich seine Majestät mit geradezu kindlicher Begeisterung an Rutengänger-Vorführungen erfreuen. So hatte er während eines Besuchs in der preußischen Provinzmetropole Kassel einen Oberst a. D. namens Hans Georg zu Schönaich-Carolath herbeiholen lassen. Der adlige Ex-Landrat gehörte – wie sein Berufskollege Cai von Bülow – zur damaligen deutschen Rutengänger-Elite.

Schönaich enttäuschte seine hochwohlgeborenen Zuschauer nicht. Die Gäste aus Berlin kamen aus dem Staunen nicht heraus. „Zunächst ließ die Kaiserin Geldmünzen verstecken, welche der Prinz Carolath mit der Wünschelrute sogleich auffand“, wusste das „Casseler Tageblatt“ tags darauf zu berichten. Ebenso schnell habe der Oberst unter dem Beifall der Hofgesellschaft einen neben dem Schloss in einem Sandhaufen versteckten Brillantring sowie mehrere andere Schmuckstücke aufgespürt. Höhepunkt seien Erkundungsausflüge in die Umgebung des herrschaftlichen Areals zwecks Aufspürens möglicher Wasseradern gewesen. Schönaich habe nicht nur mehrere Quellen festgestellt, sondern auch überzeugend und glaubhaft deren exakte Lage und Tiefe bestimmt. Daraufhin habe der Kaiser den dringenden Wunsch geäußert, „dass die Kraft der Wünschelrute allgemein bekannt werden sollte, weil dadurch viel Nützliches erreicht werden kann“.

270_008_6646973_fe_RutengaenValle_0510.jpg
270_008_6646974_fe_RuteWahrh_0510.jpg
270_008_6646969_fe_RuteClemen_0510.jpg
  • Clementine von Münchhausen

Der Vorschlag des Kaisers fiel auf fruchtbaren Boden. Der Glaube an übersinnliche Kräfte war weit verbreitet. Das segensreiche Wirken der gabelförmigen Hasel- und/oder Weidenzweige war in vielen Büchern verewigt. Angesichts dieser Gemengelage hielt sich die Zahl der Geologen und Mediziner, die das Ganze öffentlich als Mumpitz zu bezeichnen wagten, in sehr engen Grenzen. Statt ihrer nahmen sich selbsternannte „Fachleute“, darunter auffällig viele höhere königlich-preußische Beamte und Adlige, des Themas an. Mit der Untersuchung der Wasservorkommen in Deutsch-Südwest-Afrika beauftragte die kaiserliche Regierung den Ruten-Liebhaber Rafael von Uslar, seines Zeichens Landrat im preußisch-schleswig-holsteinischen Landkreis Apenrade. Dass das Ergebnis von dessen zwei Jahre andauernder Mission äußerst mager und fragwürdig ausfiel, wurde kaum kritisch hinterfragt. Im Gegenteil. 1911 taten sich die konservativen Hobby-Rutengänger zu einem „Verband zur Klärung der Wünschelrutenfrage“ zusammen. In einer regelmäßig erscheinenden Schriftenreihe wurde hartnäckig die These von der großen Bedeutung des „Wünschelrutenphänomens“ vertreten. Höhepunkt der Kampagne war eine Resolution der Teilnehmer des Verbandstreffens im September 1913 in Halle an der Saale. Darin wurde jedweder Zweifel an ihrer Methode für böswillig und unzulässig erklärt.

Welche Rolle das Wünschelruten-Thema einst im Schaumburger Land spielte, ist unerforscht. Beim Durchblättern der einschlägigen Akten fallen zwei Vorgänge ins Auge.

1904 überredete Clementine von Münchhausen (1846-1913), geb. von der Gabelentz, Hausherrin auf Schloss Apelern und Mutter des Balladendichters Börries von Münchhausen, den ihr persönlich bekannten Cai von Bülow zu einer spektakulären Schatzsuche-Aktion. Ziel war die in der Nähe des Münchhausen-Besitzes Windischleuba gelegene Burg Gnandstein. Nach Darstellung der Baronin war in der alten Wehranlage einst ein kostbarer Schatz versteckt worden. Ihr verstorbener Großvater habe ihr von mehreren, in den unterirdischen Katakomben lagernden Kisten voller Gold, Diamantschmuck und Münzen erzählt. Ein ehemals vorhandener Lageplan sei verbrannt. Von Bülow war Feuer und Flamme. Seine Rute sei für Gold besonders empfänglich, ließ er die verehrte Baronin in Apelern wissen. Es kam zu mehreren, immer wieder aus Termin- und Krankheitsgründen abgesagten und neu abgesprochenen Verabredungen. Ob die Schatzsuche irgendwann tatsächlich über die Bühne ging, geht aus dem im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Schriftwechsel nicht hervor.

Unaufgeklärt blieb auch das Wünschelruten-Unternehmen „Ibornquelle“ in Hessisch Oldendorf. Der Magistrat der Stadt hatte Ende 1918 einen Rutengänger namens Johann Schreiber mit der Ausfertigung eines „Wassermutungsberichts“ beauftragt. Auslöser war der nachlassende und zeitweise komplett ausbleibende Wasserdruck in den öffentlichen Leitungen während der trockenen Jahreszeit. Tatsächlich wurde Schreiber an etlichen Stellen fündig. Besonders heftig schlug seine Gerte in der Gemarkung Rohden unterhalb der Ibornquelle aus. Der Bericht kostete 35 Mark. Ob das Gutachten seinen Preis wert war, wird man wohl nie erfahren. Vor Beginn der von Schreiber vorgeschlagenen Grabungen bekam der Magistrat kalte Füße. Der Ausbau der städtischen Wasserversorgung wurde nach den Plänen eines „normal“ (traditionell) vorgehenden Wasserbauingenieurs in Angriff genommen.

Nach Lage der Dinge würden die Leute in Hessisch Oldendorf und andernorts heute kein Geld mehr für Wünschelruten-Untersuchungen ausgeben. „Ein Zusammenhang zwischen Wünschelruten-(Pendel-)Ausschlag und Untergrund ist nicht erwiesen, ja noch nicht einmal wahrscheinlich“, heißt es in einer von den geologischen Landesämtern der Bundesrepublik vor gut 60 Jahren veröffentlichten Erklärung. Deshalb sei „die Wünschelrute zum Aufsuchen von Bodenschätzen jeglicher Art, einschließlich Wasser, völlig unbrauchbar“.

„Warhafftiger und gründlicher Bericht von der Wünschelruthen, kürtzlich zusammen getragen und in unterschiedliche Fragen gestellet von Matthes Willen“, erschienen 1671 (Bild oben).

Rutengänger-Darstellung aus einem von dem französischen Schriftsteller Pierre Le Lorrain (1649-1721), besser bekannt unter dem Namen Abbé de Vallemont, im Jahre 1693 veröffentlichten Werk. (Bild links)



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt