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Ingo Eppens hat es nie bereut, in Springe zu bleiben

SPRINGE. „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wenn Ingo Eppens an seine Kindheit in Springe denkt, habe er das Gefühl, dass es den Kindern eben genau dann besser ging, als es ihnen eigentlich gar nicht so gut ging.

Die Kinder des Kindergartens „An der Bleiche“ auf großer Tour: Dieses Foto entstand 1964. FOTO: EPPENS
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Saskia Helmbrecht Redakteurin zur Autorenseite

Schlecht reden will er die Stadt nicht – schließlich habe er sich bewusst dazu entschieden, in Springe bleiben zu wollen. Der 59-Jährige ist in Springe zur Grundschule gegangen, hat die Realschule und das Otto-Hahn-Gymnasium besucht und machte 1980 sein Abitur schließlich im Internat Dassel. Nach den drei Jahren im Internat studierte Eppens im Ausland in den Niederlanden und kam so viel rum in der Welt. „Am Ende kehrte ich zurück nach Springe zum Ort meiner Wurzeln, ich habe viel gesehen, wollte aber wieder in die Heimat und diese Entscheidung habe ich nie bereut.“ Was ihm besonders gefällt: der freundschaftliche Umgang in Springe. „Man hat hier viele, verbindende Erinnerungen, was man hier erlebt hat und da erinnert man sich gerne an die Zeit.“

Und diese Erinnerungen möchte er nie missen – etwa an Kühne in der Bahnhofstraße „mit dem speziellen Geruch aus Tabak, Zeitschriften Süßigkeiten und Schweiß“, sagt Eppens mit einem Schmunzeln. Bei Frau Garz in der Rosenstraße wurde die Milch geholt, die noch in die Kanne gepumpt wurde. Und bei der Schlachterei Semisch in der Friedrichstraße bekamen die Kinder immer eine Scheibe Mortadella. Es seien diese vielen, kleinen Läden gewesen, wie Plener oder der kleine Edeka am Ende der Friedrichstraße gewesen, die das Stadtbild geprägt hätten. „Das Leben war durchwirkt mit viel mehr Herz und Seele. Überall gab es kleine Läden, in dem die Menschen eben für diesen Laden, also auch sich selbst, arbeiteten und das ging nur mit Herz und Seele.“

Es habe aber auch schon besser sortierte Geschäfte wie Tengelmann und Vivo Vogel in der Langen Straße gegeben. „Glücklich machen konnte man uns Kinder ganz leicht. Ein Groschen genügte schon und man konnte sich aus den kleinen Kaugummiautomaten die schönsten Sachen ziehen, Kaugummis, Spielzeug, kleine Taschenmesser und mit etwas Glück auch mal ein Mini-Feuerzeug, über das sich damals niemand aufregte, denn man war nicht so von Angst verzehrt wie heute“, sagt Eppens. Und Springe hatte, laut Eppens, das größte Freibad Niedersachsens mit einer großen Wiese zum Toben und niemand habe sich über spielende Kinder aufgeregt, das sei normal gewesen.

Das Schützenfest sei sein jährlicher Höhepunkt gewesen, das mitten in der Stadt „ohne Aufregung und selbstempfundene Lärmbelästigung“ gefeiert wurde – und ins Kino konnten die Kinder in Springe auch noch gehen, zum Beispiel zu Friese oder in den Ratskeller. „Und im Winter hatten wir die allerbeste Rodelbahn, die man sich vorstellen kann. Von Köllnischfeld über die S-Kurve bei besten Bedingungen fast bis zum Bahnübergang.“ Und genau an die erinnerten sich heute noch viele Springer.

Sein größtes Glück sei gewesen, dass es in Springe noch ein Krankenhaus gab: „Ich hatte mir, neben etlichen anderen Verletzungen, mal den Stabhandmixer meiner Mutter im zarten Alter von sechs Jahren so ungünstig in Gesichtsnähe gehalten, dass er meine Unterlippe wegzauberte“, erzählt Eppens. „Der Blutverlust war recht hoch, doch die Hilfe war nur zwei Kilometer entfernt und Dr. Schau konnte beweisen, was für ein großartiger Chirurg in Springe tätig war“, erinnert er sich.

In den Siebzigerjahren habe die Stadt noch so viel Geld gehabt, dass im Ort ein Hallenbad gebaut wurde. Gleichzeitig wurde damit das Freibad geopfert – „Mit dem Versprechen, dass wir ein neues bekommen. Heute haben wir kaum noch das Geld, um das Hallenbad zu erhalten“, bedauert er.

Gefeiert werden konnte auch noch bis spät in die Nacht, mit den Diskotheken und mehreren Kneipen sei die Stadt gut aufgestellt gewesen. „Nicht zu vergessen die Bierbar, die wohl für viele Generationen unvergessen bleiben wird“, ist sich der Springer sicher. „Wir hatten keine Handys, Computer oder ständig laufende Fernsehprogramme. Wir hatten direkte Kommunikation, Ideen, viel Bewegung, viele Freiheiten und wenig Ängste.“ Heute etwa hätten seine Söhne schon Portale wie Schüler-VZ genutzt – aus seiner Sicht nicht sinnvoll.

„Vor allem hatten wir in Springe echte Freunde und haben unsere Zeit sinnvoll genutzt. Es mangelte uns an nichts, weil wir unsere Bedürfnisse kostengünstig befriedigen konnten. Heute werden unnötige Bedürfnisse geweckt, die die Eltern nur unter erheblicher finanzieller Belastung decken können. Wir waren eben einfach mit wenig zufrieden. Wir hatten nichts von dem, das der Jugend heute wichtig scheint aber mehr als genug von den Dingen, die das Leben erst lebenswert machen.“

Alle bisherigen Artikel zu unserer Serie finden Sie auf unserer Homepage unter www.ndz.de/aufgewachsen.



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