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Integration von Flüchtlingen: Die neuen Baustellen der Vorzeigestadt

BAD MÜNDER. „Es stimmt“, sagt Sina Bruns, Fachdienst-leiterin der Stadt für Integration, „offiziell bekommen wir nur noch vereinzelt Zuweisungen von Flüchtlingen.“ Trotzdem kommen weiter neue Mitbürger in die Kurstadt – als Angehörige von Asylbewerbern, die bereits hier sind. Der Familiennachzug fordert das Organisationstalent von Frau Bruns und ihren Kollegen bei der Stadtverwaltung.

Temporäres Zuhause: Die Stadt nutzt das leerstehende Gebäude an der Wallstraße als Übergangswohnung für Flüchtlingsfamilien auf Wohnungssuche. Foto: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

„Da muss man dann in zwei, drei Wochen mal eben eine größere Wohnung finden.“ Denn die überwiegend männlichen, erwachsenen Flüchtlinge holen, wenn ihr Asylantrag bewilligt wurde, auch ihre Familien nach Bad Münder. Die Frauen und Kinder kommen entweder direkt aus den Krisenländern Irak, Syrien oder Eritrea oder halten sich bereits in Deutschland auf. In Einzelfällen können das laut Bruns sieben bis acht Personen sein, die sich dann auf den Weg nach Bad Münder machen.

Zwei Wochen – so schnell wird selten eine Wohnung für eine große Familie frei. Als Übergangslösung werden die Flüchtlinge laut Bruns in einem freien Gebäude der Stadt untergebracht. An der Wallstraße, in den Räumen der ehemaligen Bücherei, haben die Migranten zunächst ein Dach über dem Kopf – als „Puffer“.

„In der Kernstadt wird der Wohnraum bereits knapp“, erklärt Bruns. Auf den Ortsteilen sei die Lage besser, aber auch weniger attraktiv. „Man kann das schon verstehen: die Flüchtlinge wollen alles zu Fuß erledigen, ohne für den Bus Geld bezahlen zu müssen.“ Autos besitzen die Neuankömmlinge nicht, um zu den Behörden in Hameln oder zum Einkaufen nach Bad Münder zu fahren.

Die Suche nach größeren Wohnungen ist aber nur die eine große Baustelle auf dem Weg zur erfolgreichen Integration der Flüchtlinge, eine weitere die Sprache. Die staatlichen Kurse, die von Bildungsträgern im Landkreis angeboten werden, sind allesamt überfüllt und lange ausgebucht. Bruns: „Menschen, die sich jetzt für Integrations- oder Sprachkurse anmelden, müssen bis Mitte nächsten Jahres warten.“

Die langen Fristen bestätigt auch der Landkreis. Flüchtlingssozialhelfer Sven Schnase weist auf ein weiteres Problem hin: „Die Kurse können von Müttern mit kleinen Kindern meistens nicht angenommen werden.“ Während der täglich stattfindenden Kurse kann niemand den Nachwuchs betreuen. „Angebote von ehrenamtlichen Helfern, die zuhause mit den Flüchtlingen Deutsch lernen, sind oft die letzte Möglichkeit.“ Dabei fehle aber die Regelmäßigkeit. „Das bringt was, die täglichen Kurse sind aber effektiver.“

Bad Münder bleibe laut Schnase weiter eine Vorzeigestadt in Sachen Integration. „Die Vorleistungen machen sich deutlich bemerkbar“, sagt er und nennt die Sozialraum-AG und den Arbeitskreis gegen Ausländerfeindlichkeit als Beispiele. „Die Stadt genießt einen guten Ruf.“

Flüchtlinge helfen
Flüchtlingen

Der Mitarbeiter des Landkreises bemerkt außerdem, dass auch die Fragen der Flüchtlinge genauer werden: „Es wird inzwischen konkreter nach medizinischer Versorgung, Praktika, Ausbildungsplätzen und vielem mehr gefragt.“ Und, worüber sich Schnase sehr freut: die Hilfe unter den Flüchtlingen nimmt zu. Asylbewerber, die erst vor wenigen Monaten ankamen, melden sich inzwischen als Sprachvermittler, helfen bei Anträgen, Formularen und Behördengängen.

Somit wissen die Flüchtlinge inzwischen auch besser über ihre Rechte Bescheid – beispielsweise, wenn sie nur subsidiären Schutz erhalten (siehe Infokasten). Schnase beobachtet, dass immer mehr Asylbewerber gegen den eingeschränkten Flüchtlingsstatus klagen. „Da schwappt gerade eine Welle durchs Land“, so Schnase. Ein Rechtsbeistand, den sich auch Flüchtlinge in Bad Münder wünschen, sich viele aber nicht mehr leisten können: „Die Klagen werden immer teurer.“ Vor einigen Monaten hatten Integrationslotsen noch von 400 Euro Anwaltskosten berichtet, inzwischen würden Juristen bis zu 1800 Euro verlangen.



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