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„Blick zurück macht Mut für die Zukunft“ / Forscher zeigen sich bei umweltfreundlicher Energieversorgung optimistisch

Investitionen in die Erneuerbaren zahlen sich künftig aus

Emmerthal. Mit der Geduld eines Forschers blickt Prof. Dr. Rolf Brendel nach vorn, wenn er die Umwälzungen der Energieversorgung vor sich sieht. Nichts, was abrupt zu schaffen sei. „Da wurde auch in der Vergangenheit in Dekaden gedacht“, sagt der Leiter und Geschäftsführer des Instituts für Solarenergieforschung (ISFH) in Emmerthal. Und doch treibt ihn die Ungeduld, wenn es besonders um die Photovoltaik geht. „Das A und O ist, dass sie rasant schnell billiger wird“, sagt Brendel über die Forschung in seinem Institut, das in den vergangenen Jahren auf 160 Mitarbeiter angewachsen ist und eng mit der Industrie zusammenarbeitet. „Wir merken, dass der Zeitdruck zunimmt. Die Unternehmen wollen Ergebnisse immer schneller haben.“

Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Noch ist die Photovoltaik nicht wettbewerbsfähig, um Sonnenlicht in elektrischen Strom direkt umzuwandeln – doch das könnte sich bis 2020 ändern. „Der Blick zurück macht Mut für die Zukunft“, erinnert der Institutsleiter an die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte mit Innovationen, die immer größere Fortschritte bedeuten. Die Rechnung von Brendel, der dabei von einer linearen Lernkurve spricht: In den vergangenen 30 Jahren seien die Preise für Photovoltaikmodule mit jeder Verdoppelung der weltweit produzierten Menge um 20 Prozent reduziert worden. Wenn die weltweite Wachstumsrate 40 Prozent jährlich betrage, könnten in sechs Jahren die Preise erneut halbiert sein. Strom aus der Sonne werde in Norddeutschland selbst bei einer kleineren weltweiten Wachstumsrate von nur 20 Prozent schon in etwa drei Jahren vergleichbar teuer sein wie konventioneller Strom, da dieser ja immer teurer werde. Sein Wunsch für das Jahr 2020, wenn andere erneuerbaren Energien ebenso ein weiteres Wachstum erleben: Konventionelle Kraftwerke sparen viel Brennstoff ein und emittieren weniger CO2 – ein flexiblerer Betrieb und Speichertechnologien vorausgesetzt.

Wind, Sonne, Biomasse und Co. produzierten laut letzten offiziellen Angaben aus dem Jahr 2009 bereits 16 Prozent des Strom- und 10 Prozent des gesamten Energiebedarfs. Die Bundesregierung hält ihr Energiekonzept für ehrgeizig – bis zur Jahrhundertmitte strebt sie an, die Stromversorgung zu 80 Prozent und die gesamte Energieversorgung zu 50 Prozent auf erneuerbare Energie umzustellen. Dass es schneller geht, glaubt der Forschungsverbund erneuerbare Energien, dem das ISFH angehört. Die Kooperation von einem Dutzend Instituten mit 1800 Mitarbeitern zeigt in einer Studie auf, wie sich bis 2050 zu 100 Prozent eine zuverlässige, kostengünstige und robuste Energieversorgung mit erneuerbaren Quellen in Deutschland erreichen lässt. Dieselbe Jahreszahl im Blick hat die Forschungsinitiative Energie an der Leibniz Universität Hannover – ebenfalls unter Mitwirkung des ISFH. Dabei geht es nicht nur um regenerative Energien, sondern auch um effiziente Kraftwerke oder um intelligente, leistungsfähige Stromnetze. „Das ist eine sehr ermutigende Entwicklung, dass die Experten mehr und mehr miteinander forschen“, sagt Brendel über die interdisziplinäre Zusammenarbeit wie beispielsweise mit Naturwissenschaftlern, Ingenieuren oder Maschinenbauern bis hin zu Philosophen.

Wobei für Prof. Brendel der Vorrang der Erneuerbaren als Gebot für die Zukunft feststeht. „Die Natur hat entschieden“, meint er unter Hinweis auf die begrenzten Ressourcen wie fossile Brennstoffe oder Uran ebenso wie auf den Klimawandel. „Wohin es geht, ist klar – die Frage ist nur, wie viel lässt man es sich kosten.“ Und dabei gehe es nicht nur um ferne Zielmarken wie das Jahr 2050, sondern auch um die nächsten Jahre. „Ich wünsche mir, dass in dem Ehrgeiz, der bislang an den Tag gelegt wurde, nicht nachgelassen wird“, sagt der Institutsleiter. Natürlich sei dies mit finanziellen Belastungen verbunden, doch würden Studien, auch die von Mitgliedern des Forschungsverbundes, nachweisen, dass die gegenwärtig notwendigen Investitionen spätestens ab 2030 durch volkswirtschaftliche Gewinne überkompensiert werden. „Insofern sind die Mehrkosten des Erneuerbare Energien Gesetzes eine Investition des klugen Kaufmanns in seine Zukunft“, sagt Brendel.

Den Institutsleiter treibt die Sorge vor einem Teufelskreis, wenn die Förderung zu stark nachlasse. Gerade das Emmerthaler Solarforschungsinstitut setzt auf die Industrie (und umgekehrt), um die Erkenntnisse aus dem Labor im Bereich Photovoltaik mit immer höheren Wirkungsgraden und preiswerteren Lösungen in der Massenproduktion umzusetzen. Wenn der Markt stagniere, würden keine neuen Produktionsstätten benötigt – und damit keine moderneren Fertigungsanlagen, argumentiert Brendel. „Es ist die Aufgabe der Politik, langfristig zu denken.“ Der Institutsleiter sieht die Notwendigkeit, durch Wind und Sonne auch spürbare Überkapazitäten auf dem Strommarkt zu schaffen – und das werde wohl bis 2020 realisiert sein. Damit wachse parallel der wirtschaftliche Druck, Speichertechnologien zu entwickeln und die Möglichkeit, diese gewinnbringend zu verkaufen. Brendel: „Nur wo unter Konkurrenzdruck Geld verdient werden kann, lassen sich schnelle technologische Fortschritte erzielen.“

Trotz eines gewissen Wohlwollens warnt er davor, mit Desertec zu sehr auf das derzeit ehrgeizigste Infrastrukturprojekt der Welt zu setzen, um in der Wüste Solarstrom auch für Europa zu produzieren. Mit Investitionen in Höhe von 400 Milliarden Euro zu teuer, die Zeiträume zu lang. „Wir sollten nichts auf die lange Desertec-Bank schieben, wenn wir es hier einfacher haben können“, sagt der Solarforscher. Allein im vergangenen Jahr seien in Deutschland Solarstromanlagen mit einer Leistung von mehr als 7000 Megawatt vor allem auf privaten Hausdächern installiert worden – „das entspricht einem kleinen Kernkraftwerk“. „Der kleine Häuslebauer hat die Entwicklung bisher wesentlich mitgetragen, und er sollte weiter eine wichtige Rolle spielen“, wünscht sich Brendel, dass der Staat diese privaten Investitionen auch in den nächsten Jahren angemessen fördert.

Dass die großen Energiekonzerne laut eigener Ankündigung zukünftig verstärkt auf die Sonnenkraft setzen, sieht er zwar positiv, möchte sich darauf aber nicht verlassen müssen. Besonders, wenn er aus seinem Bürofenster des Solarforschungsinstitutes am Ohrberg auf das Atomkraftwerk Grohnde blickt. Prof. Dr. Brendel: „Die Verlängerung der Laufzeiten wird das Engagement für erneuerbare Energien sicher nicht verstärken, sondern eher hinauszögern.“




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