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Arzt erzählt Unglaubliches

Interhelp hilft – ein Rettungswagen für Irpin und Masken gegen Giftgas

HAMELN/IRPIN. Es fließen Tränen der Freude an einem Ort der Finsternis – lebensrettende Hilfe aus dem Weserbergland hat die vom Krieg zerstörte Stadt Irpin in der Ukraine erreicht. Zwei Tage waren ehrenamtliche Interhelper unterwegs – teils auf verschlungenen Wegen.

Autor:

CAROLINE SANTOWSKI
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Der Krieg in der Ukraine tobt weiter. Der Tod lauert überall. Auch im Westen. „Kommt nicht nach Lwiw“, hat uns unser Freund Viktor gesagt. „Unser Militär rechnet mit russischen Raketenangriffen.“ Täglich sterben Menschen, werden Frauen, Männer und Kinder verletzt. Es sind Ärzte und Sanitäter, die ihr Leben riskieren, um Leben zu retten. „Dieser Rettungswagen aus Hameln“, sagt Chefarzt Dr. Anton Dowgopol, „versetzt uns in die Lage, noch mehr Verwundete und Schwerkranke zu retten.“ Der PS-starke Mercedes Transporter ist mit modernen Rettungsgeräten wie Defibrillator, EKG, Beatmungsgerät, Pulsoximeter, Monitoren, Spritzen- und Absaugpumpen, vier Notfallrucksäcken, Sauerstoffflaschen und Notfallmedikamenten ausgestattet.

Wir sind unseren Freunden in Deutschland sehr dankbar, können unser Glück kaum fassen.

Yulia Ustich, Vize-Bürgermeisterin

Yulia Ustich, stellvertretende Bürgermeisterin für humanitäre Angelegenheiten, nickt. „Das ist echte Hilfe zur Selbsthilfe. Wir sind unseren Freunden in Deutschland sehr dankbar, können unser Glück kaum fassen.“ Die Übergabe des Fahrzeugs fand vor ausgebrannten Ruinen statt – sie war dem Fernsehsender ITV einen größeren Bericht wert. Der erste stellvertretende Bürgermeister von Irpin, Andrew Kravchuk, bezeichnete den Rettungswagen als „ein Geschenk, das Leben rettet“.

Seit Mai 2015 hilft Interhelp Notleidenden in Irpin und Butscha. Schon damals tobte ein blutiger Krieg im Osten, waren täglich Tote zu beklagen, mussten Verwundete und Kranke gerettet werden. Es waren Spenden aus dem Weserbergland, die das möglich gemacht haben. Im März 2017 erhielt die Stadt, in der damals 80.000 Einwohner lebten, einen Rettungswagen. Es war das erste und einzige Fahrzeug seiner Art.

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Interhelper Oleksander hat den Rettungswagen in die verwüstete Stadt Irpin gefahren – 18 Stunden war er unterwegs. Foto: Interhelp

„In der Zeit vor und nach der russischen Besatzung haben wir mit diesem Fahrzeug sehr viele Menschen retten können – darunter waren auch Kinder“, erzählt Dr. Dowgopol. Ärzte waren es, die den Rettungswagen rechtzeitig vor dem russischen Einmarsch in Sicherheit brachten. „Wir haben unsere Klinik ausgeräumt und mit diesem Fahrzeug unsere wertvollsten medizinischen Geräte vor der Zerstörung gerettet.“

Butscha ist durch ein Massaker zu trauriger Berühmtheit gekommen

Dann erzählt der Ärztliche Direktor und Chefarzt der Irpin-Klinik eine Geschichte, die unglaublich klingt. Einmal sei er mit dem Interhelp-Rettungswagen in Butscha im Einsatz gewesen. „Da waren russische Truppen. Sie konnten nicht lesen, was an dem Transporter steht. Mit Interhelp – geschrieben in lateinischen Buchstaben – konnten sie nichts anfangen. Sie haben wohl gedacht, wir seien Ausländer und haben uns deshalb nicht gestoppt oder auf uns geschossen.“ Ob das stimmt – niemand kann das sagen. Butscha ist die Stadt, die durch ein Massaker traurige Berühmtheit erlangt hat.

Es sind die Spender aus dem Weserbergland, die es den Freiwilligen überhaupt erst ermöglichen, Hilfe in der Not zu leisten. „Aber auch ohne unsere Freiwilligen könnten wir keine Hilfe leisten, sagt der Interhelp-Vorsitzende Ulrich Behmann. „Für die Spenden- und die Hilfsbereitschaft sind wir sehr dankbar.“ Es sind Rechtsanwälte, Journalisten, Unternehmer, Handwerker, eine Feuerwehrfrau, ein ehemaliger Bundeswehr-Soldat und ein Zahnarzt, die sich in den Dienst der guten Sache stellen. 1819 Kilometer haben die Freiwilligen aus Deutschland und der Ukraine zurückgelegt, Strapazen auf sich genommen und ihre Freizeit geopfert für Menschen in Not.

Die Hilfsgüter wurden auf kleinere Autos und Busse verteilt und direkt in die Kampfgebiete gefahren.

Konvoi-Leiter Roman von Alvensleben

Neben dem Rettungswagen haben Roman von Alvensleben, Dr. Klaus Boettcher, Andreas Diekmann, Stanley König, Axel Schulz, Andreas Paul Schöniger, Ulrich und Leonhard Behmann auch zehn Defibrillatoren, zehn Notfallrucksäcke, lebensrettende Medikamente, blutstillende Spezialverbandsstoffe aus den USA, Aderpressen, Thorax-Entlastungsnadeln, Atemschutzmasken und 600 Spezialfilter, die auch gegen Giftgas schützen, und haltbare Lebensmittel an die Ukraine-Grenze gebracht – mit Transportern, die die Unternehmen Bauerngut in Bückeburg und Schubs Steuerungstechnik aus Hameln kostenlos zur Verfügung gestellt hatten. „Von dort aus wurden die Hilfsgüter auf kleinere Autos und Busse verteilt und direkt in die Kampfgebiete gefahren“, erzählt Konvoi-Leiter Roman von Alvensleben. Wert der Hilfslieferung: mehr als 100 000 Euro.

Die ukrainischen Interhelp-Mitglieder Yevhenia (39) und Oleksander (40) aus Irpin waren diesmal mit dem Zug von Kiew nach Przemysl gereist – in der Woiwodschaft Karpatenvorland im äußersten Südosten Polens fand am späten Abend die Übergabe des Rettungswagens statt. Vor den ukrainischen Helfern lag eine 624 Kilometer lange und keineswegs ungefährliche Reise, die teils durch verwüstete Gebiete führte. 18 Stunden hat sie gedauert.

Sonderkonto für Spenden eingerichtet

Die Interhelper aus Hameln und Bückeburg fielen erst weit nach Mitternacht müde, aber glücklich, in ihre Betten. Mehr als 20 Stunden waren sie an diesem Tag auf den Beinen. Sie gönnten sich nur eine kurze Nachtruhe, denn schon um 10 Uhr ging es zurück ins Weserbergland. „Wir haben in zwei Tagen fast 2500 Kilometer zurückgelegt“, resümiert der Interhelper Andreas Paul Schöniger aus Bückeburg, der schon zum zweiten Mal Hilfsgüter an die Ukraine-Grenze gebracht hat. „Das ist in etwa vier Mal die Strecke Bückeburg-Paris.“

Zahnarzt Dr. Boettcher lächelt zufrieden. „Es war eine tolle Hilfsaktion. Ich bin jederzeit wieder dabei, wenn es darum geht, Menschen in Not zu helfen.“

Wer Interhelp helfen möchte, zu helfen, kann Geld auf diese Sonderkonten spenden.

  • IBAN DE32 2545 0110 0000 0332 33 (Sparkasse Hameln-Weserbergland);
  • IBAN DE49 2546 2160 0700 7000 00 (Volksbank Hameln-Stadthagen).
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