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Jakob Ballmaier und sein Jahr in Indien

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Autor:

Mira Colic

Sein Ziel? Eine andere Kultur, ein anderes Leben kennenzulernen und „natürlich auch einen eigenen kleinen Beitrag zu leisten“, wie der 19-Jährige sagt. Sein Freiwilliges Soziales Jahr absolvierte er in einem Straßenkinderprojekt des internationalen Don Bosco-Hilfswerks „Jugend Eine Welt“. Der christliche Orden hat seinen Schwerpunkt auf die Unterstützung von Kindern in Not in aller Welt gelegt. In dem Heim in Hyderabad, in dem Ballmaier in den vergangenen sieben Monaten gelebt und gearbeitet hat, sind rund 120 Kinder untergebracht, wovon die eine Hälfte zur Schule geht und die andere eine Ausbildung macht. In der Technischen Schule können sie schweißen, schreinern, schneidern, an einer Druckerpresse lernen oder das Handwerk des Bäckers und Elektrikers erlernen. Er sei herzlich empfangen und offen aufgenommen worden. „Als feste Aufgaben hatte ich zum einen Unterricht bei den ,Trade Boys’, die eine Ausbildung absolvieren, zum anderen Hausaufgabenhilfe bei den Schuljungen.“ Die restliche Zeit habe er sich frei einteilen können, sodass Zeit blieb, mit den Jungs zu spielen und selbst ein wenig in den Ausbildungsberufen zu lernen.

Das wohl Wertvollste in diesem Jahr seien für ihn aber die vielen kleinen Freuden des Alltags gewesen, „die mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht haben“. Etwa die „wichtigen Fragen des Lebens“, mit denen ihn die Schuljungs bombardiert hätten, und auf die ihnen sonst keiner eine Antwort zu geben scheine. Fragen wie: „Kann man um 9 morgens auf dem Mars Vitamin D produzieren? Wird der abnehmende Mond wirklich von einer Schlange gefressen? Gibt es Aliens? oder „Wer ist dieser Orion und was hat sein Gürtel am Himmel verloren?“. Er habe „nach bestem Wissen und Gewissen in einer Mischung aus Englisch, Zeichensprache und Skizzen“ zu antworten versucht, so Ballmaier lachend.

Zum Schmunzeln hätten ihn auch die verblüfften Gesichter der Inder gebracht, wenn ein Europäer beherzt nach dem Chillipulver griff, um das Essen nachzuwürzen oder in der Hitze des Tages zur Flex, um beim Glätten der Schweißnähte zu helfen, „oder wenn ich ihnen erklärte, dass Hitler in Deutschland nicht ganz so populär ist“.

„Was mich zum Schmunzeln brachte, war der ,Gute Nachmittag’, den man sich in Indien schon ab 11 Uhr wünscht, die Wortlawinen in Telugu, Hindi oder einer anderen mir unverständlichen Sprache, mit denen ich gelegentlich überschüttet wurde und die Telugu-Schrift, deren Zeichen sich zum Teil immer noch hartnäckig weigern, von mir entschlüsselt zu werden.“ Und sei er mal nicht mit einem breiten Grinsen in der Weltgeschichte umhergegangen, habe immer jemand wissen wollen, was denn los sei, „und hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Rückblickend könne er nur den Kopf schütteln bei der Erinnerung, wie er sich in seiner Anfangszeit in Chennai Regen gewünscht habe, um sich abzukühlen. Ende November wurde die Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt von heftigem Monsunregen heimgesucht, die sich zu der schlimmsten Katastrophe seit dem Tsunami 2014 entwickelten. Tausende Menschen in den Slums der Stadt verloren ihre Häuser, mehrere Hundert ihr Leben. Wenige Tage vor Weihnachten musste der 19-Jährige das Projekt verlassen und nach Deutschland zurückkehren. Mitte Januar führte ihn sein Weg wieder nach Indien, dieses Mal eben nach Hyderabad.

„Auch wenn indische Städte wohl nicht als schön im klassischen Sinne bezeichnet werden können, so kann doch jeder, der sich nicht stressen lässt, ein fast schon anmutiges Chaos beobachten.“ So zum Beispiel Menschen in bunten Kleidern, die furchtlos die überfüllten Straßen überqueren; Verkehr, der wie Wasser um jedes Hindernis herum fließt, seien es Kühe, Pferde, Ziegen oder einfach nur langsame Radfahrer, die auf allen Seiten überholt werden; Mopeds, Mofas, Motorräder, motorisierte Dreiräder, über und über beladene Fahrräder oder Ochsenkarren.

Bereits nach wenigen Wochen habe sich die Neigung der Inder, Feste zu feiern, die er auch schon in Chennai erlebt habe, wieder voll bestätigt: Pongal oder Drachenfest (eine Art Erntedank), das Don-Bosco-Fest aus Anlass seines Todestages, der Republic Day Indiens – keine Gelegenheit werde ausgelassen, zu feiern. „Selbst für die Wahlen in Hyderabad gab es zwei Tage schulfrei, im Nachbarstaat sogar für einen neuen Kinofilm.“

Ballmaiers Fazit: „Insgesamt bin ich sehr glücklich, mich für den Freiwilligendienst entschieden zu haben. Auch wenn es sicherlich nicht immer einfach war und es auch einige erhebliche Schwierigkeiten gab“, sagt Ballmaier und denkt dabei an die Überflutung, die Hitzeperiode mit fast 50 Grad, Krankheiten und Schlafmangel.

Jakob Ballmaier lädt alle Interessierten, die mehr über seine Zeit in Indien und das Hilfsprojekt erfahren möchte, für morgen in das Pfarrheim der katholischen Kirche Bad Münder, Angerstraße 29, ein. Ab 17 Uhr wird er dort mit vielen Bildern von seinem Jahr in Indien berichten.



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